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Irak: Bush spricht erstmals nicht mehr von Sieg

Im Streit um die richtige Strategie im Irak hat Präsident Bush zum ersten Mal klar Position bezogen: Er schwört seine Wähler auf einen längeren "ideologischen Krieg" ein und will die Bodentruppen verstärken. Das Wort "Sieg" nahm Bush nicht mehr in den Mund.

Washington - In einem Interview mit der "Washington Post" antwortete Bush auf eine Frage, ob der Krieg im Irak gewonnen werde, ausweichend und zitierte dabei Generalstabschef John Pace: "Wir siegen nicht, und wir verlieren nicht." Bislang hatte Bush stets von einem Sieg der USA im Irak gesprochen.

Irak: US-Marines ehren gefallenen Kameraden
AP/ USMC

Irak: US-Marines ehren gefallenen Kameraden

Der US-Präsident kündigte an, die US-Streitkräfte personell aufzustocken. Dabei gehe es aber nicht nur um den Krieg im Irak, sondern um den weltweiten Kampf gegen islamische Extremisten, so Bush. Er habe seinen neuen Verteidigungsminister Robert Gates aufgefordert, einen entsprechenden Plan auszuarbeiten. Eine Zahl nannte Bush nicht. Er fügte aber hinzu, er stimme mit Regierungsbeamten in der Einschätzung überein, dass die derzeitige Personaldecke der Streitkräfte zu dünn für den Kampf gegen den Terrorismus sei.

Bushs Präsidialamtssprecher Tony Snow hatte gestern bestätigt, dass die Möglichkeit einer vorübergehenden Erhöhung der Truppenstärke derzeit geprüft werde. Die Option war einer der Vorschläge, die in dem Irak-Papier der überparteilichen Arbeitsgruppe unter Leitung des ehemaligen US-Außenministers James Baker enthalten waren. Anderen Vorschlägen der Baker-Kommission gegenüber zeigte sich die US-Regierung jedoch zurückhaltend. Bush will Anfang kommenden Jahres eine neue Irak-Strategie vorlegen. Verschiedene Stellen der US-Regierung sind sich uneinig darüber, welche militärische Strategie für den Irak im Moment am ehesten Erfolg verspricht.

Fast 3000 tote US-Soldaten, Höchststand bei Anschlägen

Snow widersprach Berichten, wonach die Armeeführung gegen eine Aufstockung der Irak-Truppen sei. Die "Washington Post" hatte zuvor berichtet, die Armeechefs lehnten die von Vertretern des Präsidialamts vorgeschlagene Aufstockung der Truppe um 15.000 bis 30.000 Soldaten ab. Zuletzt hatten sich mehrere Militärchefs gegen einen solchen Schritt ausgesprochen und vor einem Auseinanderbrechen der Armee gewarnt. Im Irak-Krieg wurden seit März 2003 fast 3000 amerikanische Soldaten getötet.

Nach einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums hat sich die Sicherheitslage im Irak in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert. Laut einem Pentagon-Bericht hat die Anzahl der Anschläge den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren erreicht: Allein im Zeitraum von August bis November erhöhte sich die durchschnittliche Zahl der Anschläge pro Woche im Vergleich zu den Monaten davor um fast ein Viertel. Am schlimmsten sei die Lage in Bagdad und der westlichen Provinz Anbar, einer Hochburg der aufständischen Sunniten.

Bush verwies in dem Interview mit der "Washington Post" auf Erfolge bei der Demokratisierung des Landes, räumte aber ein, dass die sektiererische Gewalt eine Gefahr darstelle. Bush sprach von einem "ideologischen Krieg", in den die USA verwickelt seien. Dieser "wird noch eine Weile dauern und wir werden Streitkräfte brauchen, die in der Lage sind, unsere Bemühungen zu unterstützen und die uns dabei helfen, einen Frieden zu erreichen". Konkret sprach sich Bush für Verstärkungen der Bodentruppen - Heer und Marineinfanterie - aus.

Demokraten gegen Präsidenten-Plan

Der demokratische Senator Edward Kennedy sprach sich gegen jede weitere Truppenverlegungen in den Irak aus. "Anstatt die Dinge besser zu machen, wird der Plan des Präsidenten, mehr Soldaten in den Irak zu schicken, die Sache dort nur noch schlimmer machen, so wie es auch viele Generäle sehen", sagte Kennedy. Ähnlich äußerten sich führende Senatoren der Demokratischen Partei.

Der frühere US-Außenminister Colin Powell hatte sich in einem Gespräch mit dem Fernsehsender CBS am Sonntag gegen Pläne ausgesprochen, die derzeit im Irak stationierten 140.000 US-Soldaten um weitere 20.000 oder mehr aufzustocken. Powell sagte, er sei nicht überzeugt, dass eine Verstärkung der Truppen in Bagdad zur Eindämmung der Gewalt beitragen werde.

Heute tötete ein Selbstmordattentäter in Bagdad mindestens sieben Menschen und verletzte 27 weitere. Unter den Toten sind drei Polizisten, wie die Behörden weiter mitteilten. Auch in anderen Teilen der irakischen Hauptstadt wurden mindestens ein halbes dutzend weitere Explosionen gehört. Einige Detonationen ereigneten sich in der Nähe der stark gesicherten Grünen Zone, wo sich das irakische Parlament, die US-Botschaft und die britische Botschaft befinden.

Die den irakischen Schiiten heilige Stadt Nadschaf soll offiziell unter irakische Kontrolle gestellt werden. Die gleichnamige Provinz ist die dritte der 18 irakischen Provinzen, die von den US-Besatzungstruppen an die irakischen Sicherheitskräfte übergeben wird.

jaf/AP/rtr

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