Irak Das Leid der vermeintlichen IS-Frauen

Amnesty International wirft dem irakischen Staat die Misshandlung Tausender Frauen und Kinder vor, die Verbindungen zum IS gehabt haben sollen. Viele werden ausgebeutet, sexuell bedrängt, vergewaltigt.

Geflüchtete Frau im Irak
AFP

Geflüchtete Frau im Irak


Die irakische Regierung hält Tausende Frauen und Kinder fest. Ihr Vergehen: Ihre Väter, Brüder, Ehemänner und Söhne sollen für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben. Experten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International haben acht Lager im Nordirak besucht, in denen Frauen und Kinder interniert werden. In einem aktuellen Bericht schildern sie verheerende Umstände.

Viele der betroffenen Frauen sind auf sich allein gestellt. Ihre männlichen Angehörigen wurden entweder getötet oder von irakischen Sicherheitskräften festgenommen. Dabei ist nach Angaben von Amnesty in vielen Fällen längst nicht geklärt, dass die Männer tatsächlich für den IS kämpften. Mitunter genügte schon eine Namensgleichheit, die Herkunft aus einem bestimmten Gebiet oder die entfernte Verwandtschaft zu einem bekannten Dschihadisten, um als IS-Mitglied festgenommen zu werden.

Für die Frauen und Kinder, die zurückblieben, bedeute das laut Amnesty ein Leben in Angst. Die Verantwortlichen in den Lagern verwehrten ihnen ausreichend Nahrung, Wasser und Medikamente. Zudem weigerten sich die Behörden, ihnen Ausweise auszustellen.

Das bedeutet, dass sie entweder die Lager gar nicht verlassen dürfen, oder aber Gefahr laufen, von Sicherheitskräften an Checkpoints außerhalb der Lager aufgegriffen zu werden. Es bedeutet auch, dass die Betroffenen nicht arbeiten und ihre Kinder nicht zur Schule gehen dürfen. De facto sperre der irakische Staat die Frauen und Kinder wie in einem Gefängnis ein, obwohl sie weder angeklagt, noch verurteilt seien.

Amnesty fürchtet Verschlechterung der Lage

Vor allem aber würden viele der Frauen Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung. Entsprechende Fälle hat das Amnesty-Team in jedem der acht untersuchten Lager dokumentiert. Die Sicherheitskräfte in den Camps nutzten die Notlage der Frauen aus, um sexuelle Gefälligkeiten zu erpressen. Im Gegenzug erhielten die Frauen Geld, humanitäre Hilfe und Schutz vor anderen Männern, so Amnesty.

"Die Frauen, die diese speziellen Beziehungen im Lager eingehen, müssen sich nicht anstellen. Sie bekommen alles sofort", sagte eine Zeugin dem Amnesty-Team. Dazu kommt sexuelle Gewalt aus Rache: "Jeder kommt zu meinem Zelt und will Sex", berichtete eine andere Zeugin. "Am Anfang kamen die Sicherheitskräfte. Dann kamen andere Bewohner aus dem Lager. Sie sagen, sie wollen mich bestrafen und Rache nehmen, weil ich zu einer IS-Familie gehöre."

Die befragten Frauen machen vor allem die sogenannten Volksverteidigungseinheiten (PMU) für die Übergriffe verantwortlich. Diese schiitischen Milizen werden von Iran unterstützt und ausgerüstet und spielten eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des IS im Irak. Zugleich aber mehren sich Berichte, denen zufolge die schiitischen Milizionäre irakische Sunniten misshandelten und drangsalierten.

Amnesty warnt, dass sich die Situation der Lagerinsassinnen in den nächsten Monaten weiter verschärfen könnte. Laut Planungen der Uno wird die internationale Unterstützung für Binnenflüchtlinge im Irak in diesem Jahr deutlich zurückgefahren. Dadurch werden auch internationale Hilfsorganisationen ihr Engagement reduzieren müssen. Das bedeute im Gegenzug, dass die Macht irakischer Sicherheitskräfte und Milizionäre in den Camps weiter zunehmen werde - also genau jener Gruppen, die für die schweren Menschenrechtsverstöße verantwortlich sind.

Regierungschef Abadi schweigt

Das Fatale: Außerhalb der Lager ergeht es den Frauen und Kindern oft noch schlechter. Frauen, die mit ihren Kindern in ihre Heimatorte zurückkehren durften, schildern Drohungen und Drangsalierungen. Eine Frau, die mit Kindern, ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Mossul zurückkehrte berichtete: "Ich war in meinem Haus nicht sicher. Besonders für alleinstehende Frauen ist es sehr gefährlich." Mehrfach hätten Unbekannte ihre Hauswand mit Anti-IS-Parolen beschmiert. "Ein Nachbar sagte uns: 'Wir müssen die IS-Familien töten. Sie sind eine Schande für die Gemeinde.'" Notgedrungen entschied sich die Frau für die Rückkehr ins Lager.

Die von Amnesty befragten Frauen sagen, sie befürchteten, ihre Söhne könnten zu einer neuen IS-Generation heranwachsen. Manche Kinder sind zehn Jahre alt, haben noch nie eine richtige Schule besucht, können weder lesen noch schreiben. "Alle lehnen uns ab", sagte eine Zeugin. "Als Mütter könne wir damit umgehen, aber was ist mit unseren Kindern? Diese Behandlung lässt einen neuen IS entstehen."

Amnesty International hat den irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi vorab über die wichtigsten Punkte des Berichts informiert. Eine Antwort aus Bagdad steht aus.

Video: Kampf eines Vaters - Meine Tochter ist beim "Islamischen Staat"

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