Flüchtlinge aus Falludscha Keine Zelte, 45 Grad, eine Latrine für 1800 Menschen

Iraks Armee feiert die Befreiung von Falludscha. Doch um Zehntausende Flüchtlinge aus der zerstörten Stadt kümmert sich die Regierung kaum. Beobachter beschreiben die Lage als unerträglich.

AFP

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In der kommenden Woche werden in der irakischen Provinz Anbar Temperaturen von mehr als 45 Grad im Schatten erwartet. Das extreme Wetter verschärft die Situation der mehr als 30.000 Menschen, die in den vergangenen drei Tagen aus dem umkämpften Falludscha geflohen sind. Denn während die Regierungstruppen noch die Rückeroberung der strategisch und symbolisch bedeutenden Stadt vom "Islamischen Staat" (IS) feiern, kündigt sich in den umliegenden Regionen eine humanitäre Katastrophe an.

So drastisch formulierte es der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC), der mehrere Notlager in der Umgebung der Stadt betreibt. Es gebe zu wenige Zelte, die Wasservorräte gingen zur Neige, so die Hilfsorganisation. Die Lage in den Camps gerate zusehends außer Kontrolle, Tausende Menschen müssten unter freiem Himmel campieren. Nicht nur das Klima macht die Flucht aus Falludscha gefährlich, so der NRC. Sechs Menschen seien durch Sprengfallen ums Leben gekommen, ein Mann an Erschöpfung gestorben.

Zahlreiche Familien und besonders hilfsbedürftige Menschen wie Alte, Kranke und Schwangere seien außerdem vermutlich noch in Falludscha eingeschlossen, erklärte der NRC weiter. Insgesamt hätten seit Beginn der Offensive der Regierungstruppen vor rund einem Monat mehr als 60.000 Menschen Falludscha verlassen.

Die Uno geht sogar von 80.000 Geflohenen aus. "Die Menschen sind seit Tagen zu Fuß unterwegs", sagte Lisa Grande, Uno-Hilfskoordinatorin für den Irak. Viele hätten ihren kompletten Besitz zurückgelassen, als die Kämpfe um die Stadt eskaliert seien, so Grande weiter: " Sie haben nichts, sie brauchen alles."

Die Regierung in Bagdad hat zwar angekündigt, schnell zehn neue Lager bauen zu wollen. Bisher, so die Kritik des Norwegischen Flüchtlingsrats, sei aber viel zu wenig passiert. In den bestehenden Lagern teilten sich bis zu 1800 Menschen eine Latrine, die hygienischen Verhältnisse seien unerträglich.

Falludscha ist eine ehemalige Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

  • Am 23. Mai hatten die Regierungskräfte eine Offensive zur Rückeroberung der Stadt angekündigt.
  • An diesem Freitag dann rückten die Einheiten bis ins Zentrum von Falludscha vor.
  • Am Samstag und Sonntag gab es noch vereinzelte Gefechte, in den nördlichen Vierteln der Stadt harren weiter IS-Kämpfer aus. Von diesen Nestern abgesehen, kontrolliert die Armee den Ort jedoch weitgehend. Auf dem Sitz der Regionalregierung hissten Soldaten die irakische Nationalflagge.

Nach der Einnahme von Falludscha bringt sich die irakische Armee für ihre nächste, noch heiklere Aufgabe in Stellung: einen Sturm auf die IS-Hochburg Mossul. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen rückten am Samstag zwei Divisionen der Armee sowie für den Antiterrorkampf geschulte Eliteeinheiten in Richtung Kajara vor.

Der Ort liegt etwa 60 Kilometer südlich von Mossul, der faktischen Hauptstadt des IS im Irak. "Durch den Beginn des Einsatzes zur Befreiung von Kajara wird den Terroristen eine Atempause verwehrt", erklärte Verteidigungsminister Chaled al-Obaidi auf Twitter. In der Nähe von Kajara liegt ein Flugfeld, das als Ausgangspunkt für eine Offensive gegen Mossul dienen könnte.

