IS-Terror im Nordirak Sprengsatz im Schrank, im Sofa, im Teddy

Die kleine Shahed verlor ein Bein, den Bruder, die Mutter - weil der IS ihre Heimat Mossul mit Sprengsätzen verseucht hat. Es ist eine perfide Taktik der Terroristen, die Zivilisten als Schutzschilde brauchen.

Till Mayer

Aus dem Nordirak berichtet Till Mayer


Shahed schließt die Augen, breitet die Arme aus. Es klappt, sie wackelt nicht. Wie eine Ballerina steht das Mädchen im dämmrigen Licht des Zelts. Auf einem Bein. Dort, wo das andere sein sollte, ist ein Knoten in der Jogginghose. Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Zwölfjährigen. Es ist flüchtig.

"Bravo", sagt der Physiotherapeut der Hilfsorganisation Handicap International. Ihr Vater klatscht in die Hände. "Sehr schön. Aber jetzt, meine Große, geh mit deinen Geschwistern zu den Verwandten." So hüpft die Zwölfjährige auf dem linken Bein an der Hand ihres Cousins aus dem Zelt. Ihre Geschwister Ahad, acht, Raghad, sieben, und Raad, vier Jahre alt, stapfen missmutig hinterher. Ahad, dessen linkes Auge immer noch geschwollen ist. Raad mit einer verschorften Wunde im Gesicht. Die kleine Raghad, die sich ängstlich an ihren ältesten Bruder schmiegt.

Vater Firas hat ein müdes Gesicht, die Augen liegen tief. "Meine Kinder wissen nicht, dass ihre Mutter nicht mehr unter uns ist." Der 42-Jährige spricht langsam, fast flüsternd. Er wartet, bis die Kinder in einer der Zeltreihen verschwinden. Blauweiße Halbtonnen, die sich im Hasansham-Camp endlos zwischen Staub und Felsen aneinanderreihen.

Wer fliehen will, für den gibt es keine Gnade

Vater Firas erzählt vom 9. März. Dem Tag, an dem Shahed ihr rechtes Bein verlor, ihren elfjährigen Bruder und ihre Mutter. Schwere Granaten schlagen an diesem Tag im Westen von Mossul ein. Dem Teil der Stadt, den der IS noch immer hält. Firas Familie sitzt im Keller. Der Boden, die Wände, alles zittert bei jedem Einschlag. "Wir hatten Angst, bei einem Treffer lebendig begraben zu werden", sagt der Vater.

Als die Familie vor die Haustür tritt, sehen sie die Nachbarn fliehen. "Nehmt euch an den Händen und lauft. Lauft, so schnell ihr könnt", ruft Firas. So hetzen sie die Straße entlang.

Weit kommen sie nicht.

Zwei Explosionen schleudern Menschen wie Puppen in die Luft, Splitter, Steine, Eisenteile zischen durch die Luft. Granateinschläge waren das nicht. Der IS hat links und rechts der Straße zwei Sprengsätze in Autos platziert. Firas Familie ist in die Falle getappt.

Die Menschen in West-Mossul wissen: Wer fliehen will, für den gibt es keine Gnade. Die IS-Kämpfer brauchen die Zivilisten als lebende Schutzschilde gegen die anstehende Offensive der Regierungstruppen. Deshalb darf niemand raus - und die selbst gebauten Bomben helfen den Kämpfern auf grausame Weise, die Stellung zu halten. Sie sind eine traurige Spezialität des IS. Selbst in Leichen wurden die Sprengsätze schon platziert. In den Häusern, deren Bewohner geflohen sind. Und in geparkten Autos.

Als sich der Staub legt, hält Firas ein totes Kind an seiner Hand. Der Bauch des Elfjährigen ist aufgerissen. Neben ihm weint Raghad. An der anderen Hand hält sich Ahad fest. Sein Gesicht ist voller Blut. Firas ruft nach seiner Frau. Nach den anderen Kindern. Keine Antwort, sie sind verschwunden. Bald werden Kämpfer kommen, das weiß Firas. Er hat keine Zeit zu suchen, nimmt Raghad in den Arm, die andere Hand greift nach Ahad. Er flieht, um sie zu retten.

Irgendwie schafft er es bis zum Krankenhaus außerhalb der Stadt. Die verletzten Kinder sind versorgt. "Doch es gab kein Zurück. Die Straßen waren gesperrt. Nicht einmal meinen toten Sohn konnte ich holen." Firas braucht Kraft, um weiterzusprechen. Mit seinen Kindern kommt er in ein Krankenhaus nach Erbil. Es dauert viele, unendlich lange Tage bis ihn ein Verwandter erreicht. "Keiner traut sich, im IS-Gebiet mit dem Mobiltelefon zu telefonieren. Darauf steht die Todesstrafe", sagt Firas. Zwei seiner Kinder leben noch und sind in Sicherheit, erfährt er. Shahed hat ein Bein verloren. Seine Frau hat es nicht geschafft.

Geschichten, die den Zuhörer erstarren lassen

"Jetzt bin ich hier mit meinen vier Kindern, das ist unsere Geschichte. Aber was ist unsere Zukunft?", fragt der 42-Jährige. Zurück nach Mossul will und kann er nicht. Selbst wenn der IS besiegt ist. Da ist das Risiko, dass in seinem Haus nun Sprengsätze versteckt sind. Es ist schon zu oft passiert: Ein Rückkehrer will das Licht anschalten - und alles explodiert. Überall legen die IS-Kämpfer ihre selbstgebauten Sprengsätze. Dort, wo der IS geschlagen ist, tauchen die Kämpfer unter und terrorisieren weiter. "Sollen meine Kinder jeden Tag die Straße entlanglaufen, auf der ihre Mutter und ihr Bruder starben?", fragt der Familienvater.

"Meine Nachbarn haben mich für die guten Fleischspieße gelobt, die ich ihnen verkauft habe. Das ist vorbei. Ich habe meine Geschichte erzählt, damit sie vielleicht jemand hört, der uns hier herausholen kann. Hier weiß ich nicht einmal, ob meine Tochter eine Prothese erhält. Wenigstens kommt jetzt ein Physiotherapeut, dafür sind wir dankbar." Firas verabschiedet seine Gäste, das Erzählte nimmt ihn sichtbar mit.

"Mehr als alles andere fürchte ich den Tag, an dem ich den Kindern sagen muss, dass sie ihre Mutter nie wiedersehen", sagt er leise.

Wenig später stehen die vier am Zelteingang. Firas versucht vergebens ein Lächeln. Shahed sieht, dass er geweint hat. Vermutlich ahnt sie, was geschehen ist. Jeden Tag ein wenig mehr. Die trostlose Welt des Hasansham-Camps ist voller Geschichten wie der von Firas und seinen Kindern. Geschichten, die erstarren lassen. "Wir haben euer Leid verstanden", hat eine Wohltätigkeitsstiftung neben das Eingangstor geschrieben. Aber kann so ein Satz überhaupt stimmen?

Alte Bomben entfernen, während neue gelegt werden

Eine Stunde mit dem Auto entfernt, hinter dem Checkpoint der Kurden, einem der irakischen Armee, dem einer christlichen Miliz und noch einem der irakischen Armee, liegt ein kleine Siedlung. Die Frontlinie verlief keine 200 Meter vom Ort entfernt. Jetzt sind die leerstehenden Häuser ein Geisterdorf, die Menschen bei Angehörigen oder in Lagern wie dem Hasansham-Camp gestrandet. Niemand traut sich zurück. "Aus gutem Grund. Viele Häuser sind mit selbst gebauten Sprengfallen versehen", sagt Troy Thorpe, ein britischer Ex-Militär, der für die Hilfsorganisation Handicap International die Sprengstoffbeseitigung koordiniert.

ANZEIGE
Till Mayer:
Barriere:Zonen

Erich-Weiß-Verlag, 72 Seiten, 10 Euro

"Sie werden immer geschickter mit ihren IEDs (improvised explosive device). Und sie legen sie in einer Zahl, die es so noch in keinem Konflikt gegeben hat", sagt der Experte über die selbst gebauten Sprengfallen des IS. Er berichtet von Sprengkörpern aus Artilleriegranaten. Über solargestützte Zünder. Über den Sprengsatz im Teddy, hinter der Schranktür, unter dem Treppenabsatz, im Küchenschrank oder dem Sofakissen. Die mühsame Arbeit, sie unschädlich zu machen, hat begonnen. Die Teams von Handicap International markieren im Umkreis mit Spraydosen, roter Farbe und Steinen potenziell gefährliche Gebäude. Sie befragen Bauern, wo sie Sprengsätze vermuten.

Ein paar Kilometer Luftlinie entfernt sucht ein Expertenteam nach Streubomben, die die Amerikaner 2003 abgeworfen haben. Sechs Dorfbewohner starben in den vergangenen Jahren, weil sie auf Blindgänger stießen. Handicap-Mitarbeiter Thorpe: "Es ist eine traurige Geschichte. Wir entschärfen Bomben aus vergangenen Kämpfen - während gleichzeitig neue Sprengsätze gelegt werden."

Zum Autor
    Der Foto-Journalist Till Mayer setzt sich mit Langzeitfolgen von Kriegen auseinander. Im Erich-Weiß-Verlag erschienen dazu die Bildbände "Abseits der Schlachtfelder" und "Barriere:Zonen". Die Wanderausstellung "Barriere:Zonen" kann von Schulen, Universitäten und Institutionen entliehen werden. Für sein humanitäres Engagement als Journalist wurde er mehrfach ausgezeichnet.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.