"Irak-Lügen"-Debatte Woodward-Buch bringt Bush in Bedrängnis

In seinen bisherigen Büchern über die Bush-Regierung zeichnete Bob Woodward ein eher schmeichelhaftes Bild. In seinem neuen Werk "State of Denial" ist der Ton feindseliger geworden. Das Weiße Haus müht sich, die Recherchen des Star-Journalisten zu diskreditieren.

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Hamburg – Es ist schon jetzt die Nummer eins. Auf der Internet-Seite von Amazon.com in den USA hat Bob Woodwards drittes Buch über die Regierung George W. Bush den Spitzenrang erobert. Der offizielle Erscheinungstag für das 576-Seiten-Werk ist vom Verlag Simon & Schuster extra ein paar Tage nach vorne verlegt worden. Denn seit Redakteure der "New York Times" ein Vorab-Exemplar in die Hände bekamen und am Freitag Thesen des Buches veröffentlichten, diskutiert das politische Amerika Bob Woodwards Wandlung zum Bush-Kritiker.

Demokrat Chuck Schumer mit Zitat aus dem Woodward-Buch: Die Opposition schlachtet die Enthüllungen genüsslich für den Wahlkampf aus
REUTERS

Demokrat Chuck Schumer mit Zitat aus dem Woodward-Buch: Die Opposition schlachtet die Enthüllungen genüsslich für den Wahlkampf aus

Im Kern geht es um die Frage: Haben Bush, sein Vizepräsident Dick Cheney und andere Mitglieder der Regierung die US-Bevölkerung wissentlich über die angespannte Lage im Irak hinweg getäuscht? Haben sie die Stärke der Terroristen heruntergespielt? Hat Bush gelogen?

Über Woodwards vorherige Bücher "Bush at War" (2002) und "Plan of Attack" (2004) hatten Gegner und Neider noch gespöttelt, sie stellten die Regierung in einem positiven Licht dar. Diesen Vorwurf macht Woodward nun niemand mehr. Die Sprengkraft des Buches, das just fünf Wochen vor den Kongresswahlen erscheint, ist nicht zu unterschätzen. "Präsident Bush steht vor einem der härtesten Kämpfe seiner politische Karriere", kommentiert das britische Blatt "The Observer".

Nachdem zwei Tage nur über Woodward geredet wurde, spricht der Autor und Rechercheur nun selbst. Am Sonntagabend amerikanischer Zeit wird der TV-Sender CBS ein Interview ausstrahlen, das Woodward der Politsendung "60 Minutes" gab. Erste Zitate aus dem Gespräch zirkulierten schon am Samstag und Sonntag durch die amerikanischen Medien.

Woodward wirft dem Weißen Haus darin vor, das Ausmaß des Widerstandes gegen die US-Truppen im Irak geheim gehalten zu haben. "Es gibt öffentliche Informationen darüber und nicht öffentliche", sagte der leitende "Washington Post"-Redakteur zu CBS. "Was haben sie (die Regierung) mit der nicht öffentlichen gemacht? Sie haben sie als 'geheim' klassifiziert. Niemand soll davon wissen."

"Enormer Unterschied" zwischen internen Berichten und öffentlichen Reden

Zugleich veröffentlichte Woodward in der "Washington Post" vom Sonntag ein Destillat seiner Recherche-Ergebnisse. Der Titel des umfangreichen Artikels: "Geheimberichte widersprechen dem Optimismus des Weißen Hauses". Woodward zeichnet detailreich nach, dass interne Memoranden der Regierung die Sicherheitslage im Irak sehr viel kritischer darstellten als Bush bei öffentlichen Auftritten.

So zitiert Woodward aus einem geheimen Bericht, den die Stabschefs der US-Armee am 24. Mai 2006 dem Weißen Haus zukommen ließen. Darin heißt es, das Problem dauernder Terror-Anschläge und Angriffe auf die US-Truppen im Irak könne sich im Jahr 2007 weiter vergrößern. "Aufständische und Terroristen haben die Ressourcen und die Fähigkeit erhalten, die Intensität der Gewalt im kommenden Jahr aufrechtzuerhalten und sogar zu steigern."

