IS-Anschlag in Bagdad Anwohner werfen Steine auf Konvoi des Premiers

Bei einem Attentat des IS in Bagdad sind mehr als hundert Menschen gestorben. Premier al-Abadi kündigt Vergeltung an. Doch bei einem Besuch am Anschlagsort wird er von aufgebrachten Anwohnern vertrieben.

REUTERS

Es ist der bisher blutigste Anschlag in diesem Jahr. In Bagdad riss ein Selbstmordattentäter nur wenige Tage vor dem Ende des Fastenmonats Ramadan in einem beliebten Einkaufsviertel mindestens hundert Menschen in den Tod. Etwa 170 weitere Menschen wurden bei der Detonation in dem Stadtteil Karada verletzt, meldete das Innenministerium. Unter den Toten sollen nach Angaben der Nachrichtenagentur AP viele Kinder sein.

Fernsehbilder irakischer Sender zeigten ausgebrannte Autowracks und stark beschädigte Gebäude. Die Extremistenorganisation "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich zu dem Attentat in dem Stadtteil, in dem mehrheitlich Schiiten wohnen. Die sunnitische Terrormiliz sieht Schiiten als Ungläubige und damit Abtrünnige an, immer wieder verübt sie deshalb Anschläge gegen schiitische Zivilisten.

Wütende Anwohner

Der Stadtteil Karada gilt als Hochburg des Hohen Islamischen Rates, einer der führenden schiitischen Kräfte im Land. In Karada liegen aber auch viele Restaurants, Hotels sowie die französische Botschaft. Die Bombe detonierte am Samstagabend, als vor allem junge Leute und Familien wegen der Ramadan-Feierlichkeiten unterwegs waren, um Einkäufe zu erledigen.

Wenige Stunden nach dem Attentat besuchte Regierungschef Haider al-Abadi den Anschlagsort. Er kündigte Vergeltung an, wie die Nachrichtenseite "Al-Mada" berichtete. Die Attentate des IS seien verzweifelte Versuche, nachdem die Terrororganisation "auf dem Schlachtfeld vernichtet worden ist".

Allerdings dauerte der Besuch des Premiers in dem Viertel nicht lange. Videos auf Facebook und Twitter zeigen, wie aufgebrachte und wütende Anwohner die weißen Jeeps des Regierungschef-Konvois mit Steinen bewerfen. Die Schiiten fühlen sich von ihrer Regierung unzureichend geschützt. Der Premier verließ das Viertel schnell wieder.

Schon vor Beginn des Ramadans, der in dieser Woche mit dem Fest des Fastenbrechens endet, hatten die Extremisten Attentate angekündigt. Im Irak verübt die Miliz ihre Anschläge meistens in Gegenden, die von Schiiten bewohnt werden. Damit will sie die Spannungen zwischen den beiden großen Strömungen des Islam weiter verschärfen.

2014 hatte der IS die Kontrolle über weite Teile des Landes übernommen, zuletzt aber einige Gebiete wieder verloren. Die Regierung hatte im vergangenen Monat erklärt, irakische Truppen hätten das weiter westlich gelegene Falludscha von den IS-Extremisten zurückerobert.

Die Extremisten kontrollieren nach wie vor Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, sowie wichtige Landstriche im Norden und Westen des Landes.

Widersprüchliche Angaben gab es zu einer zweiten Explosion im Norden Bagdads. Dabei sollen neun Menschen getötet und elf verletzt worden sein. Lokale Medien berichteten von der Detonation einer Bombe in dem vor allem von Schiiten bewohnten Stadtteil Al-Schaab. Dagegen erklärte das Innenministerium, in der Gegend sei ein Feuer ausgebrochen und habe eine Explosion in einem Laden ausgelöst.

Im Video: IS-Anschlag im Zentrum Bagdads

heb/dpa/AFP



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