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Arbil im Nordirak: Kurdistans Dream City in Angst vor den IS-Milizen

Aus Arbil berichtet

REUTERS

Einkaufszentren, Designer-Boutiquen, Villenviertel: Arbil in Kurdistan war eine aufstrebende Metropole. Doch jetzt stehen die IS-Milizen vor der Stadt. Minderheiten fürchten um ihr Leben - denn manche Einwohner sympathisieren mit den Extremisten.

Bis vor Kurzem war Nevin F. noch zuversichtlich, sich seinen Lebenstraum erfüllen zu können: gemeinsam mit seinen Brüdern in seiner Heimatstadt Arbil, im Nordirak, ein Hotel zu betreiben. Sie machten Schulden, investierten Millionensummen und ließen einen siebenstöckigen Bau errichten. Jahrelang war Frieden. Mitte Juni eröffneten sie ihr Vier-Sterne-Hotel.

Keine zwei Monate später, im August, standen Milizen des "Islamischen Staats" (IS) nur dreißig Kilometer vor der Stadtgrenze, eroberten unter anderem die Orte Gwer und Makhmour. Zwischen Arbil und den Dschihadisten lag jetzt nur noch eine Straße auf ebener Fläche.

Panik brach aus, als sich die Nachricht von der Eroberung der Millionenstadt Mossul durch IS-Milizen verbreitete, etwa achtzig Kilometer weiter westlich. Denn Hunderttausende Flüchtlinge kamen nun von dort und erzählten von Erschießungen und Kreuzigungen, von Vergewaltigungen und geköpften Leichen.

Werden die USA ihr Versprechen halten?

Gerade noch rechtzeitig beschloss US-Präsident Barack Obama Luftschläge, um Arbil zu retten. Die IS-Kämpfer wurden zurückgeschlagen, doch in der Stadt ist die Angst geblieben. Der nächste IS-Checkpoint liegt jetzt bei Mossul. Die Extremisten haben dort einen Erdwall aufgeschüttet, eineinhalb Meter hoch, es ist die östliche Grenze des neuen, Ende Juni ausgerufenen "Kalifats", das von hier bis ins syrische Aleppo reicht.

In Arbil bangen die Menschen um ihre Zukunft. Werden die USA ihr Versprechen halten und die Stadt weiter verteidigen? Und wer wird Mossul zurückerobern, um die Gefahr dauerhaft zu bannen? "Ich befürchte, es wird einen Krieg geben", sagt Nevin F. Aus Sorge, die Extremisten könnten doch noch einmarschieren, will er nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden.

Fotostrecke

9  Bilder
Nordirak: Misstrauen in Arbil
So schnell hat die Lage in Arbil sich geändert: Als Nevin F. vor zwei Jahren mit dem Bau seines Hotels begann, war die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan mit der berühmten Zitadelle im Zentrum noch eine aufstrebende Metropole. Seit Saddam Husseins Sturz 2003 ging es aufwärts.

Nevin F. und seine Familie waren in den Neunzigerjahren vor dem Diktator nach Deutschland geflüchtet. Jetzt schien die Chance gekommen, in die alte Heimat Kurdistan zurückzukehren. Eine Shoppingmall nach der anderen entstand, mit Designer-Boutiquen und Edel-Parfümerien. In der Kirkuk Road eröffnete ein Porsche-Autohaus. Das Geschäft mit viel Sprit verbrauchenden Autos läuft gut in einer Region, in der der Liter umgerechnet nur einen halben Euro kostet.

Einwohner haben die Fluchtkoffer schon gepackt

Neue Stadtteile wurden gebaut, zum Beispiel die gut bewachte "Dream City" mit Villen, von denen keine weniger als zwei Millionen Dollar kostet. Ölkonzerne eröffneten in Arbil Büros, um dabei zu sein, wenn die kurdischen Rohstoffvorkommen erschlossen werden. Nevin F. hoffte, dass Geschäftsleute in seinem Hotel übernachten würden.

Arbil und "die Region Kurdistan-Irak" seien "in den vergangenen Jahren eine Insel der Stabilität in einem von politischen, religiösen und ethnischen Konflikten zerrissenen Land" gewesen, schrieb der deutsche Generalkonsul in einem Brief an die in Arbil lebenden Bundesbürger. Aber nun ruft er dazu auf, Vorkehrungen für eine möglicherweise kurzfristige Ausreise zu treffen.

Das Schwimmbad, die Parks, die Einkaufszentren sind verwaist. Immobilien oder Autos kauft seit Wochen niemand mehr. Viele Einwohner von Arbil haben ihre Koffer gepackt, um sich schnell in Sicherheit bringen zu können, vor allem im Christenviertel Ainkawa. IS-Angriffe erfolgen meist in der Nacht, mit Dutzenden von gepanzerten Humvees, eine stählerne Front, die sich ihrem Ziel nähert.

"Wir brauchen unbedingt panzerbrechende Waffen", sagt General Helgurd Hikmet Mela Ali. Er ist Offizier der Peschmerga, der Armee der Kurden im Nordirak. Die deutsch-französischen Milan-Raketen stehen ganz oben auf der Wunschliste. Die Peschmerga, sagt er, verfügten "leider nur über die alten russischen Waffen", die man von der irakischen Armee vor einem Jahrzehnt übernommen habe. "Wir wünschen uns genau die gleichen Waffen, die der Westen der irakischen Armee gegeben hat", sagt Ali. Die seien den IS-Milizen beim kampflosen Rückzug der Iraker in die Hände gefallen, und nun wolle man wenigstens ebenbürtig sein.

