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Irak-Krieg: Experten rechnen mit 260.000 Toten

Nach den Amerikanern wollen jetzt auch die Briten ein massives Truppenkontingent in die Golfregion verlegen. Einem Zeitungsbericht zufolge sollen bereits in zehn Tagen die ersten Soldaten aus Großbritannien aufbrechen. Unterdessen warnt die Studie einer Ärzte-Organisation vor den wirtschaftlichen und humanitären Folgen eines Golf-Krieges. US-Strategen sehen dagegen nur ein geringes Risiko für ihre eigenen Leute.

Die US-Soldaten bereiten sich bereits seit Wochen in der Golfregion auf den Kriegsfall vor
AFP

Die US-Soldaten bereiten sich bereits seit Wochen in der Golfregion auf den Kriegsfall vor

London - Die "Sunday Times" berichtete am Sonntag unter Berufung auf britische Verteidigungskreise, die ersten von insgesamt 20.000 Soldaten sowie Kriegsgerät sollten am 15. Januar in die Golfregion verlegt werden. Am Vortag hatte der "Daily Telegraph" gemeldet, Großbritannien wolle kommende Woche die Entsendung von mehr als 20.000 Soldaten an den Golf sowie die Mobilisierung von 7000 Reservisten bekannt geben.

Experten gehen davon aus, dass Großbritannien auch zwei Drittel der Soldaten ihrer in Deutschland stationierten Panzerdivision an den Golf entsenden wird, die zusammen mit vier bis fünf US-Divisionen bei einer Bodenoffensive in Irak eingesetzt werden könne.

Auch das irakische Militär bereitet sich auf einen Krieg vor
AFP

Auch das irakische Militär bereitet sich auf einen Krieg vor

Vergangenen Monat war aus britischen Verteidigungskreisen verlautet, die USA und ihr enger Verbündeter Großbritannien planten eine massive Invasion des Irak von See her als erste Stufe eines Bodenkrieges. US-Präsident George W. Bush hat gedroht, Iraks Verzicht auf Massenvernichtungswaffen notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Irak bestreitet solche Waffen zu besitzen.

Die meisten Toten wären Zivilisten

Eine Studie der Ärzte-Organisation medact hat sich mit den möglichen Folgen eines solchen Krieges auseinandergesetzt. Sie beruht auf Informationen von führenden amerikanischen und britischen Militärs, den Erfahrungen aus dem letzten Golfkrieg und vergleichbaren Auseinandersetzungen sowie auf Informationen über den Zustand des Gesundheitswesens im Irak.

Die Ausgaben für Waffen würden der Studie zufolge in die Milliarden gehen
AP

Die Ausgaben für Waffen würden der Studie zufolge in die Milliarden gehen

Die Ergebnisse sind erschreckend. Ein konventioneller Krieg könnte je nach Länge und Art zwischen 48.000 und mehr als 260.000 Tote auf beiden Seiten fordern. Bei einem anschließenden Bürgerkrieg im Irak könnten nochmal 20.000 Menschen sterben. Den Ärzten zufolge könnten in den ersten Monaten nach einem Krieg noch bis zu 200.000 Menschen an kriegsbedingten Krankheiten und Verletzungen sterben. Die Organisation, die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat auch das Szenario eines Einsatzes von Atomwaffen durchgerechnet. Das Ergebnis: bis zu 3,9 Millionen Tote. In jedem der durchgespielten Fälle, warnt die Studie, sind die meisten Toten Zivilisten.

Die medact-Untersuchung lässt auch den wirtschaftlichen Aspekt nicht außen vor. Die finanzielle Belastung wird demnach für alle Seiten enorm. Ausgaben für Waffen, Besetzung und Wiederaufbau könnten sich demnach auf bis zu 200 Milliarden Dollar belaufen.

"Die Verluste werden minimal sein"

Anders als die medact-Studie rechnen US-Militärexperten bei einem Irak-Krieg mit einer eher niedrigen Zahl von Opfern auf Seiten der USA. "Wenn wir es richtig machen, werden die Verluste absolut minimal sein", sagte Stephen Baker vom Center for Defense Information in Washington der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechne im Fall eines Krieges mit einigen Hundert toten US-Soldaten. Baker, der selbst im Golfkrieg 1991 kämpfte, vermutete, dass die US-Strategen das Ziel verfolgten, in nur zehn Tagen einen Krieg im Irak für sich zu entscheiden. Voraussetzung dafür sei, dass die US-Truppen nicht in einen Häuserkampf um Bagdad verwickelt würden und dass Irak sie nicht mit chemischen oder biologischen Waffen angreife.

Auch William Taylor, Militärberater und ehemaliger Direktor für nationale Sicherheitsstudien an der US-Militärakademie West Point, geht für den Fall eines Krieges von "deutlich weniger als 1000 Toten" auf amerikanischer Seite aus. Er verweist auf den Golfkrieg 1991, bei dem 148 US-Soldaten getötet und 460 verwundet worden seien. Im Vergleich zum Golfkrieg sei die Militärtechnologie der USA weiter ausgereift. Damit könnten die US-Soldaten aus Gefahrenzonen fern gehalten werden.

Dagegen warnt der Militärexperte Ivan Eland vom Cato Institute davor, die Gefahren eines Krieges zu unterschätzen. "Leider orientieren sich alle an Kriegen der jüngeren Vergangenheit, in denen wir nicht viele Tote hatten", sagte Eland. Im Ersten Weltkrieg aber hätten die USA 116.000 Soldaten verloren, obwohl Beobachter mit einem kurzen Krieg und wenigen Toten gerechnet hätten.

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