Irak-Einsatz Britische Militärs zweifeln an Amerikas harter Tour

Die britischen Streitkräfte sind mit dem Vorgehen der Amerikaner im Irak nicht einverstanden. Die Militärs sprechen sich laut einem Zeitungsbericht deshalb gegen eine Verstärkung ihrer Truppen aus. Ihrer Meinung nach kann der Konflikt langfristig nur politisch und nicht durch immer mehr Soldaten gelöst werden.




Britische Soldaten im Irak: Unverständnis über das harte Vorgehen der Amerikaner
REUTERS

Britische Soldaten im Irak: Unverständnis über das harte Vorgehen der Amerikaner

London - "Die britische Militärführung ist absolut dagegen, die bisher unter spanischem Kommando stehenden Gebiete zu übernehmen oder weitere Truppen zu schicken", meldet der "Guardian". Äußerungen eines hohen Beamten des Verteidigungsministeriums wurden mit den Worten wiedergegeben, falls London doch mehr Truppen entsenden sollte, würden diese anders vorgehen als die Amerikaner: "Wir müssen zwar in der Lage sein, mit den Amerikanern zu kämpfen. Das bedeutet aber nicht, dass wir wie die Amerikaner kämpfen müssen."

Die britischen Offiziere wollten auf jeden Fall verhindern, dass die Truppen im Falle einer Verstärkung unter amerikanischen Oberbefehl kämen. Die Briten treten im Süden des Iraks wesentlich zurückhaltender auf als die US-Truppen in anderen Landesteilen.

Briten vor ihrer Botschaft in Bagdad: Nicht wie die Amerikaner kämpfen
REUTERS

Briten vor ihrer Botschaft in Bagdad: Nicht wie die Amerikaner kämpfen

Nach einem Bericht der "Times" sind die 52 britischen Ex-Diplomaten, die die Irak- und Nahostpolitik von Premierminister Tony Blair in dieser Woche scharf kritisiert hatten, vom ehemaligen Sondergesandten für den Irak, Sir Jeremy Greenstock, beraten worden. Greenstock war vor und während des Irak-Krieges britischer Uno-Botschafter und danach sechs Monate lang der höchste Repräsentant seines Landes im Irak.

Im vergangenen Monat lehnte er jedoch Blairs Bitte ab, noch bis zur begrenzten Machtübergabe am 30. Juni in Bagdad zu bleiben. Nach Zeitungsberichten hatte er ein sehr schlechtes Verhältnis zum US-Zivilverwalter Paul Bremer und kritisierte das amerikanische Vorgehen als kontraproduktiv und naiv.

Blair widerspricht Rücktrittsgerüchten

Unterdessen hat Blair Gerüchte dementieren lassen, wonach er vielleicht noch diesen Sommer zurücktreten will. Gesundheitsminister John Reid, einer seiner engsten Vertrauten, sagte im BBC-Fernsehen, Blair wolle nach der voraussichtlich im nächsten Jahr stattfindenden Parlamentswahl noch eine volle Legislaturperiode im Amt bleiben.

Da diese Perioden in Großbritannien bis zu fünf Jahre lang sein können, würde dies bedeuten, dass Blair noch im Jahr 2010 regieren könnte. Er hätte dann sogar Margaret Thatcher überrundet, obwohl er einmal gesagt hatte, im Gegensatz zu seiner Vorgängerin wolle er nicht "endlos weitermachen".

Blair befindet sich auf Grund der Irak-Krise nach allgemeiner Einschätzung der britischen Medien auf dem Tiefpunkt seiner siebenjährigen Amtszeit. Als Nachfolger steht sein innerparteilicher Rivale, Finanzminister Gordon Brown, bereit. Doch Reid versicherte heute, alle Rücktrittsberichte seien nichts weiter als "irreführende Spekulationen". Er stellte klar: "Tony Blair wird uns in die nächste Wahl führen und - so Gott und die Wählerschaft es wollen - eine volle dritte Amtszeit als Führer dieser Partei und dieses Landes dienen."



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