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"Islamischer Staat" auf dem Vormarsch: Dschihadisten erobern größten Staudamm im Irak

Irak: Islamisten auf dem Vormarsch Fotos
DPA

Im Irak verschärft sich die Lage dramatisch. Die Extremisten vom "Islamischen Staat" haben drei weitere Städte in ihre Gewalt gebracht - außerdem ein Ölfeld und den größten Staudamm des Landes. Laut Uno sind 200.000 Menschen auf der Flucht.

Bagdad - Die sunnitische Terrorbewegung "Islamischer Staat" (IS) hat binnen weniger Tage drei Städte im Nordirak erobert. Damit setzt die Gruppe die in der Region regierenden Kurden immer stärker unter Druck. Die Städte Sumar, Sindschar und Wana seien den Rebellen in die Hände gefallen, berichteten Augenzeugen und Vertreter der kurdischen Verwaltung am Sonntag. Außerdem haben die Extremisten demnach den Mossul-Staudamm und ein Ölfeld samt Raffinerie in ihre Gewalt gebracht.

Die Eroberung des größten Staudamms des Landes ist von erheblicher strategischer Bedeutung. Sollten die Extremisten die Staumauer sprengen, wäre die nahe gelegene Großstadt Mossul von einer Flutwelle bedroht, die Zehntausende Menschenleben in Gefahr brächte. Der Staudamm liegt rund 40 Kilometer nordwestlich von Mossul.

In Sumar hissten die Extremisten auf Gebäuden die schwarze Flagge des "Islamischen Staats". In anderen von ihnen eroberten Städten folgten auf dieses Ritual Massenhinrichtungen und die Durchsetzung fundamentalistisch-islamischer Vorschriften.

Auf ihrer Internetseite erklärte die radikalislamische Organisation, sie habe zahlreiche kurdische Kämpfer getötet und neben den Städten auch zwölf Dörfer eingenommen. Außerdem berichteten die Islamisten, dass Hunderte kurdische Kämpfer geflohen seien und zahlreiche Fahrzeuge sowie große Mengen an Waffen zurückgelassen hätten.

Die Extremisten stehen hundert Kilometer vor Bagdad

Die früher als ISIS bekannte Terrorgruppe "Islamischer Staat" hatte im Juni den Norden Iraks im Handstreich unter ihre Kontrolle gebracht und dort ein Kalifat ausgerufen. Viele irakische Soldaten desertierten angesichts der Offensive der Extremisten oder liefen zu ihnen über. Die Hoffnungen der Zentralregierung in Bagdad, aber auch der USA und anderer westlicher Staaten ruhten danach auf der Kampfkraft der Kurden. Bei den Gefechten der vergangenen Tage hätten die kurdischen Peschmerga-Milizen den Islamisten aber kaum etwas entgegenzusetzen gehabt, berichten Augenzeugen.

Derzeit steht der "Islamische Staat" rund hundert Kilometer vor Bagdad und droht, auch die Hauptstadt einzunehmen. Zuvor hatten die Islamisten den Bürgerkrieg in Syrien ausgenutzt, um dort in einigen Gebieten ihre fundamentalistische Herrschaft zu errichten. Im Irak finden sie teilweise bei den Sunniten Unterstützung, die sich von der Mehrheit der Schiiten im Land unterdrückt fühlen. Die Schiiten dominieren die Regierung in Bagdad.

Nach Uno-Angaben sind im Norden des Irak rund 200.000 Menschen auf der Flucht. Im Nordirak entwickle sich eine "humanitäre Tragödie". Die Flüchtlinge bräuchten dringend Nahrung, Wasser und Medikamente.

Flüchtlinge in Angst

Vor allem über die Eroberung der Stadt Sindschar durch die sunnitischen Extremisten äußerte sich die Uno-Mission äußerst besorgt. "Eine humanitäre Tragödie spielt sich in Sindschar ab", warnte der Sondergesandte für den Irak, Nickolay Mladenov. Die Vereinten Nationen hätten "ernste Sorgen" über die Sicherheit der Zivilisten in der Stadt.

