Irak-Krieg: Saddams Zeit ist abgelaufen

Saddam Hussein hat das Ultimatum von US-Präsident George W. Bush verstreichen lassen. Der Krieg steht unmittelbar bevor, mehr als 250.000 amerikanische und britische Soldaten warten nur noch auf den Befehl aus Washington. US-Truppen sind bereits in das Grenzgebiet zum Irak vorgerückt.

Lehnt einen Gang ins Exil ab: Iraks Präsident Saddam Hussein (bei einer TV-Ansprache am Dienstag)
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Lehnt einen Gang ins Exil ab: Iraks Präsident Saddam Hussein (bei einer TV-Ansprache am Dienstag)

Kuweit - Um 02.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit lief das von US-Präsident Bush gestellte Ultimatum ab. Wenige Minuten später sagte Bushs Sprecher, Ari Fleischer, in Washington: "Die Abrüstung des Irak beginnt zu einem Zeitpunkt, den der Präsident selbst wählt."

Der US-Geheimdienst CIA hat nach einem Bericht des Fernsehsenders "CNN" keine Hinweise darauf, dass Hussein das Land verlassen hat. CIA-Chef George Tenet habe Bush dies mitgeteilt. Da der irakische Diktator Saddam Hussein und seine Söhne das Land nicht wie von den USA gefordert verlassen haben, dürfte der Beginn des Krieges kurz bevorstehen.

Am Mittwochabend hatte Bush erneut mit dem britischen Premierminister Tony Blair telefoniert. Das Gespräch fand nach Angaben aus dem Weißen Haus im Anschluss an ein Treffen des Kriegsrates statt, dem die engsten Berater Bushs angehören. Die Rede, die der US-Präsident im Anschluss an einen Kriegsbeginn halten will, soll inzwischen weitgehend fertig gestellt sein, hieß es am Mittwoch im Weißen Haus.

Amerikanische Kampfflugzeuge haben erneut mehrere Ziele in der südirakischen Flugverbotszone bombardiert. Die Maschinen starteten vom Flugzeugträger "USS Kitty Hawk", der sich im nördlichen Persischen Golf befindet. An den Luftangriffen waren nach Angaben einer Militärsprecherin zehn Maschinen der Typen F/A-18 Hornet und F-14 Tomcat beteiligt. Ihre Ziele seien eine Einrichtung des irakischen Geheimdienstes und mobile Raketenstellungen gewesen.

Nach Angaben der Militärs warfen US-Flugzeuge in der Nacht auch wieder Tausende Flugblätter über irakischen Truppenstellungen ab. Erstmals seien den Soldaten darin genaue Anweisungen für eine Kapitulation gegeben worden. 17 irakische Soldaten haben sich nach Informationen des amerikanischen Nachrichtensenders "CNN" im Norden Kuwaits bereits den US-Streitkräften ergeben.

Bodentruppen rücken bereits vor

Truppen der amerikanischen und britischen Streitkräfte verließen am Mittwochnachmittag ihre Lager im Norden Kuweits und rückten in die entmilitarisierten Zone an der kuwaitisch-irakischen Grenze ein. Der Kommandeur der dritten Infanteriedivision, Generalmajor Buford Blount, gab 20.000 Soldaten mit mehreren hundert Panzern den Befehl, sich entlang der Grenze in Position zu bringen. Blounts Division könnte eine der ersten sein, die in den Irak vordringt.

Zudem verlegte die Nato ein viertes Aufklärungsflugzeug vom Typ Awac in die Türkei. Damit seien ab sofort rund um die Uhr Patrouillen zum Schutz des Landes vor einem Luftangriff möglich, teilte die Allianz am Mittwoch in Brüssel mit.

