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Irak nach dem Krieg: Im Griff der Falken

Von , London

Donald Rumsfeld und die Neokonservativen des Pentagon haben detaillierte Pläne für den besetzten Irak. Eher für Jahre als für Monate sollen Hardliner, darunter etliche Ex-Generäle und ein ehemaliger CIA-Direktor, in Bagdad herrschen und das Land nach amerikanischem Vorbild formen.

Bewaffneter Export von Demokratie und Freiheit: Archivbild des künftigen Machthabers Garner
AP

Bewaffneter Export von Demokratie und Freiheit: Archivbild des künftigen Machthabers Garner

London - Schon in den nächsten Tagen sollen Jay Garner, 64, und seine mehreren hundert Mitarbeiter die Luxus-Ferienressorts an der Küste Kuweits verlassen und zunächst in der Hafenstadt Umm Kasr Quartier machen. Noch bevor Bagdad endgültig erobert ist, soll Ex-Generalleutnant Garner als General Tommy Franks unterstellter "Koordinator der Zivilverwaltung" seine Arbeit aufnehmen.

Bislang ist Garner - ein alter Freund von Rumsfeld - Leiter der "Abteilung für Wiederaufbau und humanitäre Hilfe" im Pentagon. Gleichzeitig arbeitet er in führender Position für die US-Waffenfirma SY Coleman, die unter anderem Raketensysteme in Israel betreut. "Wir sind hier, um den Job zu erledigen", sagt Garner, die Iraker "zu befreien und mit einer Regierung zu versorgen, die den frei gewählten Willen des Volkes repräsentiert."

Garner will dieses Ziel in drei Monaten erreichen; im Pentagon und im State Department wird allerdings mit einer Besatzungszeit von zwei bis fünf Jahren gerechnet. Fest steht bereits: Wie einst im Osmanischen Reich werden die Amerikaner den Irak administrativ in drei Provinzen - Mossul, Bagdad und Basra - aufteilen. Zwei sollen von Ex-Generälen verwaltet werden, Bagdad von der Ex-US-Botschafterin im Jemen. Das vorrangige Ziel ist die Eliminierung der Funktionäre der Baath-Partei aus der Verwaltung.

Ölindustrie soll privatisiert werden

Aus Papieren des State Department, die amerikanischen Journalisten zugespielt wurden, geht zudem hervor, dass die US-Verwalter die staatliche Ölindustrie des Irak privatisieren wollen. So sollen zunächst die Tankstellen an Privatfirmen übergeben werden, später die Ölförderung und die Produktion entstaatlicht werden.

Um die Nominierung von 23 US-Verwaltern, die in Bagdad den existierenden Ministerien vorstehen sollen, gibt es noch Gerangel. Dagegen, dass beispielsweise der Ex-CIA-Direktor James Woolsey just Chef des Informationsministeriums werden soll, hat das Weiße Haus Bedenken angemeldet. Zu Woolseys Fehlleistungen als Geheimdienstchef zählte, dass er für den 1993 von Islamisten verübten Anschlag auf das World Trade Center in New York den Irak verantwortlich machte.

Wessen Geistes Kind Woolsey ist, offenbarte er vergangene Woche bei einem Vortrag vor Studenten in Los Angeles, als er den Krieg im Irak als Anfang des "Vierten Weltkriegs" bezeichnete, wobei er den Kalten Krieg als Dritten Weltkrieg zählte. Amerikas Feinde im Vierten Weltkrieg sind nach Woolsey die religiösen Führer im Iran und die "Faschisten" in Syrien. Zum vierten Mal innerhalb von hundert Jahren, so freute sich der Ex-CIA-Chef, "marschiert dieses Land und seine Alliierten."

Für diplomatische Töne bleibt kein Raum

Nicht nur dem wichtigsten US-Verbündeten, dem Briten-Premier Tony Blair, kommen solche militaristisch-imperialen Phrasen nicht sonderlich gelegen. Beamte des von Rumsfelds Rivalen Colin Powell geführten State Departments sind darüber aufgebracht, dass das Pentagon eine ganze Reihe ihrer Ministerkandidaten - zumeist Ex-Diplomaten, die den Nahen Osten kennen - als "zu bürokratisch" abgelehnt hat. Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage, welche Rolle der Chef des von Paul Wolfowitz geförderten Irakischen Nationalkongress, Ahmad Chabali, spielen soll.

Die Neokonservativen im Pentagon wollen sowohl den Ex-Banker, der seit 1958 nicht mehr im Irak lebt, als Top-Berater nominieren, als auch einen Cousin von ihm. Das State Department, aber auch die CIA sehen den Pentagon-Protegé hingegen dadurch diskreditiert, dass etliche Millionen Dollar, die der Nationalkongress kassiert hatte, unbelegt verschwunden sind. Zudem bewies der schiitische Moslem Chalabi mit seinen Prognosen für den Krieg nicht gerade eine realistische Einschätzung der Stimmung unter seinen Landsleuten. Er hatte einen spontanen Volksaufstand gegen Saddam Hussein und sofortige Massen-Desertationen der Armee prophezeit.

Europa bleibt nur Zaungast

Während der Machtkampf zwischen Pentagon und State Department noch nicht entschieden ist, steht eines schon fest. Was auch immer Tony Blair erzählt und die europäischen Regierungen fordern, die US-Regierung wird den Vereinten Nationen im Irak höchstens eine nachgeordnete Rolle bei der Organisierung der humanitären Hilfe einräumen.

Wenn auch noch unklar ist, wie die Iraker ihre neuen amerikanischen Herren empfangen werden, drängt sich doch eine historische Parallele auf, die nicht recht in das schöne Konzept des bewaffneten Exports von "freedom and democracy" passt. Nachdem die Truppen des Britischen Empire 1917 die Türken aus Bagdad vertrieben hatten, errichteten sie ein Protektorat. Bald jedoch kam es zu beständigen bewaffneten Aufständen gegen das Kolonialregime.

Die britischen Besatzer, darunter Arthur Harris, der im Zweiten Weltkrieg die deutschen Städte in Schutt und Asche legen ließ, bekämpften die Rebellen, indem sie sie mit Senfgas bombardierten. Doch trotz Einsatz solcher Mittel gewannen die Iraker schließlich den Kampf für ihre nationale Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

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