Irak Die Schlacht um Falludscha geht weiter

Am Jahrestag der Einnahme von Bagdad ziehen Iraker und Amerikaner eine blutige Bilanz: 460 Iraker und 47 US-Soldaten kamen allein in der letzten Woche ums Leben. In Falludscha entbrannten die Kämpfe nach einer Gefechtspause erneut. Ein US-Kampfhubschrauber beschoss die Stadt, am Boden fanden schwere Artilleriegefechte statt.


Falludscha unter Beschuss der US-Luftwaffe
AP

Falludscha unter Beschuss der US-Luftwaffe

Washington/Bagdad - US-Außenminister Colin Powell sieht bei den Kämpfen jedoch erste Erfolge für die Besatzungstruppen. Sie gewännen die Kontrolle in den Städten zunehmend zurück, sagte Powell in einem Interview mit dem US-Fernsehsender ABC. US-Truppen hatten zuvor die Stadt Kut in Südirak von schiitischen Aufständischen zurückerobert. Powells Vize Richard Armitage bezeichnete die Auseinandersetzung mit der Mahdi-Miliz des radikalen schiitischen Geistlichen Muktada al-Sadr als unvermeidlich.

"Früher oder später musste es passieren. früher oder später mussten wir die Milizen entwaffnen", sagte Armitage der ägyptischen Zeitung "al-Ahram". Dass bei den Kämpfen auch irakische Zivilisten ums Leben gekommen seien, bedaure er. "Wir bluten, wenn das passiert", sagte der stellvertretende Außenminister.

Nach den wieder aufgeflammten Kämpfen um Falludscha strebt das US-Militär nun einen beidseitigen Waffenstillstand für die umkämpfte westirakische Stadt an. Dies erklärte US-Militärsprecher General Mark Kimmitt auf einer Pressekonferenz in Bagdad. Die Waffenruhe solle Verhandlungen zwischen der irakischen Übergangsregierung und Vertretern der sunnitischen Aufständischen ermöglichen.

US-Soldat in Falludscha
AFP

US-Soldat in Falludscha

Gestern beschoss ein US-Kampfhubschrauber mutmaßliche Stellungen von Aufständischen, am Boden lieferten sich US-Soldaten und Rebellen schwere Artilleriegefechte. Die Luftwaffe bombardierte nach Angaben eines Militärsprechers eine Höhle in der Nähe der Stadt, in der sich mehrere Aufständische nach Angriffen auf die US-Truppen verschanzt gehabt hätten.

Die US-Streitkräfte hatten gestern auf Wunsch des irakischen Regierungsrats eine kurze Gefechtspause eingelegt. Mehrere Mitglieder des von den USA eingesetzten Gremiums drohten damit, ihr Amt niederzulegen. Der irakische Regierungsrat forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Die Belagerung Falludschas bezeichnete er als "kollektive Bestrafung, die unschuldige Zivilisten trifft".

Zwei weitere Soldaten würden nach einem Anschlag auf einen Fahrzeugkonvoi im Westen Bagdads vermisst, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Auch von den in den vergangenen Tagen entführten ausländischen Geiseln fehlte weiterhin jede Spur.

Sadr verurteilt Geiselnahmen

Sadr wies jedoch jegliche Verantwortung für die Geiselnahmen zurück. Sadrs Mahdi-Armee, die sich seit Tagen heftige Gefechte mit den Besatzungstruppen liefert, habe mit der Geiselnahme nichts zu tun, sagte ein Mitarbeiter des Geistlichen gestern Abend in Bagdad. "Wir verurteilen solche Taten und beten für ihre Freilassung", sagte Amer al-Husseini. Die Japaner waren in Südirak entführt worden, wo die Mahdi-Armee mehrere Städte kontrolliert.

Die unbekannten Entführer hatten am Donnerstag in einer Videobotschaft gedroht, die drei Geiseln zu töten, wenn Japan seine Truppen nicht aus Irak abziehe. Ebenfalls in Südirak wurden ein Kanadier und ein israelischer Araber entführt, die für Hilfsorganisationen arbeiteten. Zudem wird ein in der südirakischen Stadt Nassirija tätiger Brite vermisst. Der japanische Politiker Ichiro Aisawa ist nach Angaben von Diplomaten im jordanischen Amman eingetroffen, von wo aus er die Bemühungen um eine Freilassung der im Irak entführten japanischen Geiseln koordinieren soll. Angeblich haben die Kidnapper der japanischen Regierung ein Ultimatum bis morgen Mittag gesetzt. Die Regierung von Ministerpräsident Junichiro Koizumi hat es bisher abgelehnt, den Forderungen der Entführer nachzugeben.

Die Entführer, eine bisher unbekannte irakische Gruppe, hatten ein Video veröffentlicht, auf dem die Geiseln mit verbundenen Augen und mit Waffen von den Entführern bedroht zu sehen sind. Sollte Japan den Forderungen nicht nachgeben, würden die Entführer sie "lebendig verbrennen", hatten sie gedroht.

"Wir werden alles versuchen, um eine Freilassung zu erreichen", versicherte der japanische Vize-Außenminister nach seinem Eintreffen in Amman. Einzelheiten der diplomatischen Bemühungen wurden mit Rücksicht auf die Unversehrtheit der drei Geiseln nicht genannt. Für Koizumi, dessen Entscheidung zur Entsendung von Truppen in den Irak von vielen Japanern heftig kritisiert wurde, bedeutet die Geiselnahme eine schwierige politische Herausforderung. Nach der japanischen Verfassung ist der Regierung die Entsendung von Truppen in Kriegsgebiete und zur Beteiligung an Kampfhandlungen verboten.

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