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Irak-Krieg: "Saddam, come back!"

Die Irak-Debatte in den USA wird immer verzweifelter. Weder die Bush-Regierung, noch die Demokraten haben einen Plan für das Land. In ihrer Ratlosigkeit kommen Meinungsmacher auf immer absurdere Ideen: Jetzt fordert ein prominenter Kommentator die Rückkehr Saddam Husseins an die Macht - Totalitarismus sei besser als Chaos.

Berlin - Als Kolumnist wird Jonathan Chait dafür bezahlt, zu polarisieren und politisch nicht korrekte Meinungen zu vertreten. Aber so weit wie in seiner heutigen Kolumne in der renommierten "Los Angeles Times" sind liberale Meinungsmacher noch nicht gegangen.

Saddam Hussein: Neuer Fan-Club in den USA
Getty Images

Saddam Hussein: Neuer Fan-Club in den USA

Unter der Überschrift "Bringt Saddam Hussein zurück" fordert Chait, den zum Tode verurteilten Diktator wieder in Amt und Würden zu befördern. Natürlich sei Hussein ein "brutaler Tyrann" und ein "psychotischer Massenmörder". Dennoch sei er vielleicht die "beste Option", um den Irak zu befrieden.

Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist als Kommentar in einer der größten und einflussreichsten Zeitungen des Landes erschienen. Es ist ein weiteres Zeichen der Ratlosigkeit der amerikanischen Eliten.

Saddam als Schocktherapie

"Es hat sich gezeigt, dass es noch etwas Schlimmeres gibt als Totalitarismus, und zwar endloses Chaos und Bürgerkrieg", schreibt Chait. Um die Ordnung wieder herzustellen, brauche die irakische Bevölkerung einen "großen psychologischen Schock". Die Rückkehr Husseins, "ein Mann, den alle Iraker kennen und fürchten", wäre genau das Richtige, fantasiert Chait weiter. Er ist überzeugt: Wenn Menschen die Erwartung einer sozialen Ordnung hätten, würden sie sich von selbst "zivilisiert" verhalten.

Die Nachteile eines Hussein-Comebacks lägen auf der Hand, räumt Chait ein, "aber denken Sie doch mal an das Positive". Hussein würde Irak vor dem Einfluss Irans bewahren. Der Diktator würde sich diesmal wahrscheinlich besser benehmen, meint Chait, weil er wisse, dass seine Alternative der Tod durch den Strang sei.

Chaits Kommentar zeigt, wie schnell enttäuschter Idealismus in einen vermeintlich realistischen Zynismus umschlagen kann. Im Hauptberuf ist Chait ein einflussreicher Redakteur des Magazins "New Republic". Dessen Eierkurs in Sachen Irak ist symptomatisch für den Verlauf der Debatte in den USA. Zunächst unbedingte Befürworter des Irakkriegs, schwächten die Leitartikler ihre Unterstützung immer weiter ab, bis sie schließlich zu dem Schluss kamen: "Der New Republic bedauert zutiefst seine frühzeitige Unterstützung dieses Krieges".

"Nationale Sünde mit epischen Ausmaßen"

Chait und "New Republic" sind nicht allein. Auf dem konservativen Sender "Fox News" durfte ein ehemaliger Pentagon-Mitarbeiter bereits sein Rezept für den Irak verkünden: "Nötig ist ein starker Mann, die Demokratie ist gescheitert".

In der US-Öffentlichkeit herrscht längst die Überzeugung, dass Demokratie eben doch nicht exportiert werden kann. "Amerika kann keiner Nation Demokratie verordnen", fasst es der republikanische Senator Chuck Hagel zusammen. "Das ist die bittere Lektion".

Immer düsterer werden die Prognosen im Mutterland des Optimismus. "Die Invasion des Irak wird in die Geschichte eingehen als nationale Sünde mit epischen Ausmaßen", orakelt Rosa Brooks in der "L.A. Times". "Alles, was wir tun können, ist zu gehen und uns zu entschuldigen für den schrecklichen Schaden, den wir angerichtet haben".

cvo/dpa/LAT

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