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Irak-Krieg: Immer mehr US-Soldaten desertieren

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Die US-Army hat ein wachsendes Problem: Immer mehr Soldaten verabschieden sich heimlich aus dem Dienst. In Kanada scheiterte gerade Jeremy Hinzman mit dem Versuch, politisches Asyl zu bekommen. Doch mit juristischen Mitteln ist das Problem sowieso nicht zu lösen.

Jeremy Hinzman ist ein prominenter Mann, sowohl in Kanada, als auch in den USA. An dem dürren, auf allen Fotos stets düster dreinblickenden jungen Mann scheiden sich die Geister: Für die einen ist er ein Held, ein Symbol, ein Hoffnungsträger, für die anderen ein Feigling, ein pflichtvergessener Verräter.

Jeremy Hinzman, der Prototyp des Irak-Deserteurs: Fast vier Jahr vergeblicher Kampf um politisches Asyl
AP

Jeremy Hinzman, der Prototyp des Irak-Deserteurs: Fast vier Jahr vergeblicher Kampf um politisches Asyl

Hinzman ist Deserteur.

Im Februar 2004 versäumte er es, seinen Dienst anzutreten, floh stattdessen mit Sack und Pack über die Grenze nach Norden: Hinzman machte weltweit Schlagzeilen als erster US-Soldat, der desertierte, nach Kanada floh und dort mit der Begründung "Irak-Krieg" Asyl beantragte. Am Donnerstag dieser Woche endete diese juristische Schlacht mit einer Niederlage für ihn. Nun bangen die anderen GIs in Kanada, die sich in den letzten Jahren ohne Genehmigung dorthin entfernt haben.

Denn Hinzman ist nicht allein. Rund 20 US-Soldaten haben dort in den letzten Jahren Asyl beantragt, Schätzungen zufolge verstecken sich über 200 weitere illegal im Land. Sie sind eine Minderheit, denn die meisten Deserteure tauchen anderenorts ab - in den Staaten, in Europa, wo auch immer sie es schaffen, sich unbemerkt von der Truppe zu entfernen.

In diesem Jahr, meldet die amerikanische "Army Times", habe die Zahl der Deserteure einen neuen Höhepunkt erklommen. Der höchste Stand seit 2001 sei erreicht, 4698 Soldaten flüchteten im zurückliegenden Jahr. Um 80 Prozent sei die Zahl der Deserteure seit 2003 gestiegen, und sie klettere immer noch, immer schneller. Rechnet dann auf, dass die Höchststände aus Vietnam-Zeiten noch weit, weit entfernt lägen. Und klingt zerknirscht, wenn in Nebensätzen der Hinweis folgt, dass bei Navy und Luftwaffe zeitgleich die Zahl der Deserteure immer weiter falle.

Kein Wunder: Es ist die Army, die die Last des Irak-Krieges in erster und vorderster Linie tragen muss. Sie stellt das Fußvolk und offenbar glauben immer mehr frustrierte Soldaten, dass sie auch das Kanonenfutter stellt: Wer da nicht mehr mitmachen will, hat mitunter kaum eine andere Möglichkeit, als sich durch Flucht zu entziehen.

Denn Soldat ist kein Job, den man kündigen könnte: In allen Ländern der Erde geht er mit einer Selbstverpflichtung zu einer vorab definierten Dienstzeit einher. Für die US-Armee kann man sich ab einem Alter von 17 Jahren verpflichten, gängige vereinbarte Dienstzeiten liegen zwischen zwei und sechs Jahren. Erfolgt am Ende dieser Vertragszeit ein Einsatzbefehl, wird diese Verpflichtung einseitig auf unbestimmte Zeit verlängert. Der Soldat verzichtet auf etliche Rechte, unterstellt sich selbst der militärischen Gerichtsbarkeit. Und die tickt teils deutlich härter als die der zivilen Welt.

AWOL: der letzte Ausweg

Als Deserteur gilt in der US-Armee, wer sich mehr als 30 Tage unentschuldigt nicht zum Dienst meldet. "Absent without leave", abwesend ohne Genehmigung lautet der offizielle Begriff, die Soldaten kürzen es zu einem kernigen "AWOL". In der Welt des Militärs ist das nicht nur irgendein Verbrechen, sondern nach wie vor eines der schlimmsten: Wer sich AWOL erwischen lässt, muss empfindliche Strafen befürchten.

Standrechtlich erschossen - die vom Militärgesetz in Kriegszeiten bis heute vorgesehene Höchststrafe - wird er in der US-Armee allerdings nicht mehr, das geschah zuletzt im Januar 1945. Trotzdem bedeutet die Desertierung für einen Soldaten noch immer das letzte aller Mittel. Mit diesem Schritt löst sich für die Betroffenen jede bis dahin gefundene Lebensplanung auf.

