Irak-Invasion Britischer Geheimbericht enthüllt haarsträubende Patzer

Kurz vor Beginn des britischen Irak-Untersuchungsausschusses blamiert ein Geheimbericht die Regierung. Die Akten zeigen, wie dilettantisch die Briten 2003 in den Krieg zogen - teils mit nur fünf Schuss Munition. Offiziere sagen, die Invasion sei gelungen, weil der Gegner noch mieser dastand.

DPA

Hamburg - Als die USA 2003 ihre Verbündeten im Namen der Terrorbekämpfung aufriefen, sich am Irak-Feldzug zu beteiligen, kam aus London umgehend ein Ja: Der damalige Premier Tony Blair reihte sich in die "Koalition der Willigen" ein, britische Soldaten unterstützen ihre Kollegen aus Übersee bei der Invasion des Golfstaates. Nun bringt ein Bericht, den die Zeitung "Sunday Telegraph" enthüllt hat, ans Licht, wie planlos und dilettantisch Labour-Regierung und Armee dabei zu Werke gegangen sein müssen.

Der Bericht enthält geheime Unterlagen der Regierung, die die Lehren aus der Beteiligung am Irak-Krieg zeigen sollen. Darin sind laut der Zeitung "außergewöhnlich deutliche" ungekürzte Interviews mit Offizieren der britischen Armee zu finden, die ursprünglich für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sein sollten. In den Gesprächen machen die Offiziere ihrem Frust und ihrer Empörung über die Versäumnisse von Regierung und Verteidigungsministerium Luft.

Aus Dutzenden Einsatzbilanzen der Armee geht hervor, dass der Krieg zwar als "bedeutender militärischer Erfolg" eingeschätzt wird, der aber gegen eine "drittklassige Armee" errungen worden sei. Demnach haben sich die Briten während der Invasion eine ganze Reihe von Patzern geleistet. "Bei einem schlagkräftigeren Gegner hätten wir diese Versäumnisse wahrscheinlich schwer büßen müssen", zitiert die Zeitung aus den Unterlagen.

Nicht nur die eigentliche Kriegsphase steht in der Kritik, auch die ersten 100 Tage nach dem Sturz des Saddam-Regimes erscheinen voller Pannen. Die britischen Pläne zum Wiederaufbau werden als "wertlos" und "hoffnungslos optimistisch" beschrieben. Die Alliierten seien "mies vorbereitet und mies ausgerüstet" gewesen, heißt es in den Unterlagen. Es habe keinen Plan B gegeben, was der Genfer Konvention widerspreche, die den Schutz von Zivilisten vorschreibt. Zudem legt der Bericht die nahe, der damalige Regierungschef Blair könne gelogen haben. Aus den Unterlagen gehen laut "Sunday Telegraph" folgende Details hervor:

  • Tony Blair hatte 2002 stets gegenüber Abgeordneten und der Öffentlichkeit betont, es gehe Großbritannien um "Entwaffnung, nicht um den Sturz des Regimes". Außerdem gebe es keine Vorbereitungen für einen britischen Militäreinsatz. Die Akten zeigen laut "Telegraph", dass das nicht ganz stimmte: Die Pläne der britischen Regierung zu einer Invasion und zum Sturz Saddams begannen im Februar 2002.
  • Im Bestreben, die Vorbereitungen vor dem Parlament zu verbergen, habe nur eine "sehr geringe Anzahl" von Personen sich mit der Planung befasst, die dadurch nur eingeschränkt möglich gewesen sei. Daraus sei ein "überstürzter" Einsatzplan entstanden, der weder stimmig gewesen sei noch genügend Zeit zur Ausrüstung der Soldaten gelassen habe. Die Truppen seien dadurch einem "bedeutenden Risiko" ausgesetzt gewesen, und nach der Invasion habe es "entscheidende Pannen" gegeben.
  • Die Ausrüstungsmängel werden als dramatisch beschrieben. Einige Soldaten zogen mit nur fünf Schuss Munition ins Gefecht. Andere wurden mit zivilen Fluggesellschaften ins Kriegsgebiet gebracht und mussten ihre Ausrüstung als Handgepäck mitnehmen. In mehreren Fällen konfiszierten die Sicherheitsbeamten am Flughafen die Waffen.
  • Offiziere berichteten, dass die Funkgeräte dazu neigten, "jeden Tag um die Mittagszeit wegen der Hitze auszufallen". Einer beschrieb die Versorgungslage als "absolut haarsträubend": "Ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass wir mitten in der Wüste einen Container voller Ski-Bretter hatten."
  • Die Einheit, die die Zeit nach der Invasion planen sollte, wurde erst im Februar 2003 zusammengestellt - drei Wochen vor Beginn des Kriegs.
  • Die Pläne enthielten keine Details für den Fall, dass die Alliierten die Hauptstadt Bagdad einnehmen. Dadurch sei Verwirrung bei den Soldaten entstanden, die wiederum die gegnerischen Kämpfer "ausgenutzt" hätten. Durch das planlose Vorgehen sei die "einmalige Gelegenheit" verpasst worden, das Vertrauen und die Unterstützung der irakischen Bevölkerung zu gewinnen. "Es war ein bisschen wie während der Kolonialzeit um 1750, wo das Militär alles selbst machen musste", wird ein Offizier zitiert.

