Irak-Kriegsheimkehrer Als Dank ein Soldaten-Spielzeugset

Eine feierliche Zeremonie erwartet US-Soldaten, die aus dem Irak zurückkehren: Leicht bekleidete Damen verteilen Fähnchen, Urkunden, Sandwichs. Freiwillig wollen die meisten Kämpfer nicht wieder in den Irak, doch ausschließen wollen sie ihre Rückkehr auch nicht.

Von Sebastian Heinzel, New York


New York - Einige Sesselreihen in der etwas heruntergekommenen Halle sind leer geblieben, nur wenige Familienangehörige und Freunde sind erschienen. Dennoch ist die Stimmung gut unter den knapp 250 Soldaten des 69. Infanterieregiments der New Yorker Nationalgarde, die sich in einem Zeughaus in Downtown Manhattan versammelt haben. Schließlich sind sie erst vor wenigen Wochen aus dem Irak zurückgekehrt. Und nun werden sie für ihren Einsatz geehrt.

Die Zeremonie beginnt gleich mit einem Höhepunkt: Drei Sängerinnen in äußerst knappen Uniformen – eine in Blau, eine in Weiß, eine in Rot – schmettern unter der gleichfarbigen US-Flagge tanzend Popsongs wie "I will survive" in ihre übersteuerten Mikrofone. Als sich eine der Vokalistinnen auf dem Schoß eines Soldaten in der zweiten Reihe niederlässt, blickt der so verunsichert, dass man sich unter Schuljungen und nicht unter Kriegern wähnt, die noch vor kurzem irakische Aufständische rund um Bagdad bekämpft haben.

Der Abzug der US-Armee aus dem Irak hat ganz langsam und leise begonnen. Vor einem Jahr waren noch mehr als 50.000 Nationalgardisten, Teilzeitsoldaten wie jene vom 69. New Yorker Regiment, im Irak stationiert. Heute sind es nur noch halb so viele. "Die Nationalgarde ist die erste auf der Abflugrampe", vertraute ein hoher Pentagon-Beamter der "Los Angeles Times" vergangene Woche an. Erstmals stoppte das Pentagon vergangene Woche auch die Verlegung von 3500 Fulltime-Marines von einer Basis in Deutschland in den Irak. De facto bedeutet das eine Truppenreduktion.

George W. Bush macht einen Abzug zwar immer von den Fortschritten der irakischen Sicherheitskräfte abhängig. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass der US-Präsident, dessen Umfragewerte vergangene Woche ein neues Tief erreichten, noch vor den Kongresswahlen im November einen Teil der Truppen nach Hause bringen will. Über eine Verringerung der Truppenstärke von derzeit insgesamt 135.000 Männern und Frauen auf 100.000 wird in Armeekreise schon seit längerem diskutiert – jeder vierte Soldat könnte also noch in diesem Jahr die Heimreise antreten.

Die Soldaten des 69. Regiments, überwiegend Schwarze, Latinos und Asiaten, erhalten für ihren Einsatz je eine US-Flagge in Holzschatulle, eine speziell geprägte Münze, eine Urkunde und ein Soldaten-Spielzeugset für die Kinder, dazu Gratulationen und Sandwichs. Nur als die Namen ihrer 19 gefallenen Kameraden verlesen werden, werden ihre Mienen ernst.

Der Alarmruf kam, als Elvis in der Schule saß

Dass sie jeder tatsächlich in den Krieg ziehen und ein Jahr im Irak verbringen würden, hatte keiner von ihnen erwartet. Die Nationalgarde untersteht den Gouverneuren der US-Bundesstaaten und kommt hauptsächlich bei Naturkatastrophen zum Einsatz. Sie war als eiserne Reserve für den Fall eines heißen Krieges gegen die Sowjetunion vorgesehen. Ihre Mitglieder sind Zivilisten, die normalerweise nur ein Wochenende im Monat und zwei Wochen im Jahr dienen.

