Irak-Krieg: Dokumente über US-Massaker auf Schrottplatz entdeckt

Der Name der Stadt Haditha steht für ein Massaker von US-Streitkräften an der irakischen Bevölkerung. 24 Zivilisten starben. Ein Reporter der "New York Times" hat jetzt Hunderte Seiten geheimer Verhördokumente des US-Militärs zu dem Fall aufgespürt - auf einem Schrottplatz bei Bagdad.

Haditha: Massaker des US-Militärs Fotos
AP/ NCIS via The Washington Post

New York - Die Unterlagen sind eigentlich streng geheim: Hunderte Seiten von Verhörprotokollen des US-Militärs, die sich mit einem Sündenfall der Marineinfanterie im Irak-Krieg beschäftigen. 400 Seiten über die Bluttat von Haditha. Bei dem Massaker in der irakischen Ortschaft töteten Soldaten am 19. November 2005 24 Zivilisten, darunter Frauen, Kinder und einen Rollstuhlfahrer.

Der Fall war verheerend für das Ansehen der USA, die Untersuchungsdokumente zu den Vorgängen in Haditha wurden lange unter Verschluss gehalten. Jetzt ist ein Teil davon aufgetaucht: Ein Reporter der "New York Times" entdeckte die Papiere auf einem Schrottplatz nicht weit von Iraks Hauptstadt Bagdad. Ein Mitarbeiter auf dem Areal war gerade dabei, die Unterlagen zu verbrennen, weil er mit dem Feuer Fisch für ein Essen zubereiten wollte.

Eigentlich hätten die Unterlagen, die die Basis für einen umfassenden Untersuchungsbericht wurden, vernichtet werden sollen. Sie lagen der "New York Times" zufolge aber mit weiteren Dokumenten des US-Militärs auf dem Schrottplatz, unter anderem mit Karten zu Flugrouten. Eine irakische Vertragsfirma hatte die Unterlagen zu dem Schrottplatz gebracht.

"Preis dafür, dass man seinen Job macht"

Die Dokumente, so die Zeitung, bestätigten viele Berichte über die Gräueltat in Haditha. Bei dem Massaker waren US-Marineinfanteristen gegen Zivilisten vorgegangen, nachdem ihr Militärkonvoi auf einen Sprengsatz gefahren war. Zunächst erschossen sie mehrere Männer aus einem Fahrzeug heraus, später zogen die Soldaten von Haus zu Haus und töteten 19 Bewohner des Orts nordwestlich von Bagdad.

Die Unterlagen seien aber auch deshalb interessant, weil sie offenlegen würden, welchem Druck sich viele Soldaten bei ihrem Irak-Einsatz ausgesetzt fühlten und wie manche von ihnen angesichts der täglichen Gewalt zunehmend abstumpften. So sehr, dass sie offenbar auch der Tod von Zivilisten nicht mehr sonderlich berührte. "Manche, die sich unter dauerndem Beschuss fühlten, entschieden sich, zunächst Gewalt auszuüben und erst dann Fragen zu stellen", schreibt die "New York Times". Der Tod von Zivilisten sei der "Preis dafür, dass man seinen Job macht", sagte demnach etwa Major General Steve Johnson.

So sei es vorgekommen, dass unbekannte Fahrzeuge, die sich Checkpoints nährten, ohne erkennbar zu bremsen, unter Feuer genommen wurden, weil sie für Selbstmordattentäter gehalten wurden. In solchen Fällen wurden dann auch Menschen getötet, die nichts verbrochen hätten und unschuldig seien, sagte dem Zeitungsbericht zufolge ein Sergeant aus. Tote Zivilisten, durch unglückliche Umstände ums Leben gekommen, das gehörte offenbar zum Alltagsgeschäft.

Warum hätte es also am 19. November 2005 anders sein sollen? Chief Warrant Officer K. R. Norwood war offenbar nicht erstaunt, als er erste Berichte von den Vorgängen in Haditha mit mehr als 20 Toten Zivilisten empfing. Die Zahl der zivilen Todesopfer sei "nicht ungewöhnlich" gewesen, sagte Norwood der "New York Times" zufolge in seiner Aussage. "Nicht ungewöhnlich?", fragte ein Ermittler nach und wollte wissen, ob Norwood dann nicht weitere Informationen angefordert habe. Zu der Zeit seien solche Vorkommnisse nicht ungewöhnlich gewesen, antwortete Norwood.

