IS-Krise Obama sucht Verbündete gegen die Islamisten

Der US-Präsident hat eine umfassende Strategie gegen den "Islamischen Staat" angekündigt, Außenminister Kerry soll dafür in der Region Partner finden. Ein Eingreifen ist richtig. Aber die USA dürfen nicht die Fehler der Bush-Regierung wiederholen.

Von , Washington

Barack Obama am Donnerstagabend bei seiner Pressekonferenz: Bald weitere Schritte gegen den "Islamischen Staat"
AP

Barack Obama am Donnerstagabend bei seiner Pressekonferenz: Bald weitere Schritte gegen den "Islamischen Staat"


Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Barack Obama vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit sich rang, ob er Syrien bombardieren solle oder es besser bleiben lässt. Der amerikanische Präsident wandelte durch den Rosengarten des Weißen Hauses, wägte Argumente ab - und entschied sich dagegen. Ein Jahr später hat Obama erneut seinen Syrien-Moment. Wieder geht es um Syrien, wieder geht es um Luftschläge, diesmal gegen islamistische Truppen. Und wieder geht es um die große Frage seiner Präsidentschaft: Wie sehr soll Amerika in die Geschicke der Welt eingreifen?

Vieles spricht dafür, dass Obama diesmal Soldaten in den Kampf schickt.

Er habe seinen Verteidigungsminister Chuck Hagel beauftragt, Pläne für eine militärische Operation zu entwickeln, sagte der frisch aus dem Sommerurlaub zurückgekehrte US-Präsident am Donnerstag in Washington. Es gehe um eine "politische, militärische und ökonomische Strategie". Und Obama betonte, dass auf jeden Fall "ein militärischer Aspekt" dabei sein werde.

Die USA gleiten seit Wochen in ein intensiveres Engagement in der Region. Die amerikanische Luftwaffe ist bereits mehr als hundert Angriffe auf Stellungen des "Islamischen Staats" (IS) im Nordirak geflogen, sie hat bombardiert, geholfen und getötet. Das Weiße Haus rechtfertigte die Einsätze als humanitäre Mission zum Schutz der Jesiden und der eigenen Diplomaten, aber faktisch stehen die USA an der Schwelle zu jener Art Anti-Terror-Kampf, den der Präsident nach dem Tod Osama Bin Ladens 2012 für beendet erklärt hatte.

Bis zum Ende dieser Woche will der Präsident nun entscheiden, ob er seine Offensive im Irak ausweitet und auch in Syrien eingreift, wo der IS mittlerweile ganze Provinzen kontrolliert. Eine grenzüberschreitende Offensive wäre eine Entscheidung, die den Verlauf von Barack Obamas zweiter Amtszeit prägen würde.

Enthauptung Foleys: Wendepunkt in der US-Außenpolitik

Im vergangenen Jahr hat der US-Präsident versucht, möglichst viel Distanz zwischen sich und der Krise in der Levante zu legen. Er war überzeugt davon, dass die Amerikaner gut daran tun, nicht "im Ausland nach Monstern zu suchen, die sie vernichten können", wie der frühere Präsidenten John Quincy Adams einst formuliert hatte. Obama mag das Zitat. Er findet, die Menschen in fremden Ländern sollten ihre eigenen Entscheidungen treffen. Als die Islamisten in Irak und Syrien ein grenzüberschreitendes "Kalifat" von der Größe eines mittleren Staats ausriefen, erklärte es Obama zu einem innerirakischen Problem. Die Mehrheit der kriegsmüden Amerikaner folgte ihm bei diesem Kurs.

Doch die Enthauptung des Journalisten James Foley durch einen maskierten Islamisten, der offenbar aus Großbritannien stammt, markiert einen Wendepunkt. Sie hat der Barbarei ein Gesicht gegeben. Die Bilder des stolzen, todgeweihten Reporters sind zum Symbol einer Auseinandersetzung mit einer totalitären Ideologie geworden, in deren Namen Tausende Andersgläubige abgeschlachtet werden.

Symbolträchtiger hätte Foleys Tod nicht ausdrücken können, dass das "Kalifat" der Islamisten weit über die irakischen Grenzen hinaus tödliche Auswirkungen für den Westen hat: Ein Brite ermordet einen Amerikaner - an einem Ort, an dem nun die Regeln der Scharia gelten. Es sind diese Bilder, die die Amerikaner aufgerüttelt haben und die Obama dazu zwingen, zu reagieren.

