Isis-Offensive im Irak Deutsche Siemens-Ingenieure aus Rebellengebiet gerettet

Tagelang war eine Gruppe von 50 Siemens-Technikern nördlich von Bagdad von islamistischen Rebellen eingekesselt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE konnten die Ausländer, darunter acht Deutsche, nun ausgeflogen werden.

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Irakischer Militärhubschrauber (Archivbild): Rettungseinsatz in der Gefahrenzone
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Irakischer Militärhubschrauber (Archivbild): Rettungseinsatz in der Gefahrenzone


Berlin/Erbil - Nach Tagen der Unsicherheit ist eine Gruppe von deutschen und anderen ausländischen Ingenieuren am Sonntag aus dem von Kämpfern der Rebellengruppe Isis kontrollierten Gebiet im Irak gerettet worden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE flogen Helikopter des irakischen Militärs und ein von Siemens gecharterter Privatflieger von Sonntagmittag an die Ausländer, unter ihnen acht Deutsche, aus der Gefahrenzone rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad. Das Auswärtige Amt (AA) bestätigte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE am Montagabend, dass nunmehr alle Deutschen sicher in Arbil im Norden des Irak und Bagdad angekommen seien.

Die Gruppe der Siemens-Techniker, die für Siemens an einem Kraftwerk nahe der Ortschaft Baiji arbeiteten, wurde vergangene Woche von der Offensive der Rebellen überrascht und konnte sich nicht mehr rechtzeitig nach Bagdad absetzen. Nachdem sie sich in ein sicheres Versteck auf dem Gelände des Werks zurückgezogen haben, harrten sie dort aus. Im AA trat der Krisenstab zusammen und arbeitete mit der Sicherheitsabteilung des Unternehmens seit Ende der Woche an einer Lösung. SPIEGEL ONLINE hatte auf Bitten der Behörden nicht über den Fall berichtet, um das Leben der Techniker nicht zu gefährden.

In Berlin herrschte wegen der Siemens-Leute große Sorge. Die Lage der Siemens-Mitarbeiter sei zwar nicht brandgefährlich gewesen, da die Rebellen das Gelände, auf dem sich die Ausländer versteckten, nicht angriffen hätten, hieß es. Gleichwohl befürchtete man, dass die Isis-Rebellen die deutschen Siemens-Mitarbeiter und ihre Kollegen im Fall einer Entdeckung als Geiseln hätten nehmen können. Versuche einer Sicherheitsfirma, die Siemens-Techniker per Auto aus der Gefahrenzone heraus in die relativ sichere Hauptstadt zu holen, scheiterten zunächst, weil der Konvoi nördlich von Bagdad gestoppt worden war.

Reisewarnung an alle Deutschen im Irak

Gleichzeitig prüfte die Bundeswehr, ob im absoluten Notfall eine Evakuierung aus der Luft möglich gewesen wäre. Allerdings wurde in Berlin ein solcher Einsatz von Militärs nur als allerletzte Option gehandelt, wenn sich die Lage der Ausländer dramatisch verschärfen sollte. Die Bundeswehr hatte in der jüngeren Vergangenheit zweimal deutsche Staatsbürger per Flugzeug aus Krisenregionen herausgeholt. Während des Libyen-Kriegs schickte die Bundesregierung Transall-Maschinen zu einer Sandpiste im Süden des Landes und flog deutsche Techniker aus, die dort an einem Projekt gearbeitet hatten.

Siemens hatte vor einigen Monaten mit der irakischen Regierung einen umfangreichen Modernisierungsauftrag für das Kraftwerk nördlich von Bagdad geschlossen. Seitdem reparieren deutsche und internationale Experten vor allem die maroden Gasturbinen vor Ort. Neben den Deutschen befanden sich eine Handvoll EU-Bürger und weitere Mitarbeiter aus Indien und anderen Ländern in der Gruppe der eingekesselten Siemens-Mitarbeiter. Die Firma hatte SPIEGEL ONLINE ebenfalls gebeten, zunächst nicht über die eingekesselten Mitarbeiter zu berichten.

Das AA hatte bereits am Donnerstag eine eindringliche Reisewarnung an alle Deutschen im Irak ausgegeben. Nach ersten Schätzungen befinden sich derzeit noch rund 1000 deutsche Staatsbürger in dem Krisenland. Da die Flughäfen im Irak aber noch offen sind, setzt man im AA derzeit noch auf eine zivile Ausreise der verbliebenen Deutschen aus dem Irak. Falls sich die Front der Isis-Rebellen weiter in Richtung der Hauptstadt schieben sollte, haben die Diplomaten jedoch auch schon eine Evakuierung der deutschen Botschaft in Bagdad durchgespielt, die nicht in der abgeriegelten "Green Zone" liegt.

SPIEGEL ONLINE

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
indy555 16.06.2014
1. Bitte..
was haben die dort verloren? Ihren Verstand? Der muss schon bei der Ausreise komplett verschwunden gewesen sein...
bauern-muenchen 17.06.2014
2. Landkarte
Wäre schön, wenn es noch eine Erklärung zu der Karte gibt. So ist sie leider vollkommen nutzlos. Was ist das Gelbe, was das Grüne?
wolfgang2014 17.06.2014
3. Warum
Wsrum liegt die Deutsche Botschaft eigentlich nicht in der "sicheren Green Zone", wo doch außerhalb die Sicherheit in den letzten Jahren schon fraglich war? Glücklicherweise konnten alle dort Beschäftigten gesund evakuiert werden! ISIS kann und wird nicht nur den Irak wieder in einen steinzeitlichen Zustand versetzen. Sämtliche bisher getätigten Investitionen dürften umsonst gewesen sein. Dem weiteren Agieren der marodierenden ISIS muss Einhalt geboten werden. Das regelrechte Abschlachten der Menschen muss endlich gestoppt werden! Doch diese Probleme müssen alle in der gesamten Region involvierten Staaten selbst lösen. Vor allem Maliki täte gut daran, die Sunniten mehr einzubinden, sonst findet der Irak keine Ruhe.
minando 17.06.2014
4. Meinen Glückwunsch...
...besonders an die betroffenen Familien. Ich hoffe, die Risikozulage war hoch genug um dieses Maß an ausgestandener Angst zu rechtfertigen.
Christian Peterle 17.06.2014
5. Unglaublich
Zitat von indy555was haben die dort verloren? Ihren Verstand? Der muss schon bei der Ausreise komplett verschwunden gewesen sein...
Das verstehe ich auch immer überhaupt nicht. Das sind doch intelligente Leute sollte man anehmen. Welche Logik spielt hier die Hauptrolle für seinen seinen Arbeitgeber sein Leben auf´s Spiel zu setzen ? Nein wirklich, diese Leute sind an Dummheit nicht mehr zu toppen !
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