Irak Anschlag auf Studenten Racheakt für Hinrichtungen?

Mindestens 65 Menschen sind bei einem Anschlag vor der Bagdader Mustansirja-Universität getötet worden, 140 wurden verletzt. Ministerpräsident Maliki vermutet, dass Aufständische Rache begingen - für die Hinrichtung des Saddam-Halbbruders Barsan al-Tikriti.


Bagdad - Die Attentäter hatten den Zeitpunkt genau abgepasst: Als heute Nachmittag die beiden Sprengsätze vor der Mustansirja-Universität explodierten, war vor der Hochschule reger Betrieb. Viele Studenten und Hochschullehrer hatten ihre Seminare und Vorlesungen bereits beendet und wollten sich auf den Heimweg machen. Dann kam es zu den Anschlägen, über deren genauen Ablauf unterschiedliche Varianten kursieren. Einem Polizeisprecher detonierten vor dem Haupteingang der Universität zwei in Kleinbussen versteckte Autobomben. Ein anderer Sprecher berichtete dagegen von einem Selbstmordanschlag: Ein Attentäter habe sich vor einem Nebeneingang in die Luft gesprengt. Mindestens 65 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, fast 140 weitere wurden nach Angaben der Polizei verletzt.

Erste Maßnahmen nach dem Anschlag: Irakische Polizisten sichern eine Straße ab
DPA

Erste Maßnahmen nach dem Anschlag: Irakische Polizisten sichern eine Straße ab

Ministerpräsident Nuri al-Maliki machte Terroristen und Anhänger des hingerichteten Ex-Präsidenten Saddam Hussein für das Blutbad verantwortlich und brachte den Anschlag mit der Hinrichtung von Saddam Husseins beiden Mitangeklagten, Barsan al-Tikriti und Richter Awad al-Bandar, am Montag in Verbindung. Saddams Halbbruder al-Tikriti war gehängt worden - dabei hatte ihm der Strick den Kopf abtrennt.

Das Attentat vor der Universität war einer der schwersten Anschläge in den vergangenen Wochen, aber die Gewalt im Irak war an diesem Tag noch nicht beendet: Knapp 45 Minuten nach dem Anschlag beschossen Bewaffnete von einem Minivan und zwei Motorrädern aus einen Markt in einem vor allem von Schiiten bewohnten Viertel im Osten Bagdads. Mindestens elf Menschen wurden nach Polizeiangaben getötet, fünf weitere erlitten Verletzungen.

Auf einem Marktplatz nahe einer sunnitischen Moschee in der Innenstadt starben bei zwei Bombenanschlägen mindestens 15 Menschen, es gab 74 Verletzte. Landesweit wurden mindestens 109 Tote gezählt beziehungsweise Leichen entdeckt.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden im Irak allein im vergangenen Jahr fast 35.000 Zivilpersonen getötet. Der Chef der Uno-Mission im Irak, Gianni Magazzeni, gab die Zahl der Opfer am Dienstag mit 34.452 an, weitere 36.685 Zivilpersonen seien 2006 verwundet worden.

"Ohne deutliche Fortschritte bei der Rechtsstaatlichkeit wird die religiös motivierte Gewalt endlos weitergehen und schließlich außer Kontrolle geraten", sagte Magazzeni. Im November und Dezember seien 6367 Menschen getötet worden, fast 5000 von ihnen allein in Bagdad. Die meisten seien schweren Schusswunden erlegen.

Die Uno-Mission gab als Grund für die Gewalt die zahlreichen Morde aus Rache und die mangelnde Strafverfolgung der Täter an. Insgesamt wachse im Land der Eindruck, dass Menschenrechtsverstöße nicht bestraft würden. Seit Kriegsbeginn 2003 seien im Irak 12.000 Polizisten getötet worden.

hen/AP/AFP

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