Irak-Dossiers Downing Street gesteht Schlampereien ein

Die wegen angeblicher Falschinformationen in die Kritik geratene britische Regierung hat sich erstmals für eines ihrer umstrittenen Irak-Dossiers entschuldigt. Tony Blairs Kommunikationschef gab zu, dass es bei dem Papier mit der Genauigkeit gehapert habe.


Blair: Umgeschrieben oder manipuliert?
AP

Blair: Umgeschrieben oder manipuliert?

London - Wie der "Observer", der "Sunday Telegraph" und andere britische Medien am Sonntag berichteten, entschuldigte sich Blairs Pressechef Alastair Campbell beim Chef des Auslandsgeheimdienstes MI6 schriftlich für eines der Dossiers. Der "Telegraph" zitierte Campbell außerdem mit den Worten: "Ich habe den für das Dossier Verantwortlichen klargemacht, dass sie sich nicht an die erforderlichen Maßstäbe von Genauigkeit gehalten haben."

Dies ist eine vorsichtige Umschreibung für das, was die Opposition und auch Teile der Labour-Partei dem Premier vorwerfen: Ihrer Ansicht nach hat Blairs Regierung Geheimdienstberichte über Massenvernichtungswaffen im Irak vorsätzlich manipuliert und zugespitzt, um den Krieg zu rechtfertigen. Im Mittelpunkt der Kritik steht ein Dossier aus dem September vergangenen Jahres, wonach Bagdad binnen 45 Minuten biologische oder chemische Waffen einsetzen könne. Die Vorwürfe sollen jetzt von zwei Ausschüssen des britischen Parlaments geprüft werden.

Ruf des Geheimdienstes lädiert

Das vor dem Irak-Krieg veröffentlichte Dossier basierte nach ursprünglichen Regierungsangaben auf Erkenntnissen des MI6. Schon bald aber musste Downing Street zugeben, dass der Bericht teilweise aus einer veralteten Arbeit eines kalifornischen Studenten abgeschrieben worden war. Der MI6 soll sehr verärgert darüber sein, dass die Regierung in dieser Weise Informationen des Geheimdienstes mit zweifelhaften Quellen aus dem Internet vermischt und den Ruf des Dienstes dadurch beschädigt habe. Nach einem Bericht des "Independent on Sunday" haben Geheimdienst-Mitglieder Belege dafür gesammelt, wie ihre Berichte von der Downing Street manipuliert worden seien.

Der "Observer" berichtet, dass Blair selbst Fehler zugeben wolle, falls er von dem Parlamentsausschuss zur Untersuchung der Vorwürfe befragt werden sollte. Allerdings bestreite die Regierung weiter, Fakten verändert zu haben. Die Dossiers seien nur "umgeschrieben" worden.



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