In der Stadt von 310.000 Einwohnern hatten sich Tausende Flüchtlinge versammelt, darunter schiitische Turkmenen, die aus der Stadt Tal Afar geflohen waren, als diese an die Milizen vom "Islamischen Staat" fiel. Sindschar ist zudem die Heimat der Jesiden, einer Kurdisch sprechenden Minderheit (siehe Kasten). Die Dschihadisten betrachten die Jesiden als "Teufelsanbeter" und haben sie in der Vergangenheit wiederholt angegriffen. Im Internet veröffentlichten die Extremisten Bilder, wie ihre Kämpfer auf den Straßen von Sindschar patrouillieren.

Die autonome Kurdenregion im Norden des Irak hat die USA um Waffen gebeten, um sich gegen die Kämpfer des "Islamischen Staats" zur Wehr setzen zu können. Ein entsprechendes Ersuchen sei von einer kurdischen Delegation Anfang Juli in Washington vorgetragen worden, hieß es in Kreisen der kurdischen und der US-Führung. Die USA hätten zugesagt zu prüfen, wie die Verteidigungsfähigkeit der Kurden verbessert werden könne.

Die Kurden erklärten, die US-Militärhilfe sei für einen Erfolg gegen die aus al-Qaida hervorgegangene Terrorgruppe von entscheidender Bedeutung. Ihre Kämpfer benötigten Panzer, Ausrüstungen für Scharfschützen, gepanzerte Truppentransporter, Artillerie und Munition. Auf der Liste stünden zudem Schutzwesten, Helme sowie Tank- und Sanitätsfahrzeuge. Das werde nicht nur zum Schutz der Kurdengebiete gebraucht, sondern auch zur Verteidigung der irakischen Flüchtlinge, die sich in die Obhut der kurdischen Peschmerga-Miliz begeben hätten.

Die Minderheit der Jesiden
Wo leben die Jesiden?
Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.

wal/Reuters/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 278 Beiträge
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1.
ralf_gabriel 03.08.2014
Zitat von sysopDPAIm Irak haben die Extremisten vom "Islamischen Staat" drei weitere Städte in ihre Gewalt gebracht - außerdem ein Ölfeld samt Raffinerie und den größten Staudamm des Landes. Laut Uno sind 200.000 Menschen auf der Flucht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-islamischer-staat-erobert-mossul-staudamm-a-984282.html
Ich verstehe nicht wie das geht. Wo kriegen die das Material und die Leute her. Die Kurden sind gut organisiert, ausgerüstet und motiviert. Nicht wie diese Stadt wo die Irakische Armee von alleine weggelaufen ist.
2. irgendwie
ddg28 03.08.2014
bringt dieser Bericht ein Lächeln auf meine Lippen. Aber Hauptsache es wird gegen böse Israelis, böse Russen, böse Neonazis, einfach gegen alles Böse demonstriert. Und muslimische Fanatiker machen was sie wollen, die mit dem friedlichen Glauben.
3. Mission Accomplished
schmuella 03.08.2014
Chaos im Irak? Kann gar nicht sein. Bush hat doch bereits 2003 verkündet: Mission Accomplished. Wer es nicht glaubt, kann es hier nachlesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Mission_Accomplished_speech
4. irgendwann muss es mir erklärt werden
baba01 03.08.2014
Schiiten, Sunniten, Christen und anderes .. also keine Menschen .... oder wie ... und jeder hat seinen eigenen kleinen da oben sitzen ... oder wie jetzt.. also Aliens.. also keine Menschen...
5. Naja,
forumgehts? 03.08.2014
Zitat von sysopDPAIm Irak haben die Extremisten vom "Islamischen Staat" drei weitere Städte in ihre Gewalt gebracht - außerdem ein Ölfeld samt Raffinerie und den größten Staudamm des Landes. Laut Uno sind 200.000 Menschen auf der Flucht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-islamischer-staat-erobert-mossul-staudamm-a-984282.html
Was werden die schon mit dem Zeug anfangen? Vermutlich das was sie können: in die Luft jagen!
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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