Irak nach dem US-Abzug Amerika geht, das Chaos kommt

Kaum haben die letzten US-Truppen den Irak verlassen, brechen im Land alte Konflikte auf. Sunniten und Schiiten stehen sich feindlich gegenüber, Regierungschef Maliki hetzt gegen unliebsame Konkurrenten. Der kriegsgebeutelten Nation drohen die Spaltung und neue Gewalt.

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Hamburg - Weniger als 36 Stunden hat es gedauert, bis die schlimmsten Befürchtungen der US-Militärs Realität wurden. Kaum haben die amerikanischen Einheiten den Irak verlassen, droht das Land wieder im politischen Chaos zu versinken, das rasch in Gewalt umschlagen könnte. Am Sonntagmorgen überquerten die letzten US-Kampfeinheiten offiziell die Grenze zum benachbarten Kuwait, am Montagabend eröffnete das Lager von Regierungschef Nuri al-Maliki die nächste Runde im Machtkampf um das ölreiche Land.

Zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen berichteten drei Männer von ihren Gräueltaten. Zahlreiche Autos hätten sie mit Bomben in die Luft gejagt, Menschen mit Schalldämpferwaffen getötet. Ihre Belohnung: Umschläge voller Dollar-Noten. Ihr Auftraggeber war angeblich Iraks Vizepräsident Tarik al-Haschimi, den die Männer eigentlich als seine Bodyguards beschützen sollten. Seitdem wird Haschimi per Haftbefehl gesucht. Er selbst hat sich in den Norden des Landes abgesetzt.

Der Fall zeigt: Die politische Lage im Irak ist schon wenige Tage nach dem Truppenabzug dramatisch instabil. In dem Machtvakuum, das die westlichen Soldaten hinterlassen haben, bricht der alte Konflikt innerhalb der Gesellschaft und vor allem in der Regierung offen aus: die schiitische Mehrheit im Land, angeführt von Maliki, gegen das kleinere sunnitische Lager, dem Haschimi angehört.

Ohne den militärischen Puffer und Verhandlungsführer USA verschärft sich der Ton zwischen beiden Parteien beinahe täglich. Das gemeinsame Regierungsbündnis steht vor dem Scheitern. Beobachter warnen bereits vor einen Rückfall in die chaotischen Verhältnisse vor der US-Invasion im Jahr 2003 oder während der blutigen Anschlagsserie zwischen 2006 und 2007.

Die Sorge scheint berechtigt. In einer Replik auf die Mordkomplott-Vorwürfe griff der gesuchte Haschimi seinerseits den Regierungschef scharf an. Maliki habe nur gewartet, bis die US-Truppen außer Landes seien, um eine Attacke zu lancieren. Das Timing spreche für sich, so Haschimi, der die Anschuldigungen vehement bestreitet. Seine Ansprache wurde ebenfalls landesweit im TV übertragen, wenn auch nicht vom staatlich gelenkten Sender. Der zeigte parallel die Befragung der Haschimi-Bodyguards in der Dauer-Wiederholung.

Sunniten beklagen Hexenjagd gegen Haschimi

Bemerkenswert sind nicht nur die Worte, mit denen sich Haschimi gegen die vermeintliche Kampagne wehrt. Entscheidend ist, von wo er seine Botschaft übermittelte. Seit Tagen hält sich der Vizepräsident in Erbil versteckt. Die halbautonome Provinz im Norden des Landes gilt als kurdisch kontrolliert. Dort wähnt sich Haschimi, der wegen des Haftbefehls das Land nicht verlassen kann, offenbar sicher vor den Häschern des Regierungschefs.

Ein Vertrauter Haschimis bezeichnete den Coup als "Hexenjagd" und Vorbereitung "für eine neue Diktatur". Die TV-Geständnisse der Bodyguards seien mit Gewalt erzwungen worden. Maliki fordert seinerseits am Mittwoch eine sofortige Auslieferung des Gesuchten nach Bagdad: "Wir haben dem Diktator Saddam Hussein einen fairen Prozess verschafft, und auch Haschimi soll einen fairen Prozess erhalten."

Die Räuberpistole um Haschimi bildet jedoch nur eine Front in dem Konflikt. Parallel versucht Maliki, einen weiteren prominenten sunnitischen Politiker aus dem Amt zu drängen. Maliki drohte am Dienstag, binnen zwei Tagen zurückzutreten, sollte seinem Stellvertreter Salih al-Mutlak nicht das Vertrauen entzogen werden. Der Vizeministerpräsident, Angehöriger der säkularen Allianz Al-Irakija, hatte den schiitischen Regierungschef zuvor einen schlimmeren Diktator als Saddam Hussein genannt.

