Irak-Krieg "Ernster als Vietnam"

Der Konflikt im Irak ist nach den Worten des EU-Außenkommissars Chris Patten "sehr viel ernster" als der Vietnam-Krieg: "Wir werden sehr, sehr lange Zeit mit den Folgen leben müssen".


US-Soldaten in Falludja: Vietnamtrauma
AFP

US-Soldaten in Falludja: Vietnamtrauma

Tullamore - "Der Vergleich, ... dass der Irak ein so großes Thema wie Vietnam werden könnte, ist unangebracht, denn ich denke, er ist wohl noch sehr viel ernster", sagte Patten nach dem Treffen der EU-Außenminister am Wochenende im irischen Tullamore. "Wenn die Dinge im Irak falsch laufen, dann werden wir sehr, sehr lange Zeit mit den Folgen leben müssen."

Das Aufflammen der Gewalt im Irak und die Entführungen von Ausländern durch Aufständische haben zu Vergleichen mit dem Vietnam-Krieg geführt, in dem mehr als 58.000 US-Soldaten starben und die USA unterlagen. Der demokratische US-Senator Edward Kennedy hatte die Besatzung des Iraks als "George Bushs Vietnam" bezeichnet. US-Präsident Bush hatte erst kürzlich einen Vergleich der beiden Konflikte als unangebracht zurückgewiesen.

Die italienische Regierung erwägt nun die Zahlung von Lösegeld für die drei noch im Irak festgehaltenen italienischen Geiseln. Dies wäre ein möglicher Weg, um die Freilassung der Männer zu erreichen, sagte Europa-Minister Rocco Buttiglione der Tageszeitung "La Stampa". Allerdings müsste sichergestellt werden, dass das Geld nicht für den Kauf von Waffen verwendet werde, fügte er hinzu. Zu der möglichen Höhe des Lösegeldes äußerte sich Buttiglione nicht.

Unterdessen strahlte der arabische Nachrichtensender einen Appell aus, den die Angehörigen der italienischen Geiseln an die Entführer gerichtet haben. "Wir sind einfache Leute wie ihr und richten uns an euer religiöses Gewissen", heißt es darin. "Schenkt unseren Jungs, die nichts mit der Politik zu tun haben, das Leben. Wir flehen euch an, lasst sie möglichst bald nach Hause zurückkehren", zitierten italienische Medien aus dem Appell.

Die Entführer hatten am Mittwoch eine italienische Geisel, den 36-jährigen Fabrizio Quattrocchi, vor laufender Kamera erschossen. Außerdem haben sie damit gedroht, auch die anderen drei Italiener, die im Irak für einen privaten Sicherheitsdienst arbeiteten, zu ermorden. Die Angehörigen der Geiseln hatten zuletzt massive Kritik an der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi geübt und ihr vorgeworfen, nicht alles zu unternehmen, um die Freilassung der Geiseln zu erreichen.

Quattrocchi war erschossen worden, nachdem Italien Verhandlungen mit den Entführern kategorisch ausgeschlossen hatte. Danach hat die Regierung in Rom jedoch ihre Haltung geändert und einen Emissär in die Konfliktregion entsandt. Berlusconi wollte auch direkte Gespräche mit dem iranischen Außenminister Kamal Kharrazi führen, der am Sonntag in Rom erwartet wurde. Berlusconi erhofft sich von Teheran Unterstützung bei den Verhandlungen mit den Entführern.

Papst Johannes Paul II. hat die Entführer im Irak eindringlich zur Freilassung aller Geiseln aufgerufen. "Ich rufe die Entführer zu menschlichen Gefühlen auf. Ich flehe sie an, die Menschen, die sie festhalten, ihren Familien zurückzugeben", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche beim Mittagsgebet am Sonntag.

"Zugleich bete ich für die Bevölkerungen im Heiligen Land und im Irak sowie für alle, die für Versöhnung und Frieden arbeiten", fügte der 83-jährige Papst hinzu. Er sei zudem den Angehörigen der Entführungsopfer nahe. "Ich verfolge mit großer Traurigkeit die tragischen Nachrichten aus dem Heiligen Land und dem Irak. Das Blutvergießen der Brüder muss aufhören, solche unmenschliche Akte sind gegen den Willen Gottes", betonte Johannes Paul II.



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