Der IS hatte im Januar 2014 die Kontrolle über Mossul gewonnen und herrscht seitdem grausam über die Metropole (lesen Sie hier einen Bericht über die Lage in Mossul ein Jahr nach der Eroberung). Laut Schätzungen leben dort derzeit noch rund zwei Millionen Menschen.

Die Befürchtung von Hilfsorganisationen: Bei einer Offensive der Regierungstruppen und entsprechender Gegenwehr der Islamisten könnten Hunderttausende Menschen aus der Stadt fliehen. Die schon mit der Situation um Falludscha überforderte Regierung wäre kaum in der Lage, die humanitären Folgen ihrer militärischen Offensive abzufangen.


Zusammengefasst: Nach dem Sieg gegen den IS bahnt sich um Falludscha ein Flüchtlingsdrama an. Mehr als 60.000 Menschen sind vor den Kämpfen geflohen, die Lager in der Umgebung reichen nicht aus. Die Armee bereitet sich schon auf die nächste Offensive vor: Bald soll auch die Millionenstadt Mossul vom IS befreit werden.

jok/AFP/Reuters/dpa



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rkinfo 19.06.2016
1. Sunniten im schiitischen Mehrheits-Irak
In der Regionen haben die alten Grenzen der Staaten, welche keine Rücksicht auf die religiösen-kulturellen nahmen, sich nun auch hier negativ gezeigt. Der Hass zwischen Sunniten und Schiiten sowie zu anderen Konfessionen ist derart groß dass nur räumliche Trennung zukunftträchtig erscheint. In Mossul haben wir praktisch nur noch Sunniten, die aber ihre andersgläubigen Ex-Nachbarn früh anschwärzten oder selbst jagten. Umgekehrt wäre dies wohl ähnlich gelaufen. Eine Nachkriegsordnung wird entweder sunnitische Elendslager ähnlich Palästineser überall erleben oder muss eine gemäßigten sunnitischen neuen Staat aus Teilen von Syrien und Irak bilden. Die Religion ist dort das Zivilrecht der Menschen und die Vermischung ergibt lokal inkompatible Rechtsnormen. Da kann daher nicht gut gehen.
oldman2016 19.06.2016
2. Sunniten
Die Flüchtlinge sollen ja überwiegend Sunniten die "Befreier" rachelüstige Schiiten aus irakischer Armee und iranischen Milizen. Diese sehen in allen Sunniten aus Falludscha Kollaborateure des IS. Dafür gegen dann in nächsten Tagen Selbstmordattentäter des IS auf schiitische Marktplätze in Bagdad. The same proceder as every day.
dummbrummjewski 19.06.2016
3. verantwortlich
verantwortlich für die dortigen Zustände ist einzig und allein die Achse der Blöden. Mit erfundenen Massenvernichtungswaffen wurde zwar ein Diktator gestürzt, der hatte jedoch die die Lage im Griff und seine Herrschaft hat bei weitem nicht so viele Menschenleben gekostet wie die "Befreiung" durch die westliche Finanz-Werte-Gemeinschaft. That's fact! Überall wo die Wertegemeinschaft die "Demokratie" gebracht hat, herrscht Chaos und Tod.
aopoi 19.06.2016
4. Wo bleibt die Verantwortung der USA in dem Artikel?
Wenn Jubelmeldungen zu berichten sind, dann sind die USA die Helden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/falludscha-us-gefuehrte-koalition-toetet-offenbar-lokalen-is-kommandeur-a-1094624.html Wenn es ums Leid geht, werden sie mal wieder ausgeblendet. Zumal die USA das Land auch in diese Situation gebommt haben. Von einer objektiven Presse würde ich es erwarten, dass auch die Rolle der USA bei diesem Feldzug gegen Falludscha erwähnung findet. Nicht nur beim Jubeln.
ralphitschik 19.06.2016
5. Wessen Wasser?
Warum und wenigstens bloss um guten Willen zu zeigen kann namentlich als Beispiel voran NESTLE nicht deren Massen von Menschen tränken, die offensichtlich die Hoffnung auf ein zivilisiertes Dasein verlieren? Heutzutage existieren doch Transportmittel und Hochleistungstanks? Die Technologie um die Qualität gewährleistend zu sichern existiert auch! Denn Geld spielt hier keine Rolle, wirklich...
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