Die Entscheidung, den Siegeszug des "Islamischen Staats" nicht hinzunehmen, auch mit militärischen Mitteln, ist richtig. Die Ideologie von al-Qaida und Abkömmlingen wie dem "Islamischen Staat" sieht vor, dass auf eine Phase der Konsolidierung eine Phase der Eroberung folgt. Das friedliche Zusammenleben von Völkern und Religionen ist in diesem Weltbild nicht vorgesehen. Der Export des Terrors - ob nach Amerika, Europa oder in Nachbarländer wie Jordanien - ist nur eine Frage der Zeit. "Auf lange Sicht, in zweieinhalb oder drei Jahren, müssen wir befürchten, dass IS einen Anschlag im Stil des 11. September plant", sagt der ehemalige CIA-Vize Mike Morell.

Folgt auf Bush nun eine Koalition der Unwilligen?

Für Obama ist es eine Gratwanderung. Auf die zwei Nachbarländer Syrien und Iran kann er aus politischen Gründen nicht bauen, ohne die gesamte amerikanische Außenpolitik der vergangenen 20 Jahre über den Haufen zu werfen. Aber dem Drängen der Hardliner und mancher Generäle in Washington, die sich ein kompromissloses militärisches Eingreifen wünschen, darf er ebenfalls nicht nachgeben. Sonst geraten die USA in die gleiche Falle, in der sie sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verfingen: einen Anti-Terror-Krieg zu führen, der die Welt spaltet, demokratische Werte aushöhlt und eine neue Generation von Terroristen produziert. Aus dem Präsidenten Obama, der den Krieg im Irak beendete, würde dann ein Präsident, der einen neuen Krieg in der Region beginnt.

Im Weißen Haus suchen sie deshalb nach einem Ausweg, IS zu bekämpfen, ohne alte Feindbilder in der Region zu bedienen und sich in ein neues außenpolitisches Abenteuer zu verstricken. Der amerikanische Außenminister John Kerry wird kommende Woche nach dem Nato-Gipfel in Wales weiter in den Nahen Osten und an den arabischen Golf fliegen, um nach Partnern zu suchen, darum hat Obama ihn gebeten. Der Präsident spricht von einer "breiteren regionalen Stratgie mit internationalen Partnern", aber er sagt auch, dass die US-Regierung nach den Bestandteilen dieser Strategie noch suche und nichts entschieden sei. Sofort losschlagen, sagt Obama, "das wird nicht passieren".

An Stelle einer Koalition der Willigen, die Obamas Vorgänger George W. Bush einst im Irak formte, könnte eine Koalition der Unwilligen treten: ein Bündnis von Nationen unter Einbeziehung von Sunniten, die gegen den "Islamischen Staat" vorgehen, weil der Terror der Islamisten sie dazu zwingt. Es wäre ein bisschen Interventionismus, ohne wirklich intervenieren zu wollen. Der Ausgang des Experiments ist völlig offen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gandhiforever 28.08.2014
1. Nicht die Fehler von Bush wiederholen
Wenn Obama dort eingreift, dann wiederholt er Bushs Fehler. Die Zahl der Partner aendert nichts am Fehler. Im uebrigen ist der "Islamische Staat" die Folge von Bushs Fehlern!.
t.wallace 28.08.2014
2.
Und Deutschland schaut zu.
titopoli 28.08.2014
3. Partner?
Wer will schon Partner von Guantanamo-Schergen und den eigenen (NSA)Überwachern sein? Wer will Partner einer US-Camerilla sein, die Zivilisten aus Hubschraubern abknallt oder Gefagene auf höchst sadistische Weise quält und die Boten dieser Untaten härter bestraft als jeden der Täter. Partner einer Gesellschaft, die von allgemeinen Menschenrechten redet, diese aber nur für die eigene Bevölkerung gelten läßt?
Atheist_Crusader 28.08.2014
4.
>>>Für Obama ist es eine Gratwanderung. Auf die zwei Nachbarländer Syrien und Iran kann er aus politischen Gründen nicht bauen, ohne die gesamte amerikanische Außenpolitik der vergangenen 20 Jahre über den Haufen zu werfen.
chagall1985 28.08.2014
5. Man stelle sich das eingreifen in Syrien vor
Damals hätte ein eingreifen den IS unterstützt und noch schneller wachsen lassen...... Dennoch kommt die Welt nicht um ein militärisches eingreifen herum. Aber nur unter UNO Mandat und als Gesamtheit der zivilisierten Welt gegen die barbarischen Steinzeitterroristen. Dann kann da von mir aus eine Panzerdivision der Bundeswehr hinverlegt werden. Wenn es eine Berechtigung für Soldaten überhaupt gibt, dann um gegen solche Irren zu kämpfen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.