Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Terror im Irak: Islamistische Miliz wütet gegen Moscheen

Von , Istanbul

IS-Offensive im Irak: Sprengstoff gegen Kulturschätze Fotos
AP

Gotteshäuser werden systematisch gesprengt, kostbare Denkmäler unrettbar beschädigt: Im Irak zerstört die Miliz "Islamischer Staat" vermeintliche Götzenbilder. Doch der Rückhalt für die Radikalen bröckelt auch unter den Sunniten.

Die Kaaba ist ein schwarzer Würfel in der Heiligen Moschee von Mekka, ein elf mal zwölf mal dreizehn Meter großes Gebäude aus Granit und Marmor. Das zentrale Heiligtum der Muslime gilt als wichtigster Wallfahrtsort. Weltweit beten Muslime in Richtung dieses Gebäudes, die Reise einmal im Leben zur Kaaba gehört zu den fünf Säulen des Islam.

Als vor einigen Tagen ausgerechnet die islamistische Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) per Twitter dazu aufrief, die Kaaba zu zerstören, überraschte sie viele Muslime. Was war in die Dschihadisten gefahren? Gerade hatten sie in den eroberten Teilen des Irak und Syriens ihr Kalifat ausgerufen. War das nun der Übermut der Sieger?

Tweets, man werde demnächst in Saudi-Arabien einfallen und das Heiligtum zerstören, wurden nach heftiger Kritik zwar wieder gelöscht - Tausende muslimische Twitter-Nutzer hatten sich verwundert und verärgert gezeigt über die Drohungen.

An ihrer Haltung haben die Dschihadisten aber nichts geändert. Jetzt zerstören sie in den von ihnen kontrollierten Gebieten im Irak Moscheen, Schreine und Denkmäler - ähnlich den Taliban, die Anfang 2001 im afghanischen Bamian zwei riesige Buddha-Statuen sprengten und damit für weltweite Empörung sorgten.

Schrein vor Menschenmenge gesprengt

Zuletzt wurde östlich der Stadt Mossul der Schrein des Propheten Jona vernichtet. Das Monument aus dem achten Jahrhundert vor Christi war zuletzt als Moschee genutzt worden. Laut Augenzeugen hätten IS-Kämpfer zunächst alle Betenden vertrieben und über eine Stunde lang Sprengstoff im Inneren angebracht. Anschließend hätten sie das Gebäude vor einer großen Menschenmenge in die Luft gejagt.

Bewohner von Mossul berichteten, mehrere heilige Stätten in ihrer Stadt seien vernichtet worden, darunter das Grab des Propheten Daniel. IS habe außerdem angekündigt, eines der berühmtesten Minarette des Landes, gebaut im zwölften Jahrhundert, zerstören zu wollen.

Die Miliz selbst rechtfertigte sich am Mittwoch per E-Mail und auf ihrer Webseite. "Die Zerstörung von Bauten, vor allem jener, die auf Gräbern errichtet wurden, ist Bestandteil der Reinhaltung unserer Religion", heißt es dort.

Das Feiern solcher Monumente sei "Götzendienst", die Zerstörung der Bauwerke deshalb völlig legitim. "Unsere frommen Vorfahren haben das schon getan", schreibt IS weiter. Mehrfach hatten IS-Dschihadisten zuvor erklärt, ein Muslim brauche keine Moschee, sondern "nur einen schlichten, sauberen Platz zum Beten".

Ultimatum an Sunniten, sich unterzuordnen

In der Erklärung nimmt IS Bezug auf Mohammed Bin Abd al-Wahab, den Gründer der radikalen sunnitischen Islamauslegung, der im 18. Jahrhundert lebte. Er soll einen Schrein zu Ehren eines muslimischen Helden zerstört haben. Seine Begründung: Derartige Verehrung gleiche "Vielgötterei".

In ihrem Einflussbereich dulden die IS-Terroristen niemanden mehr neben sich. Vor wenigen Wochen forderten sie Christen in Mossul auf, zum Islam zu konvertieren oder eine Sondersteuer zu zahlen. Wer sich weigerte, wurde mit der Todesstrafe bedroht. Tausende Menschen flüchteten aus der Stadt.

Jetzt stellt IS selbst ihren sunnitischen Glaubensbrüdern ein Ultimatum. Fünf Gruppen, darunter die Nakschbandi-Milizen, sollten sich IS unterordnen oder die Region Dijala verlassen. Sollten sie dieser Forderung nicht nachkommen, drohe ihnen ebenfalls eine Bestrafung. Das überrascht, weil die sunnitischen Gruppen bislang an der Seite von IS gekämpft und deren Vormarsch erst ermöglicht haben.

Offenbar glaubt IS aber inzwischen, ohne Unterstützung anderer sunnitischen Milizen auszukommen - die Organisation duldet niemanden neben sich. Den Dschihadisten ist offenbar auch egal, was Muslime über ihre radikalisierte Form des Glaubens denken. Nur ihr Wille zählt.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Christen in Mossul: Flucht vor den Extremisten

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: