Terror im Irak Islamisten ziehen Türkei in den Dschihad

Erst entführten Dschihadisten im Norden Iraks türkische Lastwagenfahrer, dann stürmten sie das türkische Konsulat in Mossul und nahmen Dutzende Geiseln. Ankara wird in den Konflikt im Nachbarland hineingezogen.

Von , Istanbul


Es ist der Albtraum der türkischen Regierung. Seit Jahren fürchtet Ankara, in den Kampf von islamischen Extremisten hineingezogen zu werden.

Jetzt wurde das Szenario Wirklichkeit: Am Dienstag haben Mitglieder der sunnitischen Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) bei ihrem Vormarsch auf Mossul im Irak 28 türkische Lastwagenfahrer als Geiseln genommen. Am Mittwoch stürmten Extremisten das türkische Konsulat in der Stadt und nahmen auch dort Dutzende Geiseln.

Außenminister Ahmet Davutoglu drohte den Kidnappern mit Konsequenzen. Sollte den Verschleppten etwas zustoßen, müsse jeder, der in die Geiselnahme verstrickt sei, mit "harter Vergeltung" rechnen, so Davutoglu, der wegen der Vorfälle mit seinem US-Amtskollegen John Kerry telefonierte. Niemand solle die Stärke der Türkei auf die Probe stellen. Ankara hat auch eine Notfallsitzung der Nato einberufen.

Türkische Medien berichten unter Berufung auf das Umfeld von Premierminister Recep Tayyip Erdogan, es seien insgesamt "14 bis 15 Mitarbeiter" entführt worden, darunter auch der Generalkonsul Öztürk Yilmaz selbst. Andere nennen die Zahl von 48 oder 49 Geiseln, darunter "mindestens drei Kinder" sowie türkische Sondereinsatzkräfte, die für die Sicherheit der diplomatischen Vertretung zuständig seien.

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Irak: Massenflucht vor dem Terror der Isis
Aus dem Außenministerium in Ankara hieß es, die Geiseln seien ins Isis-Hauptquartier in Mossul gebracht worden, ein Militärstützpunkt, den die Islamisten kürzlich erobert hatten. Man habe Kontakt zu "gewissen militanten Gruppen" aufnehmen können, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters eine namentlich nicht genannte Regierungsquelle. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums sagte SPIEGEL ONLINE, man gehe davon aus, "dass all unsere Kollegen wohlauf sind und möglichst bald freikommen".

Seit Dienstag funktioniere die Telefonverbindung zum Konsulat in Mossul nicht mehr, aber man habe Generalkonsul Yilmaz auf seinem Mobiltelefon erreichen können. Yilmaz gilt als krisenerprobter Diplomat, erst kürzlich war er einem Bombenattentat in der 80 Kilometer östlich von Mossul gelegenen kurdischen Stadt Erbil entgangen.

"Eine Bedrohung für die gesamte Region"

Erdogan berief eine Krisensitzung mit Sicherheitsexperten ein, darunter Mitarbeitern des Geheimdienstes MIT. Außenminister Davutoglu unterbrach eine USA-Reise, wie das türkische Staatsfernsehen TRT berichtete. Staatspräsident Abdullah Gül kritisierte, es habe im Irak eine "Sicherheitslücke" gegeben. "Solche Lücken darf man nicht zulassen. Wenn man sie zulässt, werden sie von solchen Leuten gefüllt."

Aufmerksam nahmen Politiker in Ankara zur Kenntnis, dass die irakische Regierung mit kurdischen Truppen zusammenarbeiten wolle, um die Isis-Kämpfer aus der Region zu vertreiben. Ein Parlamentarier der Regierungspartei sagte, Isis stelle "eine Bedrohung nicht nur für Irak, sondern für die gesamte Region" dar. Mossul liegt nur etwa 150 Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt. "Wir müssen uns schnell überlegen, wie wir reagieren."

Erdogan unterstützt offen Assads Gegner

Bislang hatten die Türkei einen Angriff durch Isis eher aus Syrien vermutet. Im vergangenen September war es Isis-Rebellen beispielsweise gelungen, die nordsyrische Stadt Asas einzunehmen, nur drei Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt.

Nach dem Ausbruch der Gewalt in Syrien hatte die Türkei sich auf die Seite der Opposition und der Freien Syrischen Armee gestellt. Das Parlament in Ankara hat Plänen zugestimmt, Truppen nach Syrien zu schicken, sollte die nationale Sicherheit der Türkei bedroht sein. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor drei Jahren sind die Freunde von einst, Erdogan und der syrische Präsident Baschar al-Assad, verfeindet.

Kritiker werfen Erdogan vor, selbst dem Islamismus in der Region Vorschub zu leisten, indem er fundamentalistische Kämpfer in Syrien gegen Assad unterstütze. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch behauptet, Islamisten würden über die Türkei nach Syrien einsickern, sie bezögen auch Geld und Waffen von dort. Außerdem würden verletzte Dschihadisten in der Türkei medizinisch behandelt. Indirekt fördere die Türkei damit Kriegsverbrechen. Erdogan hat diesen Vorwurf zurückgewiesen. Man unterstütze keine Extremisten, schon allein aus Eigeninteresse.

Unruhen im Irak

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