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Geheime Video-Aufnahmen im Irak: Im Folterkeller der US-Soldaten

Von Christoph Maria Fröhder

SPIEGEL ONLINE

Die Bilder sind erschütternd: Gefangene kauern mit Plastiktüten über dem Kopf am Boden, müssen irakischen Soldaten als Versuchsobjekte für Folterpraktiken dienen. Gedreht hat die Aufnahmen ein ARD-Team im Frühjahr 2004 in einem US-Geheimgefängnis im Irak - unter höchster Lebensgefahr.

Britische Medien erheben einen brisanten Vorwurf: "Guardian" und BBC zufolge sollen US-Soldaten während der amerikanischen Besatzung im Irak zwischen März 2003 und Dezember 2011 ein Folternetzwerk aufgebaut und überwacht haben. Vom Pentagon sanktioniert, regelten sie laut dem Bericht die systematische Misshandlung ungezählter Gefangener in den sogenannten "Black Sites", geheimen Foltergefängnissen.

Der langjährige ARD-Reporter Christoph Maria Fröhder hat im Frühjahr 2004 eine solche "Black Site" besucht - und dort unter Lebensgefahr mit seinem Team Filmaufnahmen gemacht. Auf SPIEGEL ONLINE schildert er seine Erlebnisse und zeigt sein Video.


Die martialische Bewachung macht uns auf den verborgenen Stützpunkt am Rande der irakischen Stadt Samara aufmerksam: Wir haben eines der geheimnisumwitterten, verborgenen Folterzentren gefunden. Das ist also eine der sogenannten "Black Sites", von denen uns Informanten berichtet hatten. Aber wie jetzt mit der Kamera hineinkommen? Alles ist militärisch abgesperrt.

Als dann eine US-Patrouille loszieht, schließen wir uns dieser wie selbstverständlich an, geben uns hochinteressiert an ihrer Mission, auch noch die letzten Spuren von Saddam Husseins Diktatur zu beseitigen. Ein Privathaus nahe des Stützpunkts wird durchsucht. Die Amerikaner lassen sich problemlos filmen, die irakischen Trainees scheuen die Kamera.

Der Hausbesitzer gibt sich nur zurückhaltend empört. Für ihn ist es die dritte Hausdurchsuchung binnen sechs Wochen. Er will vor allem verhindern, dass er mitgenommen wird, um dann ebenfalls gefoltert zu werden - wie der Mann seiner Schwester, die sich mit dem Baby zu ihm geflüchtet hat. Hinter uns wird bereits sein Tresor die Treppe heruntergeschleift. Der Schlüssel ist seit der letzten Durchsuchung genauso verschwunden wie die Ersparnisse des Mannes. Jetzt scheuen die irakischen Beamten die Kamera nicht mehr, ungeniert teilen sie die Beute noch im Hausflur unter sich auf.

Als es endlich zurück zum Stützpunkt geht, sind wir bereits Teil der Mission. Nachdem wir demonstrativ unsere große Kamera verschlossen haben, drehen wir mit einer kleinen Zweitkamera versteckt weiter.

Fotostrecke

5  Bilder
Gefängnisse im Irak: Das geheime Netz der Folterer
Was wir dann auf dem Stützpunkt sehen, ist erschreckend: Gefangene mit Tüten über dem Kopf, sie können kaum atmen. Und das alles nur, weil an ihnen irakische Geheimdienstler und Polizisten möglichst effektiv lernen sollen, wie man Menschen foltert, damit sie Geständnisse ablegen.

Man erzählt uns, bislang habe niemand die Tortur länger als zwei Tage ausgehalten. Diesen Teil des makaberen Trainings dürfen wir nicht sehen. Einige der Männer sitzen seit Wochen hier, dürfen nur alle 24 Stunden auf die Toilette. Es stinkt bestialisch. Als wir sie sehen, haben die Gefangenen gerade "Freizeit": Für die Dauer von einer Stunde wurden ihnen die Fesseln gelöst. Dann folgt wieder das Verhörtraining unter grausamen Bedingungen.

Plötzlich müssen wir den gesicherten Bereich verlassen - und werden zum Abschluss noch einmal verdonnert, nicht über das Schicksal und den Umgang mit den Gefangenen zu berichten. "Wenn wir euretwegen Ärger bekommen", sagt ein US-Offizier zum Abschied, dann "niete ich euer Team persönlich um."

