Proteste im Irak Das Öl, die Hitze und die Wut

Kaum Strom, wenig Trinkwasser - und das bei fast 50 Grad im Schatten: Viele Iraker wollen sich mit der Lage in der Metropole Basra nicht mehr abfinden. Die Proteste weiten sich auf andere Städte aus.

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Im Südirak gibt es zwar jede Menge Öl - aber kaum sauberes Wasser, nicht ausreichend Strom und zu wenige Jobs. Seit mehr als einer Woche demonstrieren deshalb in mehreren Städten Tausende Iraker gegen die Regierung von Ministerpräsident Haider al-Abadi. Die Proteste begannen in der Ölmetropole Basra und haben sich inzwischen in andere Städte südlich von Bagdad ausgebreitet - etwa nach Nadschaf und Kerbala.

Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften sind bislang mindestens sieben Menschen getötet worden. Dabei geht die Gewalt von beiden Seiten aus. Nachdem am 8. Juli ein Demonstrant in Basra von Polizisten erschossen worden war, stürmten in den folgenden Tagen Männergruppen Ämter und Behörden, Parteigebäude und sogar den Flughafen von Nadschaf. Zudem belagerten sie Anlagen der Ölindustrie.

Die Probleme und Nöte, gegen die Tausende Iraker derzeit protestieren, gibt es seit Jahren. Als der Irak ab 2014 jedoch von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) existenziell bedroht wurde, gerieten Korruption, Arbeitslosigkeit und mangelnde Versorgung mit Wasser und Strom lange in den Hintergrund. Nun ist der IS de facto besiegt - und trotzdem kommt im Irak kaum etwas voran.

"Ich will Wasser!"

Es ist kein Zufall, dass die Proteste ihren Anfang in Basra genommen haben. Seit dem Machtkampf zwischen irakischer Armee und kurdischen Peschmerga im Oktober 2017 wird fast kein Öl mehr aus dem Nordirak ins Ausland exportiert. Damit stammen derzeit rund 95 Prozent des Erdöls, das der Irak ins Ausland liefert, aus der Provinz Basra. Analysten schätzen, dass seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 Öl im Wert von rund einer Billion Dollar aus Basra exportiert wurde. Nur in der Provinz selbst bleibt davon kaum etwas hängen.

Auf Videos in den sozialen Netzwerken machen Iraker ihrem Ärger Luft - bis die Regierung über das Wochenende das Internet in manchen Landesteilen lahmlegte und den Zugang zu Facebook zeitweise blockierte: "Ich will Wasser", sagt ein Demonstrant aus Basra in einem Clip, der vielfach geteilt worden ist. "Wir haben das Jahr 2018, und ich muss um Wasser betteln. Das ist eine Schande. Dabei haben wir Öl, das wir in alle Welt liefern. Ich bitte nicht um eine U-Bahn oder um Flugzeuge. Ich will einfach nur Wasser."

Am Dienstag stieg das Thermometer in Basra auf 46 Grad. Für Mittwoch werden 47 Grad, für Donnerstag 49 Grad erwartet. Der Fluss Schatt al-Arab, wichtigstes Wasserreservoir der Stadt, trocknet immer weiter aus - wegen der Dürre, aber auch weil die Türkei und andere Landesteile des Irak immer mehr Wasser aus Euphrat und Tigris abzapfen, die den Schatt al-Arab speisen. Außerdem versalzt das Wasser in Basra zunehmend.

Kaum besser steht es um die Elektrizitätsversorgung: Basra ist darauf angewiesen, dass der Nachbar Iran Strom exportiert. Doch Anfang Juli drosselte Iran seine Stromexporte in den Irak. Teheran gibt an, dass die Nachfrage im eigenen Land wegen der Hitzewelle gestiegen sei und man deshalb weniger exportieren könne. Außerdem habe der Irak eine offene Stromrechnung in Höhe von einer Milliarde Dollar, die erst mal beglichen werden müsste.

Nicht nur deshalb richtet sich die Wut vieler Demonstranten gezielt gegen Iran und seine Verbündeten im Irak: In mehreren Orten verbrannten sie Porträts der Revolutionsführer Khomeini und Khamenei und riefen antiiranische Slogans. Sie stürmten auch Büros der sogenannten Volksverteidigungseinheiten - einem Milizenbündnis, das von Iran finanziert und unterstützt wird und inzwischen auch als politische Kraft auftritt.

Unrealistische Forderungen nach mehr Jobs

Der Protest in Basra wird hauptsächlich von Stammesführern getragen. Sie fordern unter anderem, dass mindestens 80 Prozent der Jobs in der Ölindustrie an Einheimische vergeben werden müssten. Wenn überhaupt, werden sie bislang vor allem als Fahrer oder Sicherheitsleute eingesetzt. Die anderen, zum Teil hochspezialisierten Jobs werden von besser ausgebildeten Irakern aus anderen Landesteilen oder Ausländern ausgeübt. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, räumt selbst Scheich Raad al-Furaiji, Chef des Stammesrats von Basra ein: "Die jungen Männer glauben zwar, sie hätten es mehr als andere verdient, in diesen Unternehmen zu arbeiten. Aber sie sind arm und ungebildet." Ein Problem, das sich nicht über Nacht lösen lässt.

