Aus Bagdad berichtet Matthias Gebauer
Als am 20. März 2003 die ersten Bomben in Bagdad einschlugen, trommelte Malek Husseins Mutter panisch ihre drei Kinder zusammen. "Meine Schwestern und ich verstanden gar nicht, was los war, wir weinten nur", erinnert sich der junge Mann. 13 Jahre alt war er damals. Gemeinsam mit den Nachbarn drängte sich seine Familie in einen kleinen Raum im Untergeschoss ihres Hauses. Fast zwei Wochen versteckten sie sich dort vor den Luftangriffen. Nur einmal am Tag gab es etwas zu essen. Wenn keine Bomben fielen, schlich sich der Vater nach draußen, dann musste Malek auf seine Geschwister aufpassen. Mit Kinderliedern beruhigte er die Schwestern. "Ich zitterte vor Angst, aber ich durfte mir nichts anmerken lassen", sagt er. "Ich war ja der Älteste."
Zehn Jahre später sitzt Malek in einem kleinen Kebab-Restaurant in Karade, einem der besseren Stadtteile Bagdads. "Dass die Amerikaner Saddam Hussein gestürzt haben, war richtig", sagt er. "Dass mein Leben verpfuscht ist, daran haben sie keine Schuld." Wie zum Beweis zieht er sein rotes T-Shirt hoch. Mehrere lange Narben auf dem Bauch zeugen von dem Tag im Sommer 2005, als sein Leben sich radikal veränderte. Mit einem Lastwagen einer Gemüsehandlung war er mit einem Kollegen im Süden Bagdads unterwegs, da wurden sie von einer Miliz gestoppt. Die Vermummten eröffneten das Feuer, Malek wurde von sieben Kugeln getroffen.
"Monatelang nicht mehr richtig geschlafen"
Malek hatte Glück, er überlebte die schweren Verletzungen, doch die Angst ließ ihn nie mehr los. "Ich habe monatelang nicht mehr richtig geschlafen, hatte Alpträume und wollte das Haus nicht mehr verlassen", sagt er. In seinem Viertel, in dem Schiiten und Sunniten seit Jahrzehnten friedlich zusammengelebt hatten, brach der blutige Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der unterschiedlichen Islam-Strömungen aus. In der Gewaltorgie zwischen Stadtteilmilizen, organisierten Terrorgruppen und einfachen Bürgern verlor der junge Mann in den Jahren 2007 und 2008 fünf weitere Verwandte. "Beerdigungen, bei denen Hassprediger Rache für die Toten schwören, wurden zum Alltag", sagt er leise. "Aus uns Irakern wurden Tiere."
Zur Schule ist Malek nie wieder zurückgekehrt. "Nach der US-Invasion verlor mein Vater seinen Job, er war ja in der Saddam-Partei", erzählt er, "da war es klar, dass ich irgendwie Geld verdienen musste." Zunächst jobbte er in einem Gemüsegroßhandel, dann in einer Hähnchenbraterei. Die Familie braucht jeden Dinar, sagt Malek, zumal der Vater 2008 noch die beiden Töchter einer bei einem Bombenanschlag getöteten Familie aufnehmen musste.
Die Lage der irakischen Jugendlichen ist eine der weniger beachteten Tragödien des Landes, in den kommenden Jahren aber könnte sie dramatische Folgen haben. "Im Irak gibt es nach dem Krieg eine verlorene Generation", sagt die Aktivistin Hanaa Edwa. "Neben dem Trauma des Kriegs haben die meisten 2003 die Schule verlassen und nie wieder den Anschluss gefunden." Offizielle Zahlen zur Arbeitslosigkeit gibt es nicht, Beobachter gehen davon aus, dass rund 40 Prozent der Iraker unter 25 ohne festen Erwerb sind. Die Rate der Analphabeten ist auf geschätzte 20 Prozent gestiegen.
"Es ist eine Schande für unser Land", sagt Hanaa Edwa. Sie kennt viele Fälle wie den von Malek. In dem kleinen Haus ihrer Familie in Bagdad leitet sie seit einigen Jahren eine Hilfsorganisation für traumatisierte Jugendliche. Der Andrang für ihre Computerkurse ist groß. "Seit dem Krieg hat sich die Regierung nicht um die Kriegsgeneration gekümmert, da sie nur auf die Sicherheitskräfte und die Eindämmung des Terrors konzentriert war", sagt Edwa. "Diese jungen Leute haben bis heute keinen Anlaufpunkt." Deswegen sei es nicht erstaunlich, dass viele Iraker ins Ausland gehen.
19 Operationen, Metallteile unter der Haut
Edwa hat viele gute Ideen, wie man chancenlosen Jugendlichen helfen könnte. Ihr schwebt eine spezielle Abendschule vor, in der sie nach der Arbeit Lesen und Schreiben und ein paar andere Grundkenntnisse erlernen könnten. Von der neuen, demokratischen Regierung erwartet sie sich nicht viel. "Die jetzigen Machthaber bereichern sich doch nur selbst, statt in die Bildung der Iraker zu investieren."
Rena hat sich gegen die Aussichtslosigkeit gestemmt. "Das Programm hier hat mir geholfen, meine Angst zu überwinden. Allein hätte ich es nicht geschafft". Die 26-Jährige ist inzwischen Lehrerin der Almal-Gesellschaft, sie nennt sich Krisenberaterin. Jeden Tag geht sie in Krankenhäuser, besucht Kriegswaisen oder treibt sich in den Cafés der Hauptstadt herum. Mit ihrem Beispiel versucht sie, junge Leute von einem zweiten Bildungsweg zu überzeugen. "Ich habe es geschafft", sagt sie, "also könnt ihr es auch schaffen."
Das Schicksal der jungen Frau ist bedrückend. Am 19. April 2007 saß sie in einem Bus vor ihrer Schule nahe der Bagdad-Universität. Ihre beiden Freundinnen kicherten eine Reihe vor ihr über einen Witz, wenige Sekunden später zündete ein Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz vor dem Bus. Rena erinnert sich noch, wie sie den Feuerball auf sich zukommen sah, dann wurde sie ohnmächtig. Als sie zu sich kam, musste sie ihren Freundinnen beim Sterben zusehen, sie verbluteten noch im Bus. Rena wurde ebenfalls schwer verletzt, selbst nach 19 Operationen kann sie unter ihrer Haut noch heute Metallteile, Splitter der Bombe, tasten. "Es war die Hölle", sagt sie. "Ich träume bis heute davon."
Rena erzählt anderen Jugendlichen oft von dem Tag im April. "Es ist wichtig zu verstehen, dass wir alle schreckliche Dinge erlebt haben", sagt sie. "Dann fühlt man sich nicht allein mit seinen Ängsten." Ihre Werbeversuche bei anderen Jugendlichen sind nicht immer erfolgreich, nur rund zehn Prozent der von ihr Angesprochenen entscheiden sich, eine Basisausbildung bei der Almal-Gesellschaft zu beginnen. Rena meint, die meisten hätten sich schlicht aufgegeben. Aber Rena macht weiter: "Aufgeben ist keine Option für mich."
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