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Kampf gegen IS im Irak: Amnesty International wirft schiitischen Milizen Kriegsverbrechen vor

Schiitische Milizionäre im Irak: Menschenrechtler erheben schwere Vorwürfe Zur Großansicht
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Schiitische Milizionäre im Irak: Menschenrechtler erheben schwere Vorwürfe

Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" setzt die irakische Regierung auf schiitische Milizen. Doch auch diese Kämpfer sind äußerst brutal. Amnesty International wirft ihnen Gräueltaten vor.

Bagdad - Der "Islamische Staat" (IS) versetzt Millionen Iraker in Angst und Schrecken. Im Kampf gegen die sunnitische Terrororganisation setzt die Regierung in Bagdad maßgeblich auf schiitische Milizen. Doch auch diese Feinde des IS sind für schwere Menschenrechtsverstöße verantwortlich. Das geht aus einem neuen Bericht von Amnesty International hervor.

Diese schiitischen Gruppen, die auch von Iran ausgerüstet und trainiert werden, haben in den vergangenen Monaten Dutzende Sunniten entführt und ermordet. "Indem die Regierung in Bagdad Milizen gewähren lässt, solche schrecklichen Taten routinemäßig zu begehen, billigt sie Kriegsverbrechen und fördert einen Teufelskreis von religiös motivierter Gewalt, der das Land weiter auseinanderreißt", sagt Donatella Rovera, Krisenbeauftragte von Amnesty International. "Die irakische Regierung muss endlich aufhören, die Herrschaft der Milizen zu unterstützen."

Der Bericht liefert Details zu religiös motivierten Gewalttaten der schiitischen Milizen in Bagdad, Samarra und Kirkuk. Sie tragen häufig Militäruniformen und operieren ohne offizielle Überwachung. Anscheinend wollen sie sich für Angriffe des IS rächen. Dutzende nicht identifizierter Leichen, mit Handschellen gefesselt und mit Schusswunden im Kopf, sind an verschiedenen Orten im Land gefunden worden. Das lässt ein Muster gezielter Tötungen erkennen.

Amnesty appelliert an die irakische Regierung

Offenbar haben die schiitischen Banden ihre Opfer sogar getötet, nachdem die Angehörigen Lösegelder von bis zu 80.000 US-Dollar gezahlt hatten. "Ich habe Freunde und Bekannte um Lösegeld angefleht, um meinen Sohn zu retten", berichtete eine Mutter der Menschenrechtsorganisation. "Aber nachdem ich das Geld bezahlt hatte, töteten sie ihn. Jetzt weiß ich nicht, wie ich das Geld zurückzahlen soll, schließlich war mein Sohn der Einzige in der Familie, der Arbeit hatte."

"Die irakischen Behörden haben es unterlassen, diese Milizen je für Kriegsverbrechen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft zu ziehen", kritisiert Donatella Rovera. "Damit haben sie ihnen sozusagen freie Hand gegeben, willkürlich gegen die Sunniten zu wüten. Die neue irakische Regierung unter Präsident Haidar al-Abadi muss jetzt dringend handeln, die Milizen wieder kontrollieren und Rechtsstaatlichkeit herstellen."

syd

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Wer will das wissen
hatschon 14.10.2014
und wer will darüber richten . Diese Gewalt ist nicht mehr kontrollierbar und überhaupt gibt es dafür Gründe?
2. Jeder gegen Jeden
melea 14.10.2014
Der Konflikt läuft völlig aus dem Ruder. Jeder der einen Verlust erlitten hat rächt diesen nun an Jedem, den er irgendwie als den Feind erachtet. Allen gemeinsam ist Haß, Angst und Brutalität gegenüber Mitmenschen. Alle zivilisatorischen Schranken sind gefallen, es herrscht nur noch rohe, zügellose Gewalt die als "Religion" rationalisiert wird. Menschen als entfesselte Tiere. Apokalyptisch, "Mad Max" ist hier Realität.
3. Als Unterstützer von AI bin ich nicht zum erstenmal
seffel 14.10.2014
völlig irritiert über Stellungnahmen von AI. Zum "Islamischen Staat" ist mir noch keine entsprechende Stellungnahme bekannt. Donatella Rovera sollte endlich erkennen, dass das Hauptproblem der "Islamische Staat" mit seinem völlig menschrechtsfreien Vorgehen ist. Auf der gleichen SPON-Seite gibt der IS nicht nur zu, sondern ist auch noch stolz darauf, tausende Frauen versklavt und verkauft zu haben. Der IS zieht eine Schneise der Verwüstung durch die Länder, richtet wahllos Menschen hin, präsentiert voll Stolz abgeschlagene Köpfe und von AI hört man nichts dazu! Aber AI stellt diejenigen an den Pranger, die sich mit allen Mitteln gegen diese schlimmer als im tiefsten Mittelater marodierenden, alle Menschenrecht verachtenden Schlächter wehren, während der Großteil der sogenannten zivilisierten Menschheit und allen voran die Supermächte fast nur zusehen. AI stellt auch die den IS unterstützenden Staaten nicht an den Pranger, aber diejenigen, die schiitische Milizen unterstützen. Ich kenne keine Stellungnahme von AI dazu, wer den IS zur Rechenschaft ziehen soll. Sicherlich sind die Menschenrechtsverletzungen der schiitischen Milizen untragbar, aber die Gewichtung durch AI ist nicht nachvollziehbar. AI sollte endlich klar werden, dass dort wo der IS marodiert, weder mit Maßstäben von Menschenrechten noch Rechtsstaatlichkeit gemessen werden kann, denn hier geht es schlicht und einfach ums Überleben. Und wenn jemandem Existenz und Leben genommen werden soll, dann halte ich alle Mittel, um das zu verhindern, für gerechtfertigt. Daher muss ich demnächst gründlich überdenken, ob für mich angesichts der einseitigen Verurteilungen und der anscheinenden Ferne von aller Lebenswirklichkeit von AI, meine weitere Mitgliedschaft bei AI noch Sinn macht. Hier offenbart sich nämlich exemplarisch das fundamentale Problem von AI sehr deutlich: AI hat nämlich bei Gruppierungen oder Staaten (wie z. B. Nord-Korea), die weder Rechtsstaatlichkeit noch Menschenrechte anerkennen und sich abseits jeglicher Art von demokratischen Verhältnissen halten, keinerlei Einflussmöglichkeiten. Daher versucht AI auf demokratisch ausgerichtete Systeme Einfluss zu nehemen, indem sie diesen, an Konflikten mit den eben genannten undemokratischen bzw. religiös-fanatischen Systemen beteiligten, Menschenrechtsverletzungen vorwirft und sie des Weiterdrehens der Gewaltspirale bezichtigt, während die Ursachen des Problems anscheinend ignoriert werden. Und das ist meines Erachtens eine Sackgasse.
4. scheiß
stozer 14.10.2014
Beschissener Witz ist dieser Artikel. Im Gegensatz zur den ISiS sind die nicht mal erwähnenswert
5.
Jom_2011 14.10.2014
Das zeigt mir nur eins: manche Gruppierungen unterscheiden sich nur um Nuancen und es wäre mehr als fatal, wenn wir uns da unten einmischen würden, mit Militär. Man unterstützt, letztendlich, immer die falschen.
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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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