Irak Briten verlassen letzten Stützpunkt in Basra - Generäle rügen US-Strategie

Das Bündnis der Alliierten im Irak bröckelt. In bislang ungekannter Schärfe haben drei britische Generäle die Strategie der Amerikaner und des früheren Pentagon-Chefs Rumsfeld gerügt. Mehrere hundert britische Soldaten sollen ab heute den letzten Stützpunkt in der Stadt Basra verlassen.


London - Einst waren sie vereint im Kampf gegen das verhasste Saddam-Regime in Bagdad: Amerikaner und Briten marschierten im Irak ein - gegen Widerstände im Weltsicherheitsrat, mit getürkten Bedrohungsszenarien und ohne Plan, wie das Land nach der Invasion befriedet werden soll. Passé. Die Achse Washington-London rostet.

Britische Soldaten in Basra: Fertigmachen zum Abzug?
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Britische Soldaten in Basra: Fertigmachen zum Abzug?

Die britischen Streitkräfte im begannen heute mit dem Abzug aus ihrem letzten Stützpunkt in der Stadt Basra, wie in britischen Regierungskreisen bestätigt wurde. Premierminister Gordon Brown sei über die Aktion informiert, sagte ein Sprecher seines Büros. Es sei schon immer das Ziel gewesen, die Zahl der Truppen in Basra zu verringern, sobald die irakische Polizei in der Lage sei, für Sicherheit zu sorgen. Die 550 Soldaten verließen den Stützpunkt Basra Palace, meldete der Sender BCC. Die Soldaten würden auf den Stützpunkt auf dem Flughafen von Basra am Rand der Stadt verlegt, wo schon 5.000 Soldaten stationiert seien. Die britischen Streitkräfte in Basra wollten zunächst keine Einzelheiten mitteilen. Die Zeitung "Sunday Times" hatte zuvor berichtet, die Briten könnten Basra schon im nächsten Monat den Irakern übergeben.

Premierminister Gordon Brown hat es wie sein Vorgänger Tony Blair bislang abgelehnt, einen Zeitplan für einen Abzug aus dem Irak anzugeben. Er hat aber eine Entscheidung für Oktober angekündigt, wenn das Parlament aus der Sommerpause zurückkehrt. Anfang des Jahres befanden sich noch 7000 britische Soldaten in Basra und Umgebung.

Noch entlarvender für das Zerwürfnis ist die Kritik, die britische Generäle jetzt an den Amerikaner üben. Der frühere britische Befehlshaber im Irak, Mike Jackson, nennt die Strategie und Politik der Amerikaner im Irak-Konflikt in seiner Biografie "intellektuell bankrott" und "blödsinnig" und die des "War against Terror" unangemessen. Die Amerikaner hätten viel zu sehr auf militärische Gewalt gesetzt, statt darauf, demokratische Strukturen aufzubauen.

Unterstützung bekam er von General Tim Cross, Oberbefehlshaber der Briten in der Zeit nach dem Angriff. Washingtons Strategie für den Irak sei "auf fatale Weise fehlerhaft". In einem Interview mit dem "Sunday Mirror" schildert Cross, wie der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld berechtigte Warnungen "ignorierte oder von sich wies".

Bei einem Essen in der Planungsphase des Angriffs habe er, Cross, Rumsfeld darauf hingewiesen, dass er und andere sich darum sorgten, dass es keine detaillierte Planung für die Zeit nach dem Angriff gebe. Rumsfeld habe das nicht hören wollen und darauf vertraut, dass sich der Irak quasi selbst repariert und innerhalb kurzer Zeit als demokratische Nation wiedererstehen wird. Nicht nur General Jackson sei damals mit Cross einer Meinung gewesen, dass dies nicht realistisch sei, sondern auch hochrangige Vertreter "der US-Armee und innerhalb des US-Verteidigungsministeriums".

Und Generalmajor Patrick Cordingly, im Golfkrieg 1991 Oberfehlshaber der Desert Rats, setzte gegenüber der britischen Press Association noch eins drauf: Die Kritik von Mike Cross treffe es "auf den Punkt". Das Frustrierendste aber sei, dass man sich fragen müsse, "warum er und andere die Regierung nicht überzeugen konnten, ihm zuzuhören". So hätte man "den Mist, in dem wir nun sitzen", vermeiden können.

Damit steht die Labour-Regierung direkt in der Kritik. Zum ersten Mal, nachdem Großbritannien über Jahre den engen Schulterschluss mit den USA im Rahmen der viel beschworenen "special relationship" geübt hatte, diskutieren nun hochrangige Politiker und Militärs das Irak-Engagement als prinzipiellen Fehler. Das erhöht den Druck auf Gordon Brown, das militärische Engagement der Briten im Irak zurückzufahren.

Während sich Vertreter der britischen Regierung zurückhalten, in diese Debatte einzugreifen, wagen sich nun prominente Vertreter der Opposition vor. Menzies Campbell, Chef der Liberaldemokraten, stützt die Aussagen der Generäle als "absolut korrekt". Niemand aber wurde bisher deutlicher als Malcolm Rifkind, immerhin ein ehemaliger Verteidungsminister der Torys.

In einem BBC-Interview sagte Rifkind: "Ich denke, einer der grundlegenden Kritikpunkte ist nicht, dass Rumsfeld inkompetent war, und das war er tatsächlich, sondern dass sein Chef George Bush die außergewöhnliche Entscheidung traf, das Pentagon und Rumsfeld mit der Aufgabe des Staatsaufbaus zu betrauen, nachdem der Krieg beendet war."

Die Vorwürfe der Generäle kommt für die Regierung in London zu einer ungelegenen Zeit. Verteidigungsminister Des Browne und Außenminister David Miliband hatten erst am Freitag mit einem Gastbeitrag in der "Washington Post" versucht, Berichte über Spannungen zwischen Washington und London zu zerstreuen. Gleichzeitig hatten sie den britischen Einsatz im Irak als erfolgreich verteidigt.

Die Kritik der britischen Top-Militärs dürfte Wasser auf die Mühlen der Gegner der US-Regierung bedeuten, die Bush genau diesen Vorwurf machen: Dass die bisherige Strategie zur Befreiung und Stabilisierung des Irak unzureichend ist. Am 15. September soll Bush seinen Bericht zur dortigen Lage vorlegen und seine Pläne für die nächsten Jahre vorstellen. Die Demokraten im Kongress rufen nach einer Strategieänderung.

Bush hat für den 9. September den US-General David Petraeus in den Kongress bestellt, er soll dort seine Einschätzung der Lage schildern. Petraeus gilt als strikter Gefolgsmann des US-Präsidenten und hat sich in letzter Zeit wiederholt positiv über den Verlauf des Friedensprozesses im Irak geäußert. Gut möglich, dass er im Kongress auf Gegenargumente trifft, die durch die Aussagen hochrangiger Militärs der britischen Verbündeten gestützt sind. Wie das alles aus Sicht des mittleren Ostens wirkt, macht ein Blick auf Aljazeera klar: Der arabische Nachrichtenkanal berichtete am Sonntag schon über "Amerikas schwindende Koalition im Irak".

pat/rüd/AP/AFP/Reuters



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