Deutsche Kämpfer gegen den IS Die Schlacht um die Jesiden-Hochburg

Ein Gärtner aus Bad Oeynhausen zog mit seinem Sohn nach Sindschar in den Nordirak, um die Hochburg der Jesiden gegen den IS zu verteidigen. Sie wollen kämpfen, bis die Terrormiliz aus der Region vertrieben ist.


Die Fahrt nach Sindschar ist eine Reise durch ein zerstörtes Land. Eine verwaiste Trümmerlandschaft, so weit das Auge reicht. In der Stadt im Norden des Irak, den die Kurden Shingal nennen, lebten einmal rund 30.000 Menschen. Doch seit die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in der Hochburg der Jesiden wütete, sind sämtliche Lebensgrundlagen zerstört.

Nur in einer ehemaligen Schule im Zentrum der Stadt herrscht jetzt Aktivität: Auf dem Hof springen maskierte Kämpfer von ihren Pick-ups. Qasim Shesho und sein jüngster Sohn Fahim sind im militärischen Hauptquartier der jesidischen Peschmerga eingetroffen.

Shesho hat den Oberbefehl über rund 8000 Kämpfer. Der 64-Jährige trifft Generäle und hohe Offiziere. Sie planen die Zukunft von Sindschar, wenn der IS erst einmal geschlagen ist. "Wir sind hier, weil hier unsere Heimat ist", sagt Shesho. "Wir bleiben so lange hier, bis der IS vollständig vertrieben ist."

Aus dem Garten an die Front

Als IS-Kämpfer am 3. August 2014 Sindschar überrannten, organisierte Shesho den Widerstand. Wochenlang verteidigten sie den Jesiden-Tempel in der Ortschaft Sherfedin. Erst als kurdische Peschmerga zu Hilfe kamen und die internationale Koalition Luftangriffe flog, konnte der IS gestoppt werden. Seither pendeln die Sheshos zwischen Deutschland und dem Nordirak.

Qasim Shesho floh bereits in den Achtzigerjahren vor den Schergen des damaligen irakischen Machthabers Saddam Hussein - zunächst nach Syrien, dann nach Bad Oeynhausen in Deutschland. Dort bekam er politisches Asyl und die deutsche Staatsbürgerschaft, Shesho arbeitete als Gärtner. Sein jüngster Sohn Fahim wurde in Deutschland geboren. Der 27-Jährige brach seine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer ab, als der Vater zum Kampf gegen den IS aufrief. Seither dient er ihm als Fahrer, Sekretär und Leibwächter.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit der Kurden. Ihr Glaube ist älter als der Islam oder das Christentum. In den Augen der radikalen Islamisten gelten sie als Teufelsanbeter, die vernichtet werden müssen. Rund um das zwanzig Kilometer lange Bergmassiv Sindschar siedelten seit Jahrhunderten die Jesiden.

Retter der jesidischen Kultur

In der Ortschaft Sherfedin liegt einer ihrer wichtigsten Tempel. Qasim Shesho konnte das Heiligtum mit seinen Kämpfern vor der Zerstörung bewahren. Seither gelten er und seine Familie als Retter der jesidischen Kultur.

Fahim Shesho ist beunruhigt, denn am Morgen gab es einen Zwischenfall. "Sechs IS-Kämpfer haben sich hinter unsere Linien geschlichen. Einer hat sich in die Luft gesprengt, die anderen fünf wurden von unseren Leuten getötet", berichtet er.

Die 70 Kilometer lange Front der Jesiden ist nur schwer zu kontrollieren. Fahim will sich die Stelle anschauen, wo die Dschihadisten eingedrungen sind. Ein jesidischer Kämpfer führt ihn in das unwegsame Gelände hinter der Zementfabrik von Sindschar. In einem ausgetrockneten Flussbett liegen fünf Leichen. "Sie haben einen Bauern als Geisel genommen und wollten, dass er ihnen den Weg nach Syrien zeigt. Als wir eintrafen, hat sich einer von ihnen sofort in die Luft gesprengt, die anderen haben wir erschossen", sagt der Kämpfer. Die Geisel konnte unverletzt befreit werden.

Militärisch ist der IS zwar inzwischen in der Defensive - besiegt aber noch lange nicht. Quasim Shesho hofft, dass die Gegend bald wieder sicher sein wird, damit die rund 300.000 geflüchteten Jesiden in ihre Heimat zurückkehren können.

Er hat sich geschworen: Nie wieder wollen die Jesiden so wehrlos sein wie 2014. Die Sheshos planen jetzt, auch die letzten Dörfer rund um Sindschar vom IS zu befreien.


"Deutsche Kämpfer gegen den IS - Die Schlacht um Shingal", 15.05.2017, 19.45Uhr ARTE



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