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Irak: Bush stellt Studie zu Kriegsopfern infrage

Es ist eine verheerende Bilanz: Mehr als 650.000 Iraker sind laut einer Studie an den Folgen des Krieges gestorben. US-Präsident Bush räumte ein, dass es in dem Land "entsetzliche Gewalt" gebe - und zweifelte die Glaubwürdigkeit der Studie an.

Washington/London - Einer heute veröffentlichten Studie von irakischen und US-amerikanischen Fachleuten des Gesundheitswesens zufolge sind damit seit Beginn der US-Invasion 2003 und der anschließenden Gewalteskalation zweieinhalb Prozent der irakischen Bevölkerung ausgelöscht worden. Die Todesrate habe sich seit Kriegsbeginn mehr als verdoppelt, hieß es in des Studie weiter, die die medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" im Internet veröffentlichte.

US-Präsident Bush: "Schwere Zeiten im Irak"
AFP

US-Präsident Bush: "Schwere Zeiten im Irak"

Mit 655.000 Opfern ist die Zahl der Toten höher als bisher angenommen, sollten "The Lancets" Recherchen stimmen. Der US-Forscher Gilbert Burnham sprach vom bislang "tödlichsten internationalen Konflikt des 21. Jahrhunderts".

Die meisten Menschen, die Kriegsfolgen zum Opfer fielen, kamen den Erkenntnissen der Forscher zufolge gewaltsam um. Als häufigste Todesursache führten die Experten Schussverletzungen an, 60 Prozent der Getöteten waren demnach Männer zwischen 15 und 44 Jahren. Auch die Todesfälle durch Herzkrankheiten, Krebs und chronische Erkrankungen seien seit Kriegsbeginn gestiegen.

Die Zahlen beruhen auf einer gemeinsamen Umfrage der Johns Hopkins Bloomberg School für Gesundheitswesen mit Forschern der Bagdader Al-Mustansirija-Universität, die zwischen Mai und Juni rund 13.000 zufällig ausgewählte Personen im ganzen Land befragt hatten. Die direkte Befragung vor Ort ergab eine deutlich höhere Todesrate als die offizielle irakische Totenstatistik: Nach deren Berechnungen wurden seit Beginn der US-Invasion bis zu 48.700 Zivilisten getötet.

US-Präsident George W. Bush räumte heute in einer Pressekonferenz ein, dass es in dem Land "entsetzliche Gewalt" gebe. Es seien "schwere Zeiten" im Irak. Iraks Premierminister Nuri al-Maliki würde helfen, die Gewalt in dem Land zu beenden. Bush stellte zudem die Seriosität der Studie infrage. Er halte sie "nicht für einen glaubwürdigen Bericht", sagte der US-Präsident.

Seine Landsleute rief der US-Präsident zum Durchhalten auf. Würden die USA jetzt den Irak im Stich lassen, würde im Herzen des Nahen Ostens ein neuer sicherer Zufluchtsort für Terroristen entstehen, sagte Bush vor Journalisten im Weißen Haus. "Das dürfen wir nicht zulassen", sagte Bush. Man dürfe nicht gehen, "bevor der Job erledigt" sei.

Auch heute kam es im Irak zu Gewalt. Extremisten beschossen ein US-Munitionsdepot mit Granaten und richteten dabei schwere Schäden an. Die Extremisten hätten in der Nacht auf den US-Stützpunkt Camp Falcon im Süden der irakischen Hauptstadt angegriffen und Munition für Panzer, Artillerie sowie Kleinwaffen entzündet, sagte ein Sprecher der US-Armee. Informationen über Opfer unter den US-Soldaten auf dem Stützpunkt oder Bewohner in der Umgebung lägen bislang nicht vor.

Der Militärsprecher machte "Zivilisten in Verbindung mit einer Miliz-Organisation" für die Attacke verantwortlich, ohne weitere Details zu nennen. Zuvor hatte sich die extremistische Gruppe Islamische Armee im Irak im Internet zu dem Angriff bekannt. Anwohner erklärten, die Miliz des radikalen Schiitenpredigers Moktada al-Sadr sei zunehmend auch im Viertel Abu Dschir aktiv, aus dem die Granaten abgefeuert wurden.

Dutzende Explosionen führten zu so starken Erschütterungen, dass sich die Bewohner an das US-Bombardement 2003 erinnert fühlten. Das Feuer erleuchtete den Himmel über Bagdad, umherfliegende Geschosse zogen Leuchtspuren durch die Nacht.

Die Truppen des betroffenen US-Stützpunkts kämpfen im Rahmen einer großen Offensive gegen Aufständische und Todesschwadronen in der irakischen Hauptstadt.

hen/dpa/AP

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