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Kampf gegen Dschihadisten: Großajatollah ruft Iraker zu den Waffen

Irak: Sistani ruft zum Kampf gegen ISIS Fotos
AFP

Das geistliche Oberhaupt der Schiiten im Irak fordert die Bürger zum Kampf gegen die vorrückenden Dschihadisten auf. Nachbar Iran erwägt im Kampf gegen den Terror sogar eine Kooperation mit den Amerikanern. Die Uno fürchtet Massenhinrichtungen.

Bagdad - Er ist seit mehr als zwei Jahrzehnten der ranghöchste schiitische Geistliche im Irak. Nun hat Großajatollah Ali al-Sistani seine Landesleute zum Widerstand gegen die sunnitischen Dschihadisten aufgerufen. Die Bürger sollten zu den Waffen greifen und "ihr Land, ihr Volk und ihre heiligen Stätten verteidigen" sagte ein Sprecher Sistanis beim Freitagsgebet in der Schiiten-Hochburg Kerbela. Wer könne, solle sich den Sicherheitskräften im Kampf gegen die Dschihadisten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien, kurz Isis, anschließen.

Bis zum Sturz des Saddam-Regimes 2003 stand Sistani unter Hausarrest. Der 83-Jährige äußert sich selten zu politischen Fragen. Er vertritt eigentlich den Standpunkt, dass sich religiöse Würdenträger aus der Tagespolitik heraushalten sollten. Eine religiöse schiitische Regierung wie in Iran lehnt er ab. Umso bemerkenswerter ist nun sein Appell.

Sistani reagiert mit seinem Aufruf auf die Blitzoffensive der sunnitischen Dschihadisten im Irak. Nach Angaben der Polizei lieferten sich die Armee und Isis-Aufständische wieder heftige Kämpfe vor allem in der Region um die Stadt Mukdadijah.

Die Entwicklung im Irak wird auch im Nachbarland Iran mit großer Sorge beobachtet. Um den Vormarsch der Islamisten zu stoppen, prüft die Regierung in Teheran offenbar sogar eine Zusammenarbeit mit dem einstigen Erzfeind USA. "Wir können gemeinsam mit den Amerikanern den Aufstand im Nahen Osten beenden", sagte ein hochrangiger iranischer Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir haben großen Einfluss im Irak, in Syrien und in anderen Staaten." Über eine Kooperation werde gegenwärtig innerhalb der iranischen Führung diskutiert. Von Seiten der Amerikaner hieß es, es gebe keine Gespräche mit dem Iran bezüglich des Konflikts im Irak.

Einflussgebiet der Isis (gelb) und kurdische Siedlungsgebiete (grün) Zur Großansicht
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Einflussgebiet der Isis (gelb) und kurdische Siedlungsgebiete (grün)

US-Außenminister John Kerry sagte am Freitag zum Thema Irak, Präsident Barack Obama werde im Hinblick auf die Schwere der Situation eine "rechtzeitige Entscheidung" treffen. So zitiert ihn die Nachrichtenagentur Reuters.

800.000 Menschen auf der Flucht

Die Gefechte im Land haben inzwischen vermutlich Hunderte Menschen das Leben gekostet, sagte ein Uno-Sprecher. Die Uno-Menschenrechtsbeauftragte Navi Pillay sei äußerst besorgt über Massenhinrichtungen und die Vertreibung von rund einer halben Million Menschen aus dem Land. Vier Frauen hätten Selbstmord begangen, nachdem sie vergewaltigt worden waren, 16 Jordanier wurden entführt, von den Militanten entlassene Gefangene seien auf der Suche nach Rache, sagte der Sprecher.

Etwa 800.000 Menschen sind laut Uno-Angaben auf der Flucht. Allein in dieser Woche hätten 300.000 Iraker versucht, sich in Sicherheit zu bringen. Sie flohen nach Arbil und Dohok, als militante Kämpfer die Kontrolle über die Regionen übernahmen. Die Flüchtlinge erreichten die Camps nur mit der Kleidung, die sie trugen - ohne Geld und Ziel. Das sagte Uno-Sprecher Adrian Edwards.