Buchautor Woodward: "Niemand soll davon wissen"
AP

Buchautor Woodward: "Niemand soll davon wissen"

Nur zwei Tage zuvor hatte Bush die Lage bei einem Auftritt in Chicago die Lage um ein Vielfaches positiver dargestellt: "In kommenden Jahren wird man die Gründung einer Einheitsregierung im Irak als entscheidenden Augenblick in der Geschichte der Freiheit sehen", sagte der Präsident. Bush sprach von einem historischen Moment, "in dem die Kräfte des Terrors ihren langen Rückzug begannen". Woodward folgert: "Es gab einen enormen Unterschied zwischen dem, was das Weiße Haus und das Pentagon über die Lage im Irak wussten und dem, was sie öffentlich sagten."

Woodward dokumentiert zugleich, dass Mahner innerhalb der Regierung und der Armee schon Mitte 2003, kurz nach dem offiziellen Ende des Irak-Krieges, auf Sicherheitsrisiken hinwiesen. Einer von ihnen sei Jay Garner gewesen, der kurzzeitig als erster ziviler Verwaltungschef im Nachkriegsirak amtierte, doch schon im Juni 2003 kaltgestellt und durch Paul Bremer ersetzt wurde.

Garner habe damals bei einem Treffen mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld betont, die US-Autoritäten hätten bereits "drei verhängnisvolle Fehler" im Irak begangen: die Auflösung der irakischen Armee, der Aufbau einer Übergangsregierung ohne Beteiligung von Irakern und das Verbot für frühere Mitglieder der Baath-Partei, Posten in der Verwaltung zu übernehmen. So sei ein riesiges Reservoir an frustrierten Bewaffneten und Arbeitslosen geschaffen worden – der Nährboden für spätere Terroranschläge. Garner habe Rumsfeld damals gedrängt, die Fehler schnell zu korrigieren: "Wir haben immer noch Zeit, das zu bereinigen", sagte er laut Woodward. Doch Rumsfeld habe Garner bei einem Zusammentreffen im Sommer 2003 eisig angeblickt und beschieden: "Ich glaube, wir können da nichts machen. (…) Wir werden nicht umkehren."

Bush-Sprecher: Das Buch ist "wie Zuckerwatte"

Seinen privilegierten Zugang zu den Spitzen des Weißen Hauses hat Woodward inzwischen verloren. Konnten sich seine vorherigen Bücher noch auf Gespräche mit dem Präsidenten und dessen Vize stützen, ließen sich Bush und Dick Cheney dieses Mal nicht mehr interviewen. Der Ton ist bitter geworden.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Snow, verglich Woodwards Buch am Freitag mit "Zuckerwatte. Bei Berührung löst sie sich auf." Snow betonte, aus seiner Sicht böten die 576 Seiten keinerlei Neuigkeiten. "Wir haben diese Art Buch schon vorher gelesen." Woodward habe sich bei seinen Recherchen einseitig auf Frustrierte, auf parteiische Quellen gestützt. Die Schilderungen in "State of Denial" basierten auf der Einschätzung von "Leuten, die sich mit ihren Argumenten nicht durchsetzen konnten", schimpft Snow.

So müht sich das Weiße Haus seit Freitag, Kernaussagen des Buches zu entkräften. Unter Journalisten verbreitete es ein Gegen-Papier mit dem Titel "Fünf zentrale Mythen in Bob Woodwards Buch". Darin wird zum Beispiel die Darstellung Woodwards zurückgewiesen, dass die First Lady Laura Bush sich persönlich für eine Entlassung des umstrittenen Pentagon-Chefs Rumsfeld stark gemacht habe. Schlicht "lächerlich" sei auch Woodwards Behauptung, Rumsfeld weigere sich inzwischen, Anrufe der Außenministerin Condoleezza Rice entgegenzunehmen.

