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Deserteure im Irak: Eine Armee zerfällt

Aus Arbil berichtet

Abtrünnige im Irak: "Verfaultes System" Fotos
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"Wir sterben nicht für Maliki": Im nordirakischen Arbil stehen Hunderte für Flugtickets an - es sind Soldaten der Regierungstruppen. Die Millionenstadt Mossul haben sie kampflos den Isis-Dschihadisten überlassen. Dafür haben sie klare Gründe.

Vor dem Büro von Iraqi Airways im nordirakischen Arbil sitzt seit dem frühen Morgen eine Gruppe Männer. Einer von ihnen, Tahskin, fächelt sich mit einem Pizzakarton Luft zu. Vor Kurzem war er noch Soldat der irakischen Regierung in Mossul. "Jetzt ist das vorbei", sagt er.

Tahskin ist 31 Jahre alt und Sunnit; seit vier Tagen kommt er jeden Morgen hierher. Abwechselnd mit den Kollegen reiht er sich in die lange Schlange ein, um ein Flugticket nach Bagdad zu bekommen. Nach dem Fall von Mossul will er nicht mehr für die Regierung kämpfen. "Ich kann nicht mehr Diener für ein verfaultes System sein." Tahskin hat einen einfachen Wunsch: Er will nach Hause zu seiner Familie. Ausruhen. Und dann weitersehen.

30.000 Soldaten der irakischen Armee haben in Mossul vor 800 Kämpfern der Isis kapituliert. Tahskin war einer von ihnen. Er will sich nicht fotografieren lassen, zu groß ist seine Angst vor Hinrichtung oder Folter. Doch seine Meinung will er sagen. "Soll ich lügen oder die Wahrheit sagen?", fragt er vorher noch im Scherz. Dann entscheidet er sich, offen zu sprechen.

"Sie hacken dir die Hand ab"

Wie die meisten seiner Kameraden und etwa 800.000 Zivilisten ist Tahskin mit dem Auto von Mossul ins rund 80 Kilometer entfernte Arbil geflohen. Es hatte in Mossul zuvor sporadisch Kämpfe mit Isis gegeben. Dass die Dschihadisten die Lage dominierten, haben sie sofort erkannt. "Männer mit weiten Kleidern und Bärten bis zu den Hüften liefen durch die Straßen", sagt Tahskin. "Sie hacken dir die Hand ab, wenn du rauchst, oder falsch betest, sie töten dich, wenn du einen falschen Bart hast, und sie vergewaltigen Frauen", sagt er. "Sie wollen die Scharia."

Wie Tahskin sind viele irakische Soldaten Sunniten. Der Armee haben sie sich nicht angeschlossen, weil sie überzeugte Regierungsanhänger sind oder den Staat schützen wollen - sondern weil sie Arbeit brauchten. Ihre Moral ist gering. Der irakische Präsident Nuri al-Maliki wurde 2009 und 2014 vor allem von seinen schiitischen Glaubensbrüdern gewählt. Für die Sunniten, die unter Saddam Hussein die Regierung stellten, und für die Kurden im Land, hat der Präsident trotz gegenteiliger Beteuerungen wenig getan.

Mehrere Männer setzen sich während des Gesprächs zu Tahskin und stimmen ihm zu. Sie alle sind in Zivil nach Arbil geflohen. Einige behaupten, ihre Waffen nicht Isis ausgehändigt zu haben, sondern den kurdischen Peschmerga. Andere sagen, sie wüssten nicht, was mit ihrer Ausrüstung geschehen sei. Alle aber sagen einen Satz: "Wir sterben nicht für Maliki."

"Kommandeure auf der Flucht"

Auch Tahskin hat nicht gekämpft, als die Männer der Isis kamen. Als er hörte, wie Raketen einschlugen, habe er seine Vorgesetzten angerufen. Er war in einer Kaserne in Mossul stationiert und fragte, was er und sein Bataillon jetzt tun sollten. Er bat um Unterstützung. "Aber die Kommandeure waren selbst schon auf der Flucht." Es habe einen übergeordneten Befehl von der Kommission für Sicherheit in Bagdad gegeben, dass die Soldaten aus Mossul abziehen sollen, sagten sie ihm.

Tahskin legte seine Waffen nieder, und fuhr zusammen mit den Kollegen aus der Stadt. Auf dem Weg sah er, wie andere Soldaten ihre Panzer sprengten und ihre Uniformen verbrannten. Die private kurdische Nachrichtenseite "Rudaw" hat Bilder veröffentlicht, auf denen zerstörte Panzer zu sehen sind und Armeejacken, die am Wegesrand liegen. Die Echtheit dieser Bilder ist nicht zu überprüfen. Überall in den Basaren gebe es jetzt billige Waffen zu kaufen, heißt es in Arbil.

Die Soldaten schämen sich, wenn sie erzählen, dass 800 Männer der Isis die Stadt Mossul mit 1,8 Millionen Einwohnern überrennen konnten. Sie wissen, dass sie dazu beitragen, dass ihr Land auseinanderfällt. Aber sie hoffen auch, dass sich durch diesen Zerfall eine Verbesserung einstellt - auch wenn sie noch nicht wissen, wie diese aussehen soll. "Wir sind keine Verräter", sagt Tahskin. "Wir haben nur gehorcht." Es habe eine Verschwörung zwischen der Polizei, dem Bürgermeister in Mossul und Armee-Generälen in Bagdad gegeben. Die Übernahme durch Isis sei geplant gewesen. So erzählen es hier alle.