Auch der US-Aufmarsch an der türkisch-irakischen Grenze macht Fortschritte. Die Türkei hat den USA inzwischen die Nutzung des Luftraumes zugesagt. Der türkische Regierungssprecher Cemil Cicek teilte nach hektischen nächtlichen Beratungen in Ankara mit, die USA wollten sich zunächst mit der Gewährung von Überflugrechten begnügen. Am Donnerstag soll das türkische Parlament über eine neue Regierungsvorlage zur Unterstützung der USA abstimmen. Die US-Regierung hat der Türkei inzwischen grundsätzlich zugesagt, dass türkische Soldaten im Nordirak präsent sein dürften.

US-Soldaten im Sandsturm in Kuweit
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US-Soldaten im Sandsturm in Kuweit

Für die meisten Truppen in der Golfregion war der Mittwoch ein ruhiger Tag: Soldaten in Kuweit zündeten Lagerfeuer neben ihren Panzern an, auf dem Flugzeugträger USS Roosevelt im Golf sollten sich die Piloten laut Order vom Nachmittag schlafen legen, damit sie für einen möglichen Einsatz in der Nacht ausgeruht wären.

1000 neue Präzisionsbomben verladen

Seit amerikanische und britische Truppen zu Tausenden gen Norden vorgedrungen sind, ist der Strom der Nachrichten aus der Golfregion deutlich abgeebbt. Die US-Behörden geben keine genauen Auskünfte mehr über die Standorte der Truppenteile, die sich bereits in Bewegung gesetzt haben.

So lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren, wie der Aufmarsch der US-Truppen vorangeht. Bekannt ist etwa, dass der Flugzeugträger "Kitty Hawk" im Golf weitere 1000 Präzisionsbomben von einem Frachter übernahm. Auf dem Flugzeugträger USS Truman arbeitete die Besatzung weiter in mehreren Schichten. So wird offenbar sichergestellt, dass rund um die Uhr Besatzungsmitglieder auf den Flugzeugträgern im Einsatz sind. Offiziere auf der Truman führten die Aufsicht, als Bomben mit Präzisionselektronik ausgerüstet wurden. Weitere Auskünfte über ihre Pläne gab die US Navy nicht.

Bush-Sprecher: Hoffe auf "friedliche" Invasion

Befehlshaber Franks: In der Koordinationszentrale für den Luftkrieg eingetroffen
AP

Befehlshaber Franks: In der Koordinationszentrale für den Luftkrieg eingetroffen

All dies könnte ein Indiz dafür sein, dass der Militärschlag bereits am Morgen nach dem Ablauf des Ultimatums an Saddam Hussein beginnt. Möglich ist aber auch, dass die Amerikaner zunächst nur eine Drohkulisse aufbauen, um die Iraker schon lange vor dem Angriff zu verunsichern. Unabhängig davon, ob Saddam Hussein sein Land wie gefordert bis Donnerstag um zwei Uhr morgens deutscher Zeit verlässt, ist der Truppeneinmarsch - zu welchem Termin auch immer - nach Angaben von Präsidentensprecher Ari Fleischer beschlossene Sache. Er hoffe, dass der Einmarsch "friedlich" verlaufe, sagte Fleischer weiter.

Der höchste Befehlshaber des Feldzugs, Vier-Sterne-General Tommy Franks, flog derweil zu letzten Abstimmungen von seinem Hauptquartier im katarischen Doha nach Saudi-Arabien. Dort wird er den General Michael Moseley treffen, der die Luftangriffe befehligt. Diese werden vom Luftstützpunkt Prince Sultan Air Base bei Riad koordiniert. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war später am Tag zur Lagebesprechung mit Präsident Bush verabredet.

"Iraker in den Himmel starren lassen"

Insgesamt steht am Golf und in Kuweit nun eine Viertelmillion amerikanischer und britischer Soldaten bereit. Auch rund 600 Flugzeuge sind in der Region stationiert. Diese Truppen stehen rund 350.000 technisch ungleich schlechter ausgerüsteten irakischen Soldaten gegenüber.