Trotzdem wählen immer mehr Soldaten diesen Weg, wie die US-Army in ihrem aktuellen Jahresbericht konsterniert konstatiert. Das US-Steuerjahr 2007, das Ende September endete, markiert für die Army in dieser Hinsicht eine bedenkliche Rekordmarke. Dass von den 4698 Army-Deserteuren (im Vorjahr waren es 3301) fast 64 Prozent in den letzten sechs Monaten AWOL verloren gingen, deutet darauf hin, dass da eine Welle rollt, die an Wucht gewinnt, während die Army an Personal verliert.

Ein wachsendes Problem, das Lawrence Korb, der zwar einst vom Pentagon beratend in die Reagan-Administration entsandt wurde, heute aber als einer der Vordenker des progressiven Think-Tanks Center for American Progress gilt, auf mehrere Gründe zurückführt. Zuvorderst sei dies natürlich der scheinbare endlose Krieg selbst. Dazu käme aber, dass mit wachsender Dauer des Konflikts immer mehr Soldaten dort eine zweite, dritte, sogar vierte Dienstzeit erlebten.

Für diese Einsätze gibt es ein relativ festes Muster: Auf 15 Monate im Krieg folgen zwölf Monate daheim. Für viele Soldaten reiche das noch nicht einmal, das Familienleben wieder ins Reine zu bekommen. Dazu komme ein Grund, über den bei der Army selbst nicht gesprochen wird: Die Qualität der Rekruten. Korb gegenüber der "Army Times": "Es ist eine Mischung aus unzureichenden Auszeiten, dem Zwang, wieder in den Krieg zu müssen und natürlich auch, was für Leute man hier in die Armee aufgenommen hat."

Verzicht auf Moral

Denn seit klar ist, dass die als schnelle Systemwechsel-Aktion gedachte Militärattacke gegen den Irak in einen Dauerkonflikt mündet, seit die Zahl der in der vermeintlichen Nach-Kriegszeit getöteten US-Soldaten die der Opfer während des eigentlichen Konflikts überschritt, sind es nicht gerade mehr die Eliten des Landes, die da mit freudig wehenden Fahnen in die arabische Welt hinausziehen, um ihr amerikanische Demokratie zu bringen.

So senkte die Army in den vergangenen Jahren ihre Anforderungen an Bewerber deutlich. Zu denen gehört eigentlich ein unbeschriebenes Vorstrafenregister, insbesondere in Bezug auf Gewaltdelikte. In Zeiten erhöhten Rekrutenbedarfs gibt es aber Ausnahmeregelungen, die sogenannte "moral waiver" erlauben - was sich mit "Verzicht auf Moral" übersetzen lässt.

Im Jahr 2007 verzichtete die Army in Bezug auf 11,6 Prozent aller neuen Rekruten auf die Moral und ignorierte ein Vorstrafenregister. Auch über das Fehlen jeglicher Schulabschlüsse oder schlechte Einstellungstest-Resultate werde zunehmend häufig und großzügig hinweggesehen. Kaum zufällig spricht Roy Wallace aus dem Personalstab der US-Army darum wohl auch von "Rehabilitierung", wenn er über Deserteure spricht, die sich selbst stellten. Das komme vor, und manche würden wieder integriert.

Denn es geht ja darum, trotz des verfahrenen Konflikts im Irak weiter Anreize zu bieten. Die Army stünde weniger unter Druck, wenn sie genügend Personal bekäme. Jeder Soldat, der unter diesem Druck einbricht und zum Deserteur wird, erhöht ihn weiter. "Wir setzen mehr auf positive Anreize, um die Soldaten dazu zu bringen, bei ihren Einheiten zu bleiben", sagt Eugene Fidell von National Institute of Military Justice, "als auf die Furcht, für Desertierung erschossen zu werden."

Unter dem Strich jedoch wird relative Milde nicht reichen - tatsächlich unternimmt die Army relativ wenig, Deserteure aufzuspüren und zur Abschreckung anzuklagen. Das Rezept, die Moral wieder zu erhöhen und die Deserteurszahlen zu senken, nennt Roy Wallace in einem Nebensatz, als er versucht, die für die Army unangenehmen Zahlen ins Verhältnis zu setzen: "Wir vergleichen hier Statistiken aus Kriegszeiten mit solchen aus Friedenszeiten. Im Jahr 2001 befand sich die Army nicht im Gefecht."

Besser, heißt das ja wohl, wird es von ganz allein, wenn nur der Krieg zuende ginge. Offiziell war das bereits am 1. Mai 2003 der Fall. "Mission Accomplished", hatte Präsident George W. Bush bei einem von Kritikern seitdem oft zitierten Auftritt verkündet, "Auftrag erfüllt". Offenbar entscheiden seitdem immer mehr US-Soldaten, dass man dann ja auch nach Hause gehen könne.

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