Vormarsch der Islamisten Irakische Regierung lockt Freiwillige mit Geld

Im Kampf gegen die Dschihadisten will der irakische Premier Maliki Freiwilligen monatliche Löhne zahlen. Die Regierungstruppen liefern sich mit den Isis-Milizen eine Schlacht um die größte Ölraffinerie des Landes.

Schiitische Freiwillige in Nadschaf: Maliki will Kämpfern Lohn zahlen
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Schiitische Freiwillige in Nadschaf: Maliki will Kämpfern Lohn zahlen


Bagdad - Der irakische Premier Nuri al-Maliki will freiwilligen Kämpfern, die gemeinsam mit der Armee gegen die Islamisten der Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) kämpfen, einen monatlichen Lohn zahlen. Die Freiwilligen in besonders umkämpften Gebieten sollen 750.000 Dinar im Monat erhalten, das sind umgerechnet 470 Euro. Von dem Plan berichtete das irakische Staatsfernsehen am Donnerstagnachmittag.

Demnach würden auch Freiwillige, die nicht kämpfen, aber zivile Unterstützung leisten, 500.000 Dinar monatlich erhalten. Alle Beteiligten würden außerdem einen Pauschalbetrag für Verpflegung bekommen.

Maliki rief auch die Reserveoffiziere zu den Waffen. Alle Dienstgrade bis zum Brigadegeneral aufwärts seien für drei Monate zum Dienst einberufen worden, teilte der Premier in einer am Donnerstag im Fernsehen verbreiteten Erklärung mit. Sie sollten "entsprechend ihren Qualifikationen" eingesetzt werden. Die Zahl der betroffenen Reserveoffiziere wurde zunächst nicht mitgeteilt.

Nachdem die Kämpfer von Isis zwei Städte im Nordirak eingenommen hatten, waren viele Soldaten der Regierungsarmee desertiert. Zuletzt versuchte die Armee gemeinsam mit Truppen der kurdischen Regionalregierung im Norden, mit kurdischen Peschmerga-Milizen und schiitischen Kämpfern gegen die sunnitische Isis vorzugehen.

Kampf um größte Ölraffinerie des Landes

Die Regierungstruppen und Dschihadisten liefern sich etwa einen Kampf um die größte Ölraffinerie des Landes. Die Lage ist dabei unübersichtlich: Nach offiziellen Angaben erlangte das Militär wieder die Kontrolle über die Anlage. Bei den Gefechten sei auch die irakische Luftwaffe eingesetzt worden, hieß es am Donnerstag in Bagdad. Die meisten Arbeiter hätten das Gelände inzwischen verlassen. Der Betrieb war bereits am Dienstag eingestellt worden.

Der Nachrichtensender al-Arabija berichtete, bei der Bombardierung seien auch Teile der Raffinerie beschädigt worden und Feuer ausgebrochen. Noch immer seien Kämpfer der Gruppe Isis auf dem Gelände. Der Arabija-Nachrichtenkanal Hadath berichtete, dort seien schwarze Isis-Fahnen gehisst worden. Von unabhängiger Seite sind solche Meldungen kaum zu überprüfen.

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Das Militär wies Berichte zurück, wonach die Terroristen einen großen Teil der Anlage kontrollierten. Der Angriff sei zurückgeschlagen worden, 40 Extremisten seien getötet worden, sagte ein Sprecher des Militärs bereits am Mittwoch. Das Öl-Ministerium drohte internationalen Nachrichtenagenturen mit Klagen, wenn sie "falsche Informationen" über eine Eroberung von Teilen der Raffinerie durch Dschihadisten verbreiteten.

Baidschi rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad ist strategisch bedeutend. Dort befindet sich neben der wichtigen Raffinerie - von der viele Tankstellen des Landes den Treibstoff bekommen - auch ein Elektrizitätswerk, von dem aus die Hauptstadt mit Strom versorgt wird.

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

fab/AFP/dpa/Reuters



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
cum infamia 19.06.2014
1. Meldungen der irakischen Armee
Ich erinnere an die Meldungen des Kriegsministers von Saddam, dass sich vor Bagdad hunderte amerikan. Soldaten selbst erschießen, da die irak. Streitkräfte unbesiegbar seien.Kurz drauf war alles vorbei. Soviel zu dem Wahrheitsgehalt von "orientalischen Meldungen" ( Märchen)
Herr B 19.06.2014
2.
Zitat von sysopAPIm Kampf gegen die Dschihadisten will der irakische Premier Maliki Freiwilligen monatliche Löhne zahlen. Die Regierungstruppen liefern sich mit den Isis-Milizen eine Schlacht um die größte Ölraffinerie des Landes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-regierung-zahlt-freiwilligen-kaempfern-lohn-a-976230.html
Ich kenne jetzt nicht genau die Durchschnittsgehälter im Irak, aber das scheint ja eher in der Größenordnung zu sein wie bei uns der Wehrsold für Reserveübungen als jetzt wirklich ein Lockmittel. Nur wegen den 500€ wird sich auch ein Iraki nicht umbringen lassen.
@de 19.06.2014
3. Das
ist der einzige Weg Terrorgruppen los zu werden, wenn die Bevölkerung (sei es auch nur wegen dem Geld) und nicht die Regierung diese Leute vertreibt. Wenn diese Gruppierungen keine Unterstützung vom Volk erwarten können sind sie praktisch machtlos. Aber solange das nicht passiert werden sie immer wieder kommen.
hans gruber 19.06.2014
4. Die Performance der irakischen Armee
schwankt zwischen peinlich und unterirdisch. Wurden fast 10 Jahre lang von den Amis ausgebildet. Haben das neueste Equipment und dann flüchten 10.000 Soldaten vor 800 Isis-Leuten. Aber wie sagte ein US-General damals "Unser Glück war das die Iraker nicht geradeaus schießen konnten"
frank1980 19.06.2014
5. Dienstgrade bis zum Brigadegeneral aufwärts
So viele Generale werden ja nicht in Reserve sein ;)
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