Das Uno-Welternährungsprogramm hat nun die Notversorgung für rund 42.000 Menschen aufgenommen, die aus der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul vertrieben wurden. Als erste Hilfsmaßnahme werden 550 Tonnen Nahrungsmittel pro Monat in die Region geschickt, teilte die Organisation mit.

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

vek/kes/AFP/AP/Reuters

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1. Interessante Kombinationen
teacher20 13.06.2014
Wenn selbst dem schiitischen Iran mit seinen nicht immer moderaten Verbündeten (Hizballah) die vorrückenden sunnitischen Fundamentalisten als Bedrohung erscheinen, ergeben sich interessante außenpolitische Konstellationen. Selbstverständlich geht es dem Iran nicht in erster Linie um die territoriale Unversehrtheit des Irak, sondern um den möglichen Einfluss auf dieses Land mit Hilfe des nicht unerheblichen schiitischen Bevölkerungsteils. In diesem Fall ist sogar der amerikanische "Satan" in sehr pragmatischer Weise als "Verbündeter" willkommen, der die Hauptlast der Gegenwehr leisten soll. Wenn die USA resp. der Westen sich dieser möglichen Fallstricke bewusst sind, bietet sich hier eine goldene Gelegenheit, Einfluss in der Region zurückzugewinnen (ohne allzu hohe personelle Verluste zu riskieren), indem man dafür sorgt, dass keine Seite zu stark wird, sich vielmehr die sunnitischen und schiitischen Todfeinde (der Islam ist nämlich keineswegs so monolithisch, wie er aus westlicher Sicht erscheinen mag und das ist nur EINE der vielen Bruchlinien innerhalb dieser Religion) gegenseitig neutralisieren.
2. Geheimwaffe
gepo37 13.06.2014
Wenn Washington + die EU + und die Merkel erst ihre Geheimwaffe hervorholen, werden die Islamisten sofort die Fluchtergreifen. Sie müssen nur, wie in Sachen Ukraine gut geübt, lautstark das Wort Wirtschaftssanktionen rufen, pausenlos das Wort Wirtschaftssanktionen. Und überhaupt: Honter dem Vormarsch der Extremisten im Irak steckt natürlich Rußland. Das hat mir Jazenjuk in Kiew zugesteckt!
3. In den letzten Jahren hat sich schon
willibaldus 13.06.2014
abgezeichnet, dass die Amerikaner mehr auf die Iraner zugegangen sind und sich von Saudi Arabien langsam abwenden. Im Syrien Krieg haben wir schon deutlich gesehen, dass sich die USA nicht vor den Karren der Saudis spannen liessen, allenfalls blabla gezeigt haben und auch in Ägypten haben sie sich mit den Muslimbrüdern eingelassen, den Erzfeinden der Saudis. Mit der neuen Energieunabhängigkeit kommt vielleicht auch eine strategische Neuorientierung, wer weiss. Wie nachhaltig diese Energieunabhängigkeit ist, mag die Zukunft zeigen. Ich bin da etwas skeptisch.
4. Die Amis mal wieder
nichtdoch 13.06.2014
Soweit ich unterichtet bin wurde Deutschland auch von den Amis/Allierten befriedet,aber um zu denken benoetigt der Mensch eben ein {dauerhaftes} erinnerungs vermoegen,was aber vielen Deutschen anscheined fehlt!
5. 743
otto_iii 13.06.2014
Wenn die USA und der Iran das Chaos im Zweistromland zum Anlaß nähmen, sich nach Jahrzehnten des kalten Krieges ansatzweise auszusöhnen und zusammenzuarbeiten, wäre die Chance gegeben, den zersetzenden Einfluß der dekadenten Golfmonarchien einzudämmen und eine Friedens- und Fortschrittsperspektive für den gesamten mittleren Osten zu eröffnen.
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Terror im Irak: Islamisten ziehen Türkei in den Dschihad

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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