Irak-Einsatz US-Deserteure entfliehen dem Kriegshorror

250.000 Soldaten haben seit Kriegsbeginn im Irak gekämpft. 5500 davon begingen Fahnenflucht. Viele nutzten ihren Heimaturlaub, um zu desertieren, jetzt verstecken sie sich in Kanada. SPIEGEL TV dokumentiert den Horror und die Flucht des US-Obergefreiten Key.


Hamburg - Joshua Key kämpfte sieben Monate in Bagdad und Falludscha an vorderster Front. Der US-Obergefreite stürmte Häuser von Zivilisten und nahm unzählige Iraker fest. Jetzt hat Key ausgedient. Er ist einer von fast 200 US-Deserteuren, die nach Kanada geflohen sind. Insgesamt haben 250.000 US-Soldaten seit Kriegsbeginn im Irak gekämpft. 5500 von ihnen begingen Fahnenflucht. Sie konnten vor sich diesen Einsatz nicht mehr verantworten.

Die Skrupel, die er während eines Einsatzes im Irak empfand, schildert Key SPIEGEL TV: "Wir finden bei Durchsuchungen nichts, aber wir bekämpfen diese Menschen. Am schlimmsten war es für mich, wenn wir in die Häuser gingen und die Ehemänner und Söhne festnahmen. Die Frauen und Kinder haben mich angeguckt, als sei ich ein Monster", sagte Key in dem Beitrag, der am Sonntag ausgestrahlt wird.

Wie unzählige andere Soldaten wurde Key mit Horror des Krieges konfrontiert. Er musste zusehen, wie seine Kameraden mit abgetrennten Köpfen Fußball spielten und grundlos Menschen festnahmen, obwohl in den Häusern nichts Belastendes gefunden wurde. Schon nach zwei Monaten begann er am Sinn seiner Mission zu zweifeln.

"Ich bin in den Irak gegangen, um für mein Vaterland und meine Familie zu kämpfen", sagt Key in dem Filmbeitrag, "ich bin aus ehrenhaften Gründen dort hingegangen. Aber als ich merkte, dass die Regierung und die USA einfach etwas Falsches machen, änderte sich meine Meinung. Wenn ich im Irak meine Familie und mein Land zu verteidigen gehabt hätte, wäre ich noch da. Damals wusste ich nicht, worum es eigentlich ging, ob um Öl oder was auch immer. Aber eines merkte ich schnell: Ich war nicht im Irak, um den Leuten zu helfen oder ihnen die Demokratie zu bringen."

Die Bilder seiner Einsätze verfolgen Obergefreitem Key weiterhin. Noch heute, fast zwei Jahre nach seinem Kriegseinsatz, leidet der vierfache Familienvater unter Schlafstörungen, Angstzuständen und Depressionen.

Key und seine Familie waren 14 Monate lang in den USA auf der Flucht, weil er auf einem Heimaturlaub desertiert war. Ungefähr alle 30 Tage zogen sie um, von einem Motel ins nächste. Seit sie vor einem halben Jahr in Kanada Zuflucht gefunden haben, haben sie etwas Ruhe. Wie lange die Keys im Nachbarland der USA bleiben können, ist noch unklar. Vor dem Obersten Gericht Kanadas wird gerade verhandelt, ob Deserteure als politische Flüchtlinge anerkannt werden.

Die alte Heimat ist für Key und seine Familie zur No-Go-Area geworden: In den USA würden ihn laut US-Militärgesetz mindestens fünf Jahre Gefängnis oder sogar die Todesstrafe erwarten - nur eine Amnestie des Präsidenten könnte das ändern.



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