Neue Forschheit bei den Demokraten

Vor allem, entgegnet des Bush-Lager, sei es unwahr, dass der Präsident die Situation im Irak in allzu schönen Farben dargestellt habe. "Der Präsident war sehr ehrlich gegenüber dem Land - wie rücksichtslos, brutal und entschlossen unser Feind ist", sagte ein Regierungsbeamter am Wochenende der Nachrichtenagentur AP. Bush selbst nutzte seine wöchentliche Radioansprache, um seine Kritiker anzugreifen. Es stimme nicht, sagte er, dass der Krieg im Irak das Risiko von Terror-Angriffen auf die USA gesteigert habe. Wer so etwas behaupte, mache sich "Feindespropaganda" zu eigen.

Die oppositionellen Demokraten wittern, kurz vor der Kongresswahl am 7. November, die Chance auf einen Imagegewinn. Jahre lang scheuten die Spitzen der Partei vor einer offensiven Debatte über Versäumnisse im Irak-Krieg zurück - wohl aus Furcht, die Partei könnte außenpolitisch schwach und nachgiebig wirken.

Inzwischen prangern die Demokraten die Versäumnisse im Irak offensiv an - da kommt das Woodward-Buch gerade recht. Der Senator Carl Levin und die Fraktionschefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, warfen Bush am Freitag vor, er "erkenne die Realität nicht". Der Senator Charles Schumer zeigte sich genüsslich neben einem Plakat, auf dem ein Zitat aus dem dem Woodward-Buch abgedruckt war: "Ich finde er hat einen guten Job gemacht", stand da - laut Woodwards Recherchen soll Bush mit diesen Worten die Arbeit des unbeliebten Verteidungsministers Rumsfeld gelobt haben.

Die Demokraten reagierten am Wochenende scharf auf Bushs Durchhalte-Ansprache im Rundfunk. Für ihre eigene wöchentliche Radiobotschaft wählten sie die bisher weitgehend unbekannte Tammy Duckworth aus, die sich in einem Wahlkreis im Bundesstaat Illinois um einen Mandat im Repräsentantenhaus bewirbt. Vor ihrem Debüt in der Politik war Duckworth als Helikopter-Pilotin im Irak stationiert. Bei einem Einsatz verlor sie beide Beine.

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Seite 1
Peter Uhlemann 11.04.2005
1. Versuch
Tja, das Anmelden hat ja scheint's geklappt. Allerdings ist mir noch nicht ganz klar, wie ich hier Beiträge verfassen soll??
sysop 11.04.2005
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Theodor Körner, 11.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Die Wahlen werden als Erfolg für die Amerikaner und ebenso für das irakische Volk gewertet. Jetzt hoffen viele auf Aufbruchstimmung. Wird der Irak nach den Wahlen sicherer und friedlicher werden? ---Zitatende--- Da ist wohl sehr viel Wunschdenken dabei. Wie zum Beispiel soll die sunnitische Bevölkerungsgruppe politisch beteiligt werden, wenn gleichzeitig Polizei und Militär ausschließlich aus Kurden und Schiiten rekrutiert werden? Nach dem Geschehen in und um Falludscha sind die Gräben nur noch tiefer geworden. Demokratie läßt sich nun einmal nicht herbeibomben. Eine willfähriges Marionettenregime schon eher. TK
Laibach, 11.04.2005
4.
Das kann ich nur unterschreiben!
Karl Sulzer, 11.04.2005
5. Alles neu macht nicht der Mai
---Zitat von Peter Uhlemann--- Tja, das Anmelden hat ja scheint's geklappt. Allerdings ist mir noch nicht ganz klar, wie ich hier Beiträge verfassen soll?? ---Zitatende--- Mir geht es nicht viel anders. Aber ist geteiltes Jammern, gutes Jammern?
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