Elvis Suazo, 22, Einwanderer zweiter Generation aus Honduras, steht in seiner Uniform am Ground Zero, wo einst die Türme des World Trade Center standen. Er trat dem 69. Regiment bei, weil die Nationalgarde bereit war, sein Studium zu finanzieren. Doch dann ereilte ihn der Alarmruf, als er noch in der Schule saß: "Am 11. September 2001 war ich schon um 9.30  Uhr morgens hier, um der Polizei zu helfen", sagt Suazo. Drei Jahre später patrouillierte er durch die irakische Stadt Taji unweit von Bagdad. Ein Ecuadorianer, mit dem er gemeinsam in der Bronx aufgewachsen war, starb durch eine Bombe unmittelbar an seiner Seite. "Man überlegt sich vorher lange, was man in solchen Momenten tun wird – aber dann spult man einfach ein automatisches Programm ab", erzählt Suazo. "Später hat jeder einzelne von uns geweint."

Suazo ist heilfroh, wieder zu Hause zu sein: "Es ist wie neugeboren zu werden." Im Irak fühlte er sich immer steinalt und todmüde, nur seine Kameraden motivierten ihn zum Weitermachen. Ob es die Sache wert war? "Wir werden im Irak gebraucht, und zumindest in Taji hat sich die Lage verbessert. Wir New Yorker haben die Sache ernster genommen als Einheiten aus anderen Gegenden."

Aber hat der Irak mit den Anschlägen vom 11. September vielleicht gar nicht so viel zu tun? Für Hauptmann Sean Flynn, der 135 Mann des 69. Regiments befehligt, stellt sich die Frage nicht, ob es vor dem Eingreifen der USA überhaupt Terroristen im Irak gab. "Wir sind erst im Oktober 2004 in den Irak gegangen. Und es brauchte nur ein paar Patrouillengänge, bis wir dort auf ausländische Kämpfer stießen. Es ist auf alle Fälle besser, sie im Irak zu bekämpfen als hier."

"Man lässt seine Freunde nicht allein"

Der 34-jährige Flynn arbeitet eigentlich bei einer Firma für Finanz-Consulting, nebenbei schreibt er Bücher. Er trat der National bei, weil auch seine irisch-stämmigen Vorfahren schon beim 69. Regiment dienten – bis zurück zum amerikanischen Bürgerkrieg, als die Einheit vollständig aus irischen Einwanderern bestand. Auch Flynn hatte nicht damit gerechnet, dass er mit seiner bunten New Yorker Einheit einmal die Straßen Bagdads sichern müsste.

In seine Berichte aus dem Irak mischt sich vorsichtige Kritik an den obersten Befehlshabern: "Ich hätte immer mehr Soldaten brauchen können, und habe sie auch angefordert. Ich hoffe, dass der Präsident und die Regierung in Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen." Dennoch sei die Straße zwischen Bagdad und dem Flughafen, wo er mit seiner Einheit patrouillierte, heute eine der sichersten im Irak. "Wir haben die Verantwortung irakischen Soldaten übergeben", sagt Flynn.

Wie es mit dem Irak weitergeht, liege ganz bei der Bevölkerung: "Die Iraker selbst müssen den Frieden wollen. So viel Macht haben wir Amerikaner gar nicht, dass wir sie dazu zwingen könnten", meint Flynn nachdenklich. Er selbst will sich jedenfalls nicht mehr für den Irak melden, lieber schreibt er ein Buch über seine Erfahrungen. "Ich kenne kaum jemanden, der freiwillig dorthin zurückkehren würde. Aber meine Frau und ich fürchten, dass wir alle mitgehen, wenn wir gebraucht werden und ein paar von uns den Anfang machen. Man lässt seine Freunde dort nicht allein."

Sebastian Heinzel ist New-York-Korrespondent des österreichischen Nachrichtenmagazins "Profil".



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