Irak-Kriegsgründe Blair unter Betrugsverdacht

Der britische Premierminister Tony Blair gerät immer stärker unter Druck angesichts des Vorwurfs, die Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen übertrieben zu haben. Besonders deutliche Worte fand offenbar Bundesaußenminister Joschka Fischer.


Tony Blair: Unter Druck durch Betrugsvorwurf
REUTERS

Tony Blair: Unter Druck durch Betrugsvorwurf

London - Die vor drei Wochen aus Protest gegen Blair zurückgetretene Entwicklungsministerin Clare Short warf dem Premierminister vor, die Öffentlichkeit hinsichtlich der Existenz von irakischen Massenvernichtungswaffen "betrogen" zu haben.

Wie Short denkt mittlerweile auch die Mehrheit der Briten: Nach einer am Wochenende veröffentlichten Umfrage sind 63 Prozent der Wähler der Meinung, dass Blair die Nation hinsichtlich der Massenvernichtungswaffen in die Irre geführt hat.

Blair bestritt dies: "Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass Saddam Massenvernichtungswaffen gehabt hat", sagte er in einem Fernsehinterview. "Das ist der Grund, warum wir zwölf Jahre Uno-Resolutionen gehabt haben." Er kenne Beweise, die der Öffentlichkeit bisher noch gar nicht zugänglich seien.

Fischer: "Blair soll Missbrauch zugeben"

Große Aufmerksamkeit fanden kritische Äußerungen von Bundesaußenminister Joschka Fischer beim Treffen in St. Petersburg. Die "Mail on Sunday" zitierte ihn auf der Titelseite mit den Worten: "Ich habe sehr deutlich gemacht, dass wenn es keine Massenvernichtungswaffen geben sollte, er, Tony Blair, zugeben sollte, dass er Geheimdienst-Berichte missbraucht und die Weltöffentlichkeit fehlgeleitet hat."

Clare Short: Wortführerin der Kritiker
DPA

Clare Short: Wortführerin der Kritiker

Ex-Ministerin Short sagte dem "Sunday Telegraph", Blair habe die Informationen der britischen Geheimdienste zum irakischen Waffenarsenal aufgebauscht. So sei die Angabe, dass Saddam Hussein binnen 45 Minuten einen Angriff mit chemischen und biologischen Waffen beginnen könne, nicht von den Nachrichtendiensten gekommen. Adam Ingram, Staatsminister im britischen Verteidigungsministerium, hatte diesen Vorwurf bereits eingeräumt. Blair habe ein "Gefühl der Dringlichkeit" erzeugen wollen, kritisierte Short. "Das war eine politische Entscheidung, die vom Premierminister kam."

"Wir sind getäuscht worden", kritisierte die Ex-Ministerin. Anders als Blair immer beteuert habe, sei die Entscheidung für den Krieg schon Mitte vergangenen Jahres gefallen: "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Premierminister irgendwann im August entschieden hat, in den Krieg zu ziehen, und er hat uns seitdem die ganze Zeit betrogen."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.