Sowohl das Wetter als auch strategische Überlegungen könnten den Kriegsbeginn verzögern. So verringerten heftige Sandstürme an der kuweitisch-irakischen Grenze am Mittwoch die Sicht auf nur wenige Meter. "Das würde unsere Geschwindigkeit beeinträchtigen und besondere Herausforderungen stellen, aber wir sind bereit", sagte ein Kommandeur im US-Fernsehen.

"Geh heim zu deiner Familie"

USS Bonhomme mit Harrier-Jets an Bord: Piloten wurden angewiesen, am Nachmittag zu schlafen, damit sie bereit für Nachteinsätze sind
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USS Bonhomme mit Harrier-Jets an Bord: Piloten wurden angewiesen, am Nachmittag zu schlafen, damit sie bereit für Nachteinsätze sind

Taktisch mache es auch Sinn, "die Iraker eine Weile in den Himmel starren zu lassen", wurde ein Regierungsbeamter in Washington zitiert. Das irakische Militär soll mit einer massiven Bombardierung schon in den ersten Stunden zermürbt werden. Die Bodentruppen sollen unmittelbar danach in den Irak einmarschieren. Eine ihrer Prioritäten ist nach Angaben von Militärstrategen die Sicherung der Ölquellen.

Die USA haben in den vergangenen Tagen Hunderttausende Flugblätter über dem Irak abgeworfen. Darin werden Soldaten und Offiziere aufgefordert, die Waffen niederzulegen und etwaigen Befehlen nicht mehr zu gehorchen. "Wer braucht Dich mehr: Deine Familie oder das Regime? Geh heim zu Deiner Familie", stand auf einem.

"Neuen Weltfeind ausradieren"

Kuwait mit militärischem Sperrgebiet an der Grenze: Der Grenzzaun wurde schon in der vergangenen Woche zerschnitten, am Montag zogen die Uno-Beobachter ab - nun sollen erste Truppenteile in der "demilitarisierten" Zone eingetroffen sein
DER SPIEGEL

Kuwait mit militärischem Sperrgebiet an der Grenze: Der Grenzzaun wurde schon in der vergangenen Woche zerschnitten, am Montag zogen die Uno-Beobachter ab - nun sollen erste Truppenteile in der "demilitarisierten" Zone eingetroffen sein

In den vergangenen Tagen haben sich die amerikanischen Offiziere vermehrt mit "letzten Motivationsreden" an ihre Untergebenen gewandt, berichtet die "Washington Post". "Jungs, wir ziehen in den Krieg", habe etwa ein Oberst der dritten Division seinen 900 Untergebenen zugerufen. Die Soldaten antworteten laut Bericht mit einem lauten "Hooah!"

Die Offiziere riefen die Truppen auf, Zivilisten zu achten und den irakischen Soldaten eine faire Chance zu geben, sich zu ergeben. Viele der Reden, über die die Zeitung schreibt, bringen Saddam Hussein in einem Zusammenhang mit den Terroranschlägen des 11. September - eine Verbindung, die laut "Post" auch manche US-Soldaten bezweifeln.

"Lautes Signal an die Welt"

So habe Oberst David Perkins von der dritten Infanteriedivision in einer Motivationsrede am Dienstag gesagt: "Unser Land wird nie im Frieden leben, solange wir nicht die Bedrohung durch einen neuen Weltfeind ausradieren: den internationalen Terrorismus". Terroristen wie Osama Bin Laden seien von Staaten wie dem Irak abhängig, die sie unterstützen.

Auch Captain Ronnie Johnson, Chef eines anderen Bataillons, habe einen Bezug zwischen dem Irak-Krieg und dem 11. September hergestellt, wenn auch in weniger höflicher Sprache. Sein Aufruf laut "Washington Post": "This is going to be the biggest statement to the world that you are never going to fuck with America like that again". (Sinngemäß: "Das hier wird das deutlichste Signal an die Welt: So wird sich Amerika nie wieder verarschen lassen".)

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