"Hier folgt Krise auf Krise", so Mutlak laut der "New York Times". Keine der politischen Parteien stehe noch hinter Maliki. "Aber er kontrolliert alles: mit seiner Polizei, seiner Armee, seinen Sicherheitskräften. Alle haben Angst", sagte Mutlak. Am Mittwoch drohte Maliki außerdem mit der Entlassung aller sunnitischen Minister aus seiner Regierung. Sollten sie wie zuletzt nicht zu den Sitzungen des Kabinetts erscheinen, werde er sie "ersetzen".

Erste Autobombe detoniert in Bagdad

Es sieht so aus, als würden sich schlimmste Befürchtungen bewahrheiten. Die sunnitische Minderheit hatte vehement gefordert, eine US-Reserve im Land zu belassen, um eine großangelegte Kampagne der Schiiten zu verhindern. Eine solche scheint nun in vollem Gange.

Bisher beschränkt sich der Konflikt auf die politische Ebene, doch ein neuer Gewaltausbruch scheint möglich. Laut "Washington Post" haben von Maliki gesteuerte Sicherheitskräfte die Häuser zahlreicher hochrangiger Sunniten umstellt. Einen ersten Zwischenfall hat es bereits gegeben: In Bagdads vorwiegend von Sunniten bewohnten Vorstadt Abu Ghoreib starb nach Angaben der Agentur Sumeria News am Mittwoch der Kommandeur einer lokalen Bürgerwehr durch eine Autobombe, die vor seinem Haus explodierte.

Washington zeigt sich durch die plötzliche Verschärfung der Lage im Irak beunruhigt, nicht zuletzt wegen Malikis bestens bekannten Verbindungen zu Iran. "Wir fordern alle Seiten dringend auf, ihre Differenzen friedlich auszuräumen. Probleme müssen im Dialog und im Rahmen der Gesetze geregelt werden", sagte Tommy Vietor, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats. Deutlicher wurde US-Vizepräsident Joe Biden. Dieser telefonierte am Dienstag (Ortszeit) erst mit Maliki und dann mit dem sunnitischen Parlamentspräsidenten Osama al-Nudschaifi.

Das Weiße Haus teilte mit, Biden haben in beiden Gesprächen betont, "wie wichtig ist es, sich in einer Art und Weise zu verhalten, die auf den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der irakischen Verfassung beruht".

Doch danach sieht es nicht aus: Für die kommenden Tage hat das irakische Staatsfernsehen weitere Geständnisse der Haschimi-Bodyguards angekündigt. Zur besten Sendezeit.

mit Material von dpa



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insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
Das-tobende-Steuerschaf 21.12.2011
1. Im Orient nichts neues...
Man verzeihe mir diesen von Ernüchterung und Fatalismus geprägten Kommentar, aber: Was ist jetzt daran neu? Tja, Kriege auf Erden und den Menschen kein Wohlgefallen.
rainman_2 21.12.2011
2. ...
Und die hatten sich alle unter Saddam Hussein so lieb. Schuld sind nur die pösen Amis.
derandersdenkende 21.12.2011
3. Ist es möglich ?
Zitat von sysopKaum haben die letzten US-Truppen den Irak verlassen, brechen im Land alte Konflikte auf. Sunniten und Schiiten stehen sich feindlich gegenüber, Regierungschef Maliki hetzt gegen unliebsame Konkurrenten. Der kriegsgebeutelten Nation drohen die Spaltung und neue Gewalt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,805102,00.html
Jetzt sollen wir auch noch bedauern, daß die Amerikaner das Land verlassen, das sie völkerrechtswidrig überfallen haben? Die USA sind erwachsen und tragen gemeinsam mit ihren Freunden (Handlangern) die volle Verantwortung für das, was Sie angerichtet haben. Daß sie dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden können, ist zutiefst unanständig und allein ihrer militärischen Stärke geschuldet.
f.b. 21.12.2011
4.
Kaum haben die letzten US-Truppen den Irak verlassen, brechen im Land alte Konflikte auf. Sunniten und Schiiten stehen sich feindlich gegenüber, Regierungschef Maliki hetzt gegen unliebsame Konkurrenten. Der kriegsgebeutelten Nation drohen die Spaltung und neue Gewalt. Jetzt aber mal ganz im ernst: hat denn wirklich Jemand etwas Anderes erwartet ??? Und man muss kein Hellseher sein um vorauszusagen, dass es in Afghanistan nicht anders sein wird.
Tadaa79 21.12.2011
5. Na gut, lieber Spiegel, dann holen wir wieder einen Diktator und Menschenschlächter
Dann gibt es keine offenen Konflikte mehr, über die Sie berichten müssen. Wer aufmuckt verschwindet. Ist Ihnen das lieber? Ein Dikator? Es ist jetzt an den Menschen, das Land zu formen und Konflikte auszutragen, nicht zu unterdrücken.
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