Die Enthüllung kommt für die britische Regierung zu einem besonders kritischen Zeitpunkt: Am Dienstag beginnen in London die Anhörungen zur britischen Beteiligung am Irak-Feldzug. Ein Untersuchungsausschuss soll klären, welche Lehren aus dem Krieg zu ziehen sind. Im Juni 2009 hatte Premier Gordon Brown angekündigt, dass sich ein Ausschuss mit dieser Frage befassen soll. Die Ergebnisse sollen weitgehend in einem Bericht veröffentlicht werden, der Mitte 2010 erscheinen soll. Informationen, die nach Ansicht der Ausschussmitglieder die "nationale Sicherheit" betreffen, sollen nicht mit aufgenommen werden. Kritiker befürchten, wichtige Informationen könnten mit diesem Argument gesperrt werden, und argwöhnen, die Regierung wolle sich vom Vorwurf jeglicher Versäumnisse reinwaschen.

Die Unterlagen, aus denen der "Sunday Telegraph" zitiert, werden vermutlich auch Gegenstand der Ermittlungen im Untersuchungsausschuss sein. Die Informationen daraus allerdings, so mutmaßt die Zeitung, könnten unter jene fallen, die die "nationale Sicherheit gefährden".

Was tatsächlich sicherheitsgefährdend ist und was nicht, obliegt der Einschätzung des Ausschusses. Der Vorsitzende John Chilcot hat schon im Vorfeld betont, es werde nichts unter den Teppich gekehrt. "Wenn es einen Grund zur Kritik gibt, dann werden wir das auch aussprechen", versprach er. Die derzeit regierende Labour-Partei wird das ebenso interessiert beobachten wie die oppositionellen Konservativen: Im Mai, spätestens aber im Juni 2010 finden in Großbritannien Parlamentswahlen statt.