"Alte Kräfte von Saddam"

Die Wartenden vor dem Iraqi-Airways-Büro sind müde und aggressiv von der Hitze, sie drängen sich vor der Eingangstür. Zwei überforderte Sicherheitsleute wedeln mit einem kleinen Schlagstock vor ihren Gesichtern. Sieben Flüge gibt es täglich ab Arbil. Der Leiter der Filiale sagt: "Ich mache das Geschäft meines Lebens."

Auch Mohammed, 33 Jahre alt und Sunnit, hatte seit vier Jahren in einer Kaserne in Mossul gearbeitet, er war dafür zuständig, die Panzer zu betanken. Seine Heimatstadt ist Tikrit, dort ist auch Saddam Hussein geboren, dessen frühere sunnitische Baath-Kader heute einen großen Teil der Bevölkerung in Mossul ausmachen.

Mohammed sagt: "Es gibt keine Isis. Die Männer, die nach Mossul kamen, sind Ex-Bahtisten, alte Kräfte von Saddam." Sie wollen die Herrschaft der Sunniten zurück und Maliki, den Schiiten, stürzen. "Weil die sunnitischen Soldaten in Mossul Maliki verachten, ließen sie Isis gewähren." Darin sind sich viele Soldaten vor dem Büro einig. Jetzt müsse Isis nur noch eine Zone um Bagdad herum bilden.

"Wenn es einen anderen Präsidenten gibt"

Die Soldaten aus Mossul fürchten Isis. Aber sie verachten auch Maliki, den Schiiten. "Er war Lehrer und hat in Syrien auf dem Basar Schmuck verkauft", sagen sie. Für ihn sind sie nicht bereit, zu sterben. "Wir kommen nur dann zur Armee zurück, wenn wir sehen, dass es einen anderen Präsidenten gibt."

Auf der staubigen Straße, die Mossul und das kurdische Arbil verbindet, stauen sich die Autos. Die Menschen, die vor den Checkpoints hier stundenlang im Stau stehen, wollen sich in die kurdische Provinz in Sicherheit bringen. Wer Glück hat, kommt dort bei Verwandten oder Freunden unter. Viele leben in provisorisch errichteten Flüchtlingscamps, schlafen in Parks, auf Bänken vor den Moscheen. Tahskin und Mohammed haben ein Zimmer in einem kleinen Hotel gemietet. Es kostet 20.000 irakische Dinar pro Nacht, rund 15 Euro.

Das Geld, das sie jetzt für ihre Flucht ausgeben, war für sie einst der einzige Grund, für die irakische Regierung zu arbeiten.

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Einflussgebiete von ISIS im Irak und Syrien

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1. Das ist alles vollkommen sinnlos
C.Galki 15.06.2014
Tja was soll man denn dazu sagen? Egal was dort getan oder gelassen wird, es ist völlig sinnlos. Die wollen einen Diktator und offensichtlich brauchen die auch einen Diktator. Jemanden der alles klein hält und sofort gnadenlos zuschlägt wenn jemand aus der Reihe tanzt. Der Westen hat dort nichts zu suchen denn Predigen über Demokratie, Freiheit, Menschenrechte sind dort ungefähr genauso wirksam als würde man zu einer Mauer sprechen.
2.
kuac 15.06.2014
Maliki alleine trägt die Verantwortung für alles, was jetzt in Irak geschieht. Seine Ausgrenzung der Sunnitischen Politiker, Militär, Polizei, Beamten und Angestellten sind die Gründe, warum jetzt die Soldaten nicht kämpfen wollen. Jetzt stellen die USA Bedingungen an Maliki. Das ist womöglich zu spät. Warum hat der Westen das alles so lange schweigend geduldet?
3. Besser so???
Valis 15.06.2014
Sie desertieren vor Monstern anstatt geschlossen gegen Sie zu kämpfen! Sie bringen sich in Sicherheit und lassen Familien, Kinder und all dejenige zurück die es sich nicht leisten können. Die nun Terror,Vergewaltigungen,Verstümmelungen und Tod ausgesetzt sind. Das sind keine politischen Deserteure! Das sind Egoisten und Feiglinge! Es wird immer ein Disput in diesen Ländern gegenüber der Regierung geben, da man es keinem Sunniten oder Schiiten recht machen kann! Es wird aber einmal Zeit das sie zumindest in der Krise, zumindest in einer solchen Bedrohung jeglicher Lebensqualität die sich auch die Iraker wünschen, geschlossen ein Nationalstolz entwickeln und kämpfen!!!
4. 456789
Das Pferd 15.06.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE"Wir sterben nicht für Maliki": Im nordirakischen Arbil stehen Hunderte für Flugtickets an - es sind Soldaten der Regierungstruppen. Die Millionenstadt Mossul haben sie kampflos den Isis-Dschihadisten überlassen. Dafür haben sie klare Gründe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-armee-auf-flucht-vor-isis-aus-mossul-nach-arbil-a-975299.html
Hm vielleicht sollte man im Irak gar keine Armee mehr aufstellen. Ist billiger, seit 25 Jahren sehe ich die nur verschreckt und demoralisiert aus Panzern klettern. Im Iran-Irak-Krieg haben die doch noch funktioniert?
5. Erbärmlich
bssh 15.06.2014
Seltsame Einstellung. Die Soldaten sollen auch nicht für Maliki kämpfen, sondern für die Menschen in Mossul! Zu erzählen, dass 30000 Soldaten vor 800 Kämpfern fliehen und eine Stadt dann schutzlos Leuten überlässt, die dort Menschen die Hände abhackt und Frauen vergewaltigt, das ist mehr als erbärmlich. Stattdessen sollen jetzt Freiwillige, ältere Männer und Leute, die nichts vom Kämpfen verstehen, die Lage retten.
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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