Die politische Krise im Land verschärft die Lage zusätzlich akut: Das Bündnis des schiitischen Predigers Muqtada al-Sadr hatte überraschend die Parlamentswahlen am 12. Mai gewonnen, die Liste von Ministerpräsident Abadi landete nur auf Platz drei. Der Regierungschef und andere Wahlverlierer sprachen anschließend von Unregelmäßigkeiten und Manipulationen, Anfang Juni ordnete das Parlament eine Neuauszählung der Stimmen an. Kurz darauf brannte ein Lagerhaus ab, in dem Stimmzettel gelagert wurden. Das Oberste Gericht hat das offizielle Wahlergebnis bislang noch nicht bestätigt. Daher gibt es derzeit weder ein gewähltes Parlament, noch ist eine neue Regierung auf Grundlage der Resultate vom 12. Mai in Sicht.

Diese Gemengelange dürfte dazu führen, dass die Proteste anhalten und sich ausbreiten werden. Regierungschef Abadi hat bereits Sicherheitskräfte aus dem Nordirak in den Süden verlegt. Er rechnet offenbar mit weiteren Unruhen. Seine Gegner sprechen schon von der "Basra-Revolution", die bald das ganze Land erfassen werde.

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thequickeningishappening 18.07.2018
1. Schoen dass zum Thema Wassermangel
Die Staudämme in Der Tuerkei erwähnt werden. Syrien hat Dasselbe Problem. Verteilungsungleichgewichte führen zu sozialen Spannungen. Ohne Wasser und Brot kommt Die Revolution !
hanshanshans 18.07.2018
2. Und
... nach der Revolution haben die Menschen wieder automatisch genug Wasser und Brot. In dem Artikel fehlt völlig, wie es mit der Lage der einfachen und ungebildeten Menschen vor dem zweiten Golfkrieg aussah.
kenterziege 18.07.2018
3. Wasser wird das neue Öl
Ohne Wasser geht nicht's. Öl ist zu kompensieren. Im Übrigen gibt's auf der Welt genug Öl. Es gibt viel zu viel Menschen in den Städten. Die sog. Urbanisierung fliegt einigen Ländern noch einmal um die Ohren. Allein die Zusammenballung von Menschen birgt ein "revolutionäres" Potential. Ich bestaune immer nur Singapur, die damit gut zurecht kommen. Ich bin jedes Jahr dort und habe mich über die Wehrpflicht und die relativ hohen Verteidigungsausgaben dieses Stadtsaates gewundert. Ein guter Bekannter erklärte mir, daß Singapur vom Wasser Malaysias abhängig ist. "Unsere Armee/Luftwaffe ist unsere Wassersicherung", erklärte er mir! Aber Singapur verbraucht nicht mehr, als früher, weil die Bevölkerung wenig wächst. Das unkrontollierte Wachstum der Bevölkerungen macht arm und führt zu Kriegen um die Ressourcen.
schmuella 18.07.2018
4. Willkommen in der Realität
Afganistan, Irak und Lybien sind drastische Beispiele für (zumindest teilweise gescheiterte) Interventionen. Wer sich den Videobeitrag vom ehemaligen Bundeswehr-Fallschirmjäger Johannes Clair anguckt, bekommt einen Einblick, wie die Realität vor Ort aussieht: www.youtube.com/watch?v=SjfuyKMgI7s Die Gründe mögen vielfältig und abhängig von der Region unterschiedlich sein. Allen ist jedoch gemeinsam, dass man die Staaten weitestgehen sich selbst überlassen hat, wenn man von den zaghaften Versuchen eines infrastruktruellen Wiederaufbaus absieht. Spätestens wenige Jahre nach der Afganistan-Intervention hätte man erkennen können, dass es ohne eine enorme Unterstützung finanzieller, wirtschaftlicher und infrastruktrueller (Straßen, Stromnetz, Wasser etc.) Art, die das bisher Geleistete um ein Vielfaches übersteigt, es zu einem "failed State" kommen kann und das Leid der Menschen nicht umfassend und nachhaltig vermindert wird. Generell ist fraglich, inwieweit man einen Staat "verändern" kann. Die Menschen haben in Jahrtausenden ihre eigene individuelle Kultur und Lebensweise entwickelt. "Westliche Werte und Lebensweisen" sind nicht unbedingt immer willkommen. So nimmt die Entwicklung in den Ländern "ihren eigenen Weg", dessen Ergebnis man an den eingangs erwähnten Beispielen bzw. Ländern sehen kann.
mego 18.07.2018
5. Die Türkei kontrolliert den Wasserzufluss nach Syrien und den Irak
Zitat von thequickeningishappeningDie Staudämme in Der Tuerkei erwähnt werden. Syrien hat Dasselbe Problem. Verteilungsungleichgewichte führen zu sozialen Spannungen. Ohne Wasser und Brot kommt Die Revolution !
Die Türkei speichert mit den 29 "Kemal-Atatürkstaudämmen die Schmelzwasser aus Anatolien und kontrolliert damit das Wasser, das gegen Bezahlung in den Euphrat und den Tigris fließt. Diese Staudämme liegen größtenteils in kurdischem Gebiet und stellen den eigentlichen Reichtum und sind Grundlage der regionalen Machtstellung der Türkei. Auch Jordanwasser kommt aus Anatolien. Die Türkei ist der wichtigste Player dieser Region.mego
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