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1. Nicht die Bilder
verissimus 07.03.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Bilder sind erschütternd: Gefangene kauern mit Plastiktüten über dem Kopf am Boden, müssen irakischen Soldaten als Versuchsobjekte für Folterpraktiken dienen. Gedreht hat die Aufnahmen ein ARD-Team im Frühjahr 2004 in einem US-Geheimgefängnis im Irak - unter höchster Lebensgefahr. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-filmaufnahmen-aus-einem-folter-gefaengnis-der-amerikaner-a-887519.html
sind erschütternd, sondern das, was der Kommentator dazu schildert. Schon die Behauptung, die Gefangenen könnten nicht richtig atmen, wird durch die Aufnahmen widerlegt. Sämtliche weiteren Vorwürfe erscheinen durch nichts bewiesen und wirken eher spekulativ; zumal selbst die angeblich `strenge Bewachung` durch das `Eindringen` des Kamerateams als widerlegt bzw. dramatisiert gelten muss. m.E. hat das mit seriösem Journalismus wenig gemein.
2. Pure Bestätigung...
mr_smith 07.03.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Bilder sind erschütternd: Gefangene kauern mit Plastiktüten über dem Kopf am Boden, müssen irakischen Soldaten als Versuchsobjekte für Folterpraktiken dienen. Gedreht hat die Aufnahmen ein ARD-Team im Frühjahr 2004 in einem US-Geheimgefängnis im Irak - unter höchster Lebensgefahr. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-filmaufnahmen-aus-einem-folter-gefaengnis-der-amerikaner-a-887519.html
Ausser SPONn und andere deutsche Massenmedien haben nur wenige Menschen geglaubt, dass es im Irak wirklich um Freiheit ging... Immerhin wird darüber mit ein paar Jahren Verspätung berichtet.. Lächerlich.
3. Wieso erst jetzt?
Blutworscht 07.03.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Bilder sind erschütternd: Gefangene kauern mit Plastiktüten über dem Kopf am Boden, müssen irakischen Soldaten als Versuchsobjekte für Folterpraktiken dienen. Gedreht hat die Aufnahmen ein ARD-Team im Frühjahr 2004 in einem US-Geheimgefängnis im Irak - unter höchster Lebensgefahr. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-filmaufnahmen-aus-einem-folter-gefaengnis-der-amerikaner-a-887519.html
Warum rücken die ARD-Journalisten erst jetzt mit der Wahrheit ans Licht, wollte man den verbündeten Folterstaat USA damals nicht brüskieren?
4.
jay peck 07.03.2013
vermuten konnte man diese zustände ja - nachdem wir die berichte aus guantanamo und die bilder aus abu ghreib gesehen haben. was mich erschüttert, ist, das dies 2004 aufgenommen wurde, bald 10 jahre her! warum werden diese aufnahmen erst jetzt veröffentlicht? ich bin ratlos...
5. Tja, die liebe Weltmacht beim Errichten des demo.Leuchtturms
seneca55 07.03.2013
2004 nur 1 Jahr nach der Invasion des IRAKS wurde also mit Hilfe der lieben US-Army "Frischfleisch" für die Demokratisierungskampagne von Rumsfeld/Cheney/Bush regelmäßig besorgt, danke SPON und ARD. Gleichzeitig saß unsere heutige Kanzlerin schnurrend vor Pres.Bush am Kamin im White House und erzählte, dass wenn sie Kanzlerin gewesen wäre die GIs zusammen mit der Bundeswehr das "Frischfleisch" für die Demokratisierung aufsammeln würde. Pfui, Kanzlerin Merkel, was sind Sie doch für eine rafinierte Etappen.... damals beim US-President gewesen, obwohl Sie ihn nach Ihrem Paulus-Erlebnis-2005 dann in Heiligensee 2007 beim G8-Treffen mit Wildsau-Grillen fast verg..... ließen. - Seitdem war die Gattin Bush schlecht auf Merkel zu sprechen - Fazit: Ist denn unsere Hegemonialmacht, USA, ein Schurken-Imperium und wir mitten drin; wenn das alles Realität ist?
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Zur Person
  • Christoph Maria Fröhder
    Christoph Maria Fröhder, Jahrgang 1942, hat als Korrespondent unter anderem aus Vietnam, Afghanistan und Kambodscha berichtet. Als Krisenreporter drehte er in beiden Golfkriegen im Irak, vor allem für die ARD. Für seine Reportagen erhielt er zahlreiche Preise. Er sagt: "Mein Anliegen ist es, als Advokat der Bevölkerung zu arbeiten mich damit von den typischen Kriegsreportern abzusetzen."

Karte

Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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