Die Anklagen gegen sechs Marines im Fall des Haditha-Massakers wurden später fallengelassen, einer wurde freigesprochen. Der Prozess gegen den Unteroffizier Frank Wuterich soll im kommenden Jahr beginnen, er hatte die Marineeinheit damals geführt. Ein Sprecher des US-Militärs im Irak wollte sich gegenüber der "New York Times" nicht dazu äußern, dass die Unterlagen in die Hände der Zeitung geraten konnten. Er könne sich zu Verschlusssachen nicht äußern.

An diesem Donnerstag hat sich die US-Armee mit einem Festakt in Bagdad offiziell aus dem Irak zurückgezogen. Verteidigungsminister Leon Panetta sagte den Irakern die Unterstützung seines Landes über den Abzugstermin hinaus zu. In den kommenden Tagen werde der Irak mit "Terroristen und denjenigen, die auf die Spaltung des Landes aus seien" konfrontiert sein, sagte der Pentagon-Chef während der Zeremonie auf dem Flughafen von Bagdad. Aber die USA würden den Irakern bei diesen Herausforderungen zur Seite stehen. Der Kommandeur der US-Truppen im Irak, General Lloyd Austin, rollte später die Fahne ein.

hen/AFP

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1. empörend
atech 15.12.2011
Zitat von sysopDer Name der Stadt Haditha steht für ein Massaker von US-Streitkräften an der irakischen Bevölkerung. 24 Zivilisten starben. Ein Reporter der "New York Times" hat jetzt Hunderte Seiten geheimer Verhördokumente des US-Militärs zu dem Fall*aufgespürt - auf einem Schrottplatz*bei Bagdad.
die Empörung darüber, dass jetzt die "geheimen" Verhördokumente auf einem Schrottplatz gefunden wurden, scheint immer noch größer zu sein als über das, was US-Soldaten irakischen Zivilisten antaten. Die NEW YORK TIMES zog den richtigen Schluss als sie schrieb, dass es die mangelnde Bereitschaft Präsident Obamas war, Kriegsverbrecher für ihre Taten vor US-Kriegsgerichten zur Verantwortung zu ziehen oder von irakischen Gerichten zur Verantwortung ziehen zu lassen, die es dem US-Militär auf Dauer unmöglich machte, weiter im Irak zu verbleiben: That sense of American impunity ultimately poisoned any chance for American forces to remain in Iraq, because the Iraqis would not let them stay without being subject to Iraqi laws and courts, a condition the White House could not accept. (http://www.nytimes.com/2011/12/15/world/middleeast/united-states-marines-haditha-interviews-found-in-iraq-junkyard.html?_r=1&hp=&pagewanted=print) Der heute bekanntgegebene Rückzug des US-Militärs ist insofern nur konsequent. Die USA haben sich im Irak keine Freunde gemacht.
2. ...
timorieth 15.12.2011
Die Tat ist natürlich absolut verabscheuenswürdig, wie der gesamte Irak-Krieg. Dennoch musste ich lachen: "Ein Reporter der "New York Times" entdeckte die Papiere auf einem Schrottplatz nicht weit von Iraks Hauptstadt Bagdad. Ein Mitarbeiter auf dem Areal war gerade dabei, die Unterlagen zu verbrennen, weil er mit dem Feuer Fisch für ein Essen zubereiten wollte." Zuerst dachte ich: klar auf dem Schrottplatz gefunden, wo sonst? Dient nur dem Quellenschutz, Bradley Manning und so. Aber die Story mit dem Fisch anbraten, das ist so skurril, da muss was dran sein :D Göttlich Grüße
3. Wie führt man einen solchen Krieg?
dg19de 15.12.2011