Was ist Ihr Ziel, Herr General?

"Wir werden Kurdistan verteidigen."

Werden Sie auch IS zurückdrängen und die Dschihadisten in Mossul angreifen?

Er lacht. "Nein. Das können wir nicht."

Misstrauen gegenüber Arabern

An den Sieg der Kurden glauben die meisten in Arbil ohnehin nicht. Vergangene Woche explodierte eine Autobombe, nur unweit des Porsche-Autohauses. Niemand kam zu Schaden, aber man nahm die Botschaft der Extremisten sehr wohl wahr: "Wir sind in der Stadt."

Peschmerga-Offiziere vermuten in Arbil Schläferzellen. Die Nervosität ist groß in der Stadt, überall werden Spione vermutet. Wenn man in der Öffentlichkeit fotografiert, tauchen plötzlich Männer auf, die wissen wollen, warum man in der Stadt sei und weshalb man fotografiere.

Ausgerechnet in Arbil, wo Sunniten, Schiiten, Christen und andere Minderheiten bislang friedlich miteinander lebten, wächst nun das Misstrauen. "Arabische Nachbarn verrieten die Minderheiten an IS, sie plünderten, vergewaltigten und mordeten bei ihren Nachbarn, als IS-Kämpfer anrückten", sagt General Ali. Wie solle da jemals wieder Vertrauen entstehen?

Zahir ist Iraker, ein Sunnit, und lebt in Arbil. Der Lastwagenfahrer liefert auch jetzt noch Waren nach Mossul - Möbel, Lebensmittel, alles Mögliche, wie er sagt, trotz IS. "Deren Kontrolleure nehmen kein Schmiergeld", sagt er. Irakische Polizisten hätten früher immer die Hand aufgehalten, 1500 Dollar und mehr habe er pro Lieferung zahlen müssen. "So schlecht können diese IS-Leute ja nicht sein", findet er. Und dass sie massenweise Andersdenkende töten? Er zuckt mit den Schultern. "Tja", sagt er. "Das ist nicht gut. Vielleicht ist das aber auch nur Propaganda."

Die rasche Ausbreitung von IS kann nur erfolgt sein mit Hilfe aus der Bevölkerung und von gut ausgebildeten ehemaligen Offizieren der Baath-Partei, die Saddam treu ergeben waren und seit seinem Sturz nach einer neuen Aufgabe suchten. Insgesamt sollen schon mehr als 20.000 Dschihadisten auf Seiten von IS kämpfen.

Um den "Islamischen Staat" dauerhaft zu besiegen und die Region zu befrieden, müssten Sunniten, Schiiten und Kurden zueinander finden, sagt ein Peschmerga-Offizier, der namentlich nicht genannt werden will. "Und die internationale Gemeinschaft müsste endlich in Syrien eingreifen." Sie würde damit ausgerechnet Machthaber Baschar al-Assad unterstützen, jenen Herrscher, den der Westen doch loswerden wollte. "Die ganze Lage ist ein absoluter Irrsinn, und es gibt keine Lösung, keinen Plan."

Den Preis dafür, sagt er, müsse womöglich als nächstes Arbil zahlen.

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Ich habe gerade das Foto von Arbil gesehen
wassolls 30.08.2014
Es scheint eine sehr sehr schöne Stadt zu sein. Leider wird sie wohl in ein paar Jahren zerstört sein. Dem Angriff der USA auf Sadam Hussein Saddam. Bald kommt die US Airforce und bombt alles "sauber".
2. Ohne Bezug auf ISIS
tailspin 30.08.2014
Aus Gruenden der Sprachhygiene: Der Begriff "Extremist" macht nur dann Sinn, wenn man sich selbst fuer den Mittelpunkt der Welt haelt.
3. Die Region wird doch seit Jahren befriedet
erola 30.08.2014
Der "Westen" befriedet doch seit Jahren auch dieses Gebiet und füllt die Kassen. Jetzt müssen die bisschen Waffen an die andere Seite liefern. Dann wieder an die andere Seite unter dem Deckmantel der Demokratie und des Friedens. Das ist die wirkliche "Wertegemeinschaft". Asad und Proschenko und andere brauchen auch Waffen, das Geschäft blüht. Wer keine Waffen braucht, auch dafür sorgen diese "Demokraten" und "Friedensstifter". Der nächste Konflikt ist sicherlich in Planung.
4. Atheismus sollte die logische Konsequenz lauten
application 30.08.2014
wenn man Nachrichten wie diese liest. Religionen sind bestenfalls nutzlos für uns und oft führen sie dazu, dass vernunftbegabte Menschen absolut abscheuliche Taten begehen, wie man jetzt in Kurdistan wieder sehen kann. Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen jetzt erkennen, was *jede* Religion ist: Eine heutzutage nutzlose menschliche Erfindung.
5. Sprachhygiene? Ja?
dns82 30.08.2014
Der Begriff macht dann Sinn, wenn eine wie auch immer geartete "extreme" Gruppierung aus mehr als zweifelhaften "religiösen" Motiven versucht einen Völkermord zu begehen. Ich denke schon, dass man dann von "Extremisten" sprechen kann. Und sie hängen sich im Ernst an einer "Sprachhygiene" auf? Na wenn sie meinen....
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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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