ffr

Forum - Irak-Invasion - wie riskant war der Einmarsch der Briten?
insgesamt 109 Beiträge
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SaT 22.11.2009
1. Die Lehre ist doch klar:
nie wieder in einen Krieg ziehen in den man nicht muss. Der Irak hat Großbritannien nicht angegriffen – es gab auch nie eine Gefahr, dass er dies jemals tun würde. Warum also dorthin und Ärger produzieren? Das war unnötig wie ein Kropf. Wozu bedarf es dafür einen Ausschuss?
Rudolf Raser, 22.11.2009
2. Des 'Pudel's Kern
Zitat von sysopNach einem Bericht zog die britische Armee miserabel vorbereitet in den Krieg gegen Saddam. Nun soll ein Ausschuss klären, welche Lehren aus dem Einsatz zu ziehen sind.
Mit vorauseilendem Gehorsam des Herrn Blair gegenüber seinem Kriegskompagnon G.W. Bush - ersterer besser bekannt als Bushs Pudel - zogen die Briten folglicherweise völlig unvorbereitet in einen von den USA angezettelten und ohne Not erforderlichen Krieg gegen den Iraq. Monatelang wurde Saddam Hussein als jemand angeschwärzt und verdammt, der 'weapons of mass destruction' hortet und nur darauf wartet, gegen den 'Westen' loszuschlagen. Was lag also näher, der Weltgemeinschaft den Plan zu verkaufen, im Rahmen eines 'pre-emptive strike' gegen den Iraq vorzugehen. Weder war eine Verbindung des Iraqs mit Al Qaida oder mit den Terroristen des 11. Septembers herzustellen, noch bestand überhaupt zu irgend einem Zeitpunkt der Ansatz einer Gefahr für den Westen. Wichtig war, dass sich die USA mit dem britischen Pudel auf einer Linie sahen und sich nicht zu schade waren, mit infamen aufgetischten Lügen einen souveränen Staat mit einem Krieg zu überziehen und Tausende von irakischen Zivilisten dem Tode zu übereignen. Mit jedem Kriegstag mehr wurde erkennbar, dass die USA beispiellose Lügner waren, denen es nur darum ging, einen unliebsamen und unbequemen Herrscher loszuwerden - um den Preis Tausender von Opfern. Die Briten haben stets die amerikanische Karte gespielt und nie irgendwelche Dinge kritisch hinterfragt. Dass den Briten in der Nach-Blair-Ära ganz plötzlich der Gedanke kommt, mittels eines Ausschusses klären zu lassen,welche Lehren letztlich aus dem Einsatz zu ziehen sind, mutet doch irgendwie befremdlich an. Die Lehren, die die Briten für sich aus diesem üblen Schlamassel ziehen müssten, liegen doch klar auf der Hand: Hände weg von irgendwelchen Einsätzen, die von der so hochgelobten demokratischen Weltmacht USA angezettelt werden. Die vielen Särge, die die Briten nach Hause verfrachten mußten und die vielen trauernden Angehörigen der getöteten Soldaten hätte man sich sparen können, wenn es nicht diesen devoten 'prime minister' Blair gegeben hätte, der den Entscheidungen seines Herrn stets ein Schritt voraus war.
Gandhi, 22.11.2009
3. Wen ueberrascht das schon?
Nachdem wir erleben duerften, wie dilettantisch die Okkupation vor sich geht, passt es doch nur ins Bild zu erfahren, dass die Invasion aehnlich "gut" ueber die Buehen ging. Erschreckend allerdings ist, dass die lange Vorbereitung (schliesslich war schon viel freuher entschieden worden, dass der Irak fuer 9/11 herhalten sollte/musste) von Profi-Militaers keine Professionalismus beinhaltete. Was waere wohl, wenn ploetzlich eine echter Verteidigunsfall sich ergebe? Stuemper auf der ganzen Linie: das ist die erschreckende Erkenntnis. Und weil man stuemperhaft vorging/vorgeht, kam/kommt es eben auch zu den Verbrechen, nicht nut die der Soeldner.
Ragnarrök 22.11.2009
4. Falsche Frage!
Hallo, die Frage müsste nicht lauten: "Irak-Invasion - wie riskant war der Einmarsch der Briten?" Sondern: "Irak-Invasion - wie gerechtfertigt war der Einmarsch der Briten?" Die hunderttausenden von Toten haben die Amis und Briten mitzuverantworten! Das einzige was sie in meinen Augen moralisch entlasten könnte wäre eine Todesrate (Gewalttod) die irgendwann die durchschnittliche Saddam Todesrate schneidet. Klar haben die Iraker und auch die zugewanderten Terroristen eine Schuld. Übrigens tragen die "Jungs" auch schuld dran, dass wir z. Zt. jeden Monat um ca. 700* irakische (christliche - jajaa) Asylbewerber haben. R. *verd....ich finde die zahlen nicht, deswg. bitte mit vorsicht geniessen. Kann mir ja nicht alles merken.
shatreng 22.11.2009
5. Exkurs
Kann mit bitte jmd den Unterschied zwischen einem Präventiv-Schlag und einem Präemptiv-Schlag erklären? Bei ersterem besteht eine objektive Gefahrensituation wie bspw. Raketen auf Kuba, die direkt auf die USA gerichtet sind und abschussbereit; beim zweiten handelt man auf Verdacht (der Irak habe Massenvernichtungswaffen?). Ich verstehs irgendwie nicht so wirklich... Wenn bspw. irgend ein Staat ABC-Waffen besitzt und mich damit irgendwann angreifen könnte, dann führe ich einen Krieg gegen diesen? Das öffnet doch jeder Willkür alle Tore und auch das Angriffsverbot gegen souveräne Staaten im Völkerrecht wird dadurch absolut sinnlos? ich bin verwirrt..
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