Der Einsatz der Amerikaner im Irak war ein Guerilla - Krieg. Was ist das Wesen eines solchen Krieges? Eine reguläre Armee eines souveränen Staates agiert gegen eine Gruppe von Kämpfern, die folgende Merkmale besitzen: Sie tragen keine Uniform; sie vermeiden offene Feldschlachten, kämpfen statt dessen verdeckt, aus dem Hinterhalt, mit Sprengstoffanschlägen u. ä. , um ihre militärische Unterlegenheit auszugleichen. Das strategische Ziel solcher Guerilla- Kämpfer ist es, die militärisch weit überlegene Armee durch zahlreiche Nadelstiche zu entmutigen, zu zersplittern, bis sie nach ein paar Jahren wieder abzieht. Dadurch, dass sie die zivile Infrastruktur als Deckung benutzt und dezentral aufgebaut ist, ist die Guerilla - Gruppe kaum zu zerschlagen. Wie beendet man als reguläre Armee dieses strategische Dilemma? Man geht rücksichtslos gegen jeden vor, auch gegen Zivilisten. Klar, es sterben dann viele Unschuldige, aber auch einige feindliche Kämpfer. Wenn man einen Kampf gegen eine irreguläre Armee führt und diesen gewinnen will, muss man so vorgehen. Israel hat, als es vor drei Jahren in den Gazastreifen einmarschiert ist, die gleiche Strategie verfolgt. Das ist auch die einzige Möglichkeit: Der Feind nutzt die zivile Infrastruktur zur Tarnung, als Versteck. Also muss man diese zerstören, um ihm diesen Vorteil wieder zu nehmen. Simple Logik, wenn auch grausam. Aber es ist Krieg, und Krieg ist immer grausam.
4. Auf dem Schrott
spiekla 15.12.2011
Zitat von timoriethDie Tat ist natürlich absolut verabscheuenswürdig, wie der gesamte Irak-Krieg. Dennoch musste ich lachen: "Ein Reporter der "New York Times" entdeckte die Papiere auf einem Schrottplatz nicht weit von Iraks Hauptstadt Bagdad. Ein Mitarbeiter auf dem Areal war gerade dabei, die Unterlagen zu verbrennen, weil er mit dem Feuer Fisch für ein Essen zubereiten wollte." Zuerst dachte ich: klar auf dem Schrottplatz gefunden, wo sonst? Dient nur dem Quellenschutz, Bradley Manning und so. Aber die Story mit dem Fisch anbraten, das ist so skurril, da muss was dran sein :D Göttlich Grüße
Ja, das dachte ich auch. Der Fisch hat bestimmt gestunken, aber weniger als die US Regierung und Armeeführung. Und nun die Aburteilung von Soldaten. Zuerst zum Töten drillen, dann geht im Krieg noch die letzte Empathie verloren (notwenigerweise um nicht durchzudrehen) und dann wandern diese Jungs zu Hause in den Knast, weil Ihre Befehlshaber fürchten müssen, dass einige von den Soldaten ihnen das letzte Magazin reinjagen. Es wird auch bei uns ein neuer Krankheitsbegriff kreiert: Der Afghanistan Veteran kommt psychisch krank nach Hause, weil er dieses Blut nicht mehr sehen konnte - dabei ist er gesellschaftlich wünschenswert mitleidsfähig - krank sind die "Harten".
5. Hilfslosigkeit
Klaschfr 15.12.2011
Zitat von sysopDer Name der Stadt Haditha steht für ein Massaker von US-Streitkräften an der irakischen Bevölkerung. 24 Zivilisten starben. Ein Reporter der "New York Times" hat jetzt Hunderte Seiten geheimer Verhördokumente des US-Militärs zu dem Fall*aufgespürt - auf einem Schrottplatz*bei Bagdad. Irak-Krieg: Dokumente über US-Massaker auf Schrottplatz entdeckt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803983,00.html)
Dass der Präsident der USA seinen Soldaten dankt, kann man verstehen. Seine Sicht der Entwicklung des Irak seit dem verbrecherischen Eingreifen der USA hat nur noch mit Realitätsverlust zu tun. Die USA befinden sich auf dem Abstieg in allen Bereichen - selbstverschuldet. Anderen gegenüber von ihren Werten zu schwärmen ist pervers. Und wenn schon Obama nur noch ein Zerrbild seiner selbst ist, wer soll da noch für einen american way of life, einem fatalen Irrweg, Sympatien haben?
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Dschalal Talabani

Regierungschef: Nuri al-Maliki

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