Irak-Politik Neokonservative greifen Bush an

Um den amerikanischen Präsidenten wird es wenige Tage vor den Kongresswahlen immer einsamer. Nun gehen auch die Neokonservativen wegen des Irak-Krieges zu Bush auf Distanz. Die Neokons hatten 2003 noch die politische Rechtfertigung für den Feldzug gegen Hussein geliefert.


Richard Perle galt als einer größten Unterstützer des Irak-Krieges. Auch in deutschen Talk-Shows hatte er den Feldzug der US-Armee verteidigt. Jetzt rudert Perle zurück. Er hätte den Krieg nicht unterstützt, wenn er gewusst hätte, wie schlecht die Bush-Regierung ihn führe, sagte Perl der Zeitschrift "Vanity Fair". Perl hatte das Pentagon bei der Kriegsvorbereitung beraten.

Berater-Kritik an Bush: Zu späte oder gar keine Entscheidungen
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Berater-Kritik an Bush: Zu späte oder gar keine Entscheidungen

Er glaube zwar nach wie vor, dass der damalige irakische Präsident Saddam Hussein in der Lage gewesen wäre, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Aber diese Bedrohung wäre auch durch andere Mittel als durch eine Militärintervention zu kontrollieren gewesen. Zudem seien viele Entscheidungen während des Krieges zu spät oder gar nicht getroffen worden, sagte Perle weiter, ohne diesen Punkt näher zu erklären. "Letztendlich steht der Präsident dafür in der Verantwortung", sagte er.

Die Denkfabriken der neokonservativen Bewegung setzen sich für eine aggressive Außenpolitik ein, bei der Demokratie auch mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden soll. Der Irak sollte das Musterbeispiel für diese Politik sein. Schon 1998 hatte das "Project for the New American Century" in einem offenen Brief gefordert, Saddam Hussein zu stürzen

"Riesige Fehler"

Nun ist Perle ist der nicht der einzige Neokonservative, der den Präsidenten für das Scheitern der Irak-Mission in Haftung nimmt. Kenneth Adelman, auch ein sicherheitspolitischer Berater der Bush-Regierung, sagte, für den Irak-Krieg habe es vernünftige Gründe gegeben. Bei der Umsetzung seien jedoch "riesige Fehler" gemacht worden. Die Bush-Regierung habe sich "als eines der inkompetentesten Teams der Nachkriegszeit erwiesen". "Nicht nur dass jeder individuell enorme Fehler aufwies, zusammengenommen waren sie tödlich, dysfunktional." Adelman hatte die Umgestaltung des Irak früher als Kinderspiel bezeichnet.

Der frühere Redenschreiber David Frum, der unter anderem Bushs Rede über die "Achse des Bösen" mitentworfen hatte, sagte "Vanity Fair, schuld am Blutvergießen im Irak sei "ein Versagen im Zentrum". Auch die Führungskraft des Präsidenten wurde kritisiert: Der Präsident habe den Inhalt seiner Reden weder geglaubt noch verstanden, hieß es. Sein ehemaliger Redenschreiber Frum sagt: "Auch wenn der Präsident die Worte gesprochen hat, die Ideen hatte er nicht verinnerlicht."

sac/Reuters/afp



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