Irak Der Widerstand ist zäher als Saddam

Nach der Festnahme Saddam Husseins haben die US-Ermittler weitere Schlüsselfiguren des irakischen Widerstands gefasst. Trotzdem befürchten Terrorismus-Experten, dass der Widerstand gegen Besatzungstruppen jetzt noch stärker wird.

Von Alexander Schwabe


 der Widerstand ist noch nicht gebrochen
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der Widerstand ist noch nicht gebrochen

Als in Bagdad die ersten Meldungen von der Festnahme Saddam Husseins aus Tikrit eintrafen, wurden die Journalisten nervös. Sie machten sich flugs auf zu dem Gehöft, wo sich Saddam seinen Jägern ergeben hatte. Die Reporter wollten die positive Nachricht von den Soldaten vor Ort bestätigt wissen. Doch die GIs durften den Presseleuten nichts sagen.

Unberührt ließ sie ihr Erfolg gleichwohl nicht. Auf Fragen reagierten sie mit einem breiten Grinsen und sagten nur: "Merry Christmas."

Ob die Soldaten im Irak ein fröhliches Weihnachtsfest erleben werden, scheint trotz des erfolgreichen Zugriffs in dem Erdloch bei Tikrit fraglich. Es ist keineswegs ausgemacht, dass die Festnahme Saddams das Ausmaß der Rebellion schmälern wird. US-Präsident George W. Bush hat bereits vor einer Zunahme der Angriffe auf Koalitionstruppen gewarnt.

US-Soldaten während der Festnahme Saddams: "Happy Christmas"
AP

US-Soldaten während der Festnahme Saddams: "Happy Christmas"

Schon nach dem Tod der Saddam-Söhne Udai und Kussei am 22. Juli dieses Jahres blieb der irakische Widerstand wider Erwarten ungebrochen - der Terror nahm sogar zu. Davor warnt nun auch der Essener Terrorismusforschers Rolf Tophoven. Er meint, die Festnahme Saddams werde den Widerstand gegen die Koalitions-Truppen im Irak kaum schwächen. "Schon das jämmerliche Ende Saddams in einem Erdloch zeigt, dass er sicher nicht der Anführer dieses Widerstands war", sagt Tophoven.

Auch Generalmajor Raymond Odierno, dessen 4. Infantriedivision bei der nächtlichen Aktion bei Tikrit Lorbeeren erworben hat, sagte, bisher gebe es keine Indizien, dass Saddam den irakischen Widerstand gelenkt hätte. Bei ihm seien keine Kommunikationsgeräte gefunden worden, womit der Widerstand hätte koordiniert werden können.

Doch es gibt ganz andere Einschätzungen. Pentagon-Chef Donald Rumsfeld will wissen, was Saddam mit den bei der Festnahme sichergestellten 750.000 Dollar vor gehabt habe. Damit habe er ja wohl Anschläge auf US-Soldaten finanzieren wollen.

Weitere Festnahmen

Saddam: Starrsinnig wie eh und je
DDP

Saddam: Starrsinnig wie eh und je

Die amerikanischen Ermittler haben bereits Nutzen aus Saddams Festnahme gezogen. Soldaten fanden bei ihm Unterlagen von bedeutendem Wert. Brigadegeneral Mark Hertling von der 1. Division teilte mit, eine ihm unterstellte Einheit habe auf Grund der Dokumente bereits eine hochrangige Person aus dem ehemaligen Regime dingfest gemacht.

Laut Hertling sind weitere mutmaßliche Schlüsselfiguren des irakischen Widerstands festgenommen worden. "Wir setzen die Teile zusammen und verbinden die Knotenpunkte", sagte der General spürbar optimistisch. Hauptziel ist nun Saddams Stellvertreter Issat Ibrahim al-Douri, dem die Truppen seit geraumer Zeit auf den Fersen sind.

Hertling zeigte sich überzeugt: Saddam hat bis zuletzt großen Einfluss auf den Widerstand gehabt. Es ist nicht davon auszugehen, dass dieser Einfluss durch die Festnahme entscheidend geschwächt ist: Laut Tophoven kann Saddam in Gefangenschaft zur Symbolfigur des Widerstands werden - und aus Rache für seine Festsetzung der Terror zunehmen.

Saddam selbst sendet die Signale. "Ich bin Saddam Hussein, ich bin Präsident des Irak, und ich bin bereit zu verhandeln", soll er den Soldaten mitgeteilt haben. Botschaften für Gleichgesinnte, durch und durch revanchistische Sätze. Deutlicher kann die Verblendung des Ex-Diktators nicht dokumentiert werden.

Saddam zeigt sich starrsinnig wie eh und je. Schiitenführer Adel Abd al-Mahdi sagte nach einer Gegenüberstellung mit dem Gefangenen, wie früher flüchte er sich in Ausreden für die von ihm begangenen Verbrechen. Als er darauf hingewiesen worden sei, die Menschen auf den Straßen feierten seine Festnahme, habe er geantwortet: "Das ist der Mob." Als er auf die Massengräber angesprochen wurde, habe er entgegnet: "Dort liegen Diebe."

Nostalgische Anflüge

Saddams Realitätsverlust spiegelt Vorstellungen vieler Anhänger wider, die bereit sind, für ein veraltetes Weltbild, für frühere Ideale weiterhin ihr Leben zu riskieren. So erzielen seine Botschaften weiter Wirkung.

Die Nostalgie einiger Bewohner Adwars, dem Ort des erfolgreichsten Coups der US-Armee seit der Eroberung Bagdads, kommt harmlos daher. In warmen Worten erinnern sie sich, wie der Despot im Tigris zu schwimmen pflegte, und sie beklagen, dass sie einen Herrscher verloren haben, der die Gegend immer großzügig bedacht habe. Doch sie ist Ausdruck einer Geisteshaltung, die den Bagdader Regimewechsel am liebsten rückgängig machen will.

"Dies ist eine schlechte Nachricht für alle Iraker", sagte der 21-jährige Ammar Zidan aus Adwar nach der Gefangennahme Saddams. "Doch selbst wenn Saddam Hussein gefangen wurde - wir sind alle Saddam Hussein. Wir wollen Freiheit und Unabhängigkeit von den Amerikanern." Das Milieu, aus dem sich die Kampfbereitschaft speist, ist weiter lebendig.



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