Irak Reiseführer für Terror-Touristen

Getarnt mit Walkman und Jeans machen sich willige Kämpfer auf die Reise in den Irak. Die empfohlene Route in den Dschihad führt über die Türkei und Syrien. Das und alles weitere, was wichtig ist, haben Terror-Anwerber in einer Broschüre im Internet veröffentlicht.

Von Yassin Musharbash


Deckblatt des Terror-Wegweisers: "Langer, schwieriger Weg"

Deckblatt des Terror-Wegweisers: "Langer, schwieriger Weg"

Berlin - Niemand soll glauben, dass die bevorstehende Reise, die vielleicht die letzte sein wird, ein Spaziergang ist: "Sie ist nicht mit Rosen ausgelegt", schreibt der Verfasser des Terror-Routenplaners deshalb gleich zu Beginn. "Es ist ein langer, schwieriger Weg." Wenig Hoffnung, viele Misserfolge - darauf müssten die Nachwuchs-Dschihadisten gefasst sein.

Diese Warnungen sind einer Broschüre der ganz besonderen Art entnommen. "Dies ist der Weg in den Irak", heißt sie. Sie liegt SPIEGEL ONLINE vor. Im Untertitel steht: "An alle, die sich den Mudschahidin im Zweistromland anschließen wollen". Seit kurzem steht das 4-Seiten-Papier, verfasst unter dem Pseudonym "Der islamische Doktor", zum Lesen und Downloaden auf einer Internetseite bereit, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe steht.

Experten und Analysten haben bisher wenig Grund gefunden, es für unauthentisch zu halten. Es bestätigt vieles von dem, was über die Zuführungspraxis und Nachschubwege der irakischen Terroristen schon geahnt wurde. Die Online-Anleitung zum Weg in den Dschihad ist offenbar ein Puzzlestück in der Strategie der Terroristen, die den USA, ihren Alliierten und auch irakischen Zivilisten seit dem Fall Bagdads im Frühjahr 2004 das Leben zur Hölle machen. Tatsächlich wurden bereits dutzende Selbstmordattentäter aus dem arabischen Ausland identifiziert - die meisten aus Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien. Möglicherweise geht die Zahl der kämpfenden Ausländer in die Tausende. Wie sie dorthin gekommen sind, trotz aller Versuche, dies zu unterbinden, erklärt zum Teil das Papier.

Schleuser gibt es überall

So heißt es in dem Leitfaden ganz unverhohlen, man möge sich - nach der religiösen und körperlichen Vorbereitung - an die Werber und Schleuser wenden, die es "in vielen arabischen Ländern gibt" und die über "gute Beziehungen zu den Dschihad-Gruppen" im Irak verfügten. Gemeint sind damit Prediger und Vorbeter an radikalen Moscheen, im Terroristen-Sprech: "Muslime, die sich am Vorbild der Vorväter orientieren". Man solle nur darauf achten, "vorsichtig und im Verborgenen" auf die Schleuser zuzugehen. "Hunderte, ja Tausende" seien auf diesem Weg schon ins Zweistromland gelangt.

Anschlag im Irak (am 17. Juli in Mussajib): "Hunderte, ja Tausende"
AP

Anschlag im Irak (am 17. Juli in Mussajib): "Hunderte, ja Tausende"

Eine andere Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit Vermittlern sei das Internet, heißt es weiter. "Ich sage Euch, Brüder, einige von ihnen sind in unseren Diskussionsforen zu finden!". Allerdings gehörten sie nicht "zu den Stars der Foren", sie hielten sich eher im Hintergrund, weil sie von den Behörden verfolgt und sehr beschäftigt seien. Deshalb solle man sich auch in Acht nehmen vor Betrügern, die angeblich Geld für den Dschihad im Netz sammeln - nur, wem man wirklich vertraut, soll man Geld geben.

Über die Werber an den Moscheen offenbar mit einem Namen und einer Adresse ausgestattet - diese Phase wird in der Broschüre übersprungen, ist aber bekannt - soll sich der Terror-Nachwuchs dann auf die Reise machen. Zentraler Umschlagplatz ist dem Papier zufolge Syrien. "Reise über die Türkei ein", wird den Rekruten eingeschärft, vielleicht unter dem Vorwand einer medizinischen Behandlung oder getarnt als Händler. Schließlich rät der Verfasser noch, "sich Jeans anzuziehen und einen Walkman mitzunehmen", "mit irgendwelcher Musik" - gemeint ist wohl: Keine Dschihad-Gesänge!

Selbstmord-Bereitschaft vorausgesetzt

Unauffälligkeit sei wichtig, denn die syrischen Behörden achteten jetzt viel mehr darauf, wer ein- und ausreise. Aus diesem Grund solle man auch besser nicht auf eigene Faust in den Irak reisen, geschnappt würden nämlich so gut wie ausschließlich die Individual-Terroristen - bei Gruppen hingegen würden die Syrer auch mal wegschauen.

Von Syrien aus geht es schließlich in den Irak: Jeweils "kleine Gruppen von Kämpfern" würden die dortigen Kontaktmänner einschleusen, es könne also etwas dauern, bis man selbst dran sei. Im gelobten Land des Terrors gelte dann strikter Gehorsam: "Sag nie, 'Ich werde kein Selbstmordattentat durchführen' oder 'Ich kann wegen besonderer Umstände nur diese Arbeit ausführen' (..)!" Dass er folgsam zu sein habe, müsse dem Terror-Adepten vorher klar sein.

Interessanterweise nicht namentlich erwähnt: Abu Musab al-Sarkawi
AFP

Interessanterweise nicht namentlich erwähnt: Abu Musab al-Sarkawi

Die meisten Mudschahidin nehme im Zweistromland übrigens die dortige Qaida-Filiale auf, heißt es weiter. Sie verfüge auch über Verbindungen zu den anderen Qaida-Zweigstellen "in den arabischen Ländern und im (nichtarabischen) Ausland". Bei anderen Organisationen müsse man seinen Weg an die Front selber suchen.

Papier aus dem Qaida-Umfeld?

Wer sich hinter dem Verfasser "Der islamische Doktor" verbirgt, ist ungewiss. Aber er verhehlt nicht, dass er über einschlägige Erfahrungen im Dschihad-Business verfügt. Auch macht er deutlich, dass man nicht unbedingt in den Irak reisen müsse: "Ob Tschetschenien, Afghanistan der Irak oder sogar dein eigenes Land, das ja vielleicht von Tyrannen ungerecht regiert wird", sei ganz gleich. Diese internationalistische Sicht spricht eher für einen Autor mit Qaida-Affinität, ebenso die Erwähnung einer Rede Osama Bin Ladens. Der irakische "Widerstand" aus Ex-Baathisten und Armeeangehörigen ist zum Beispiel auf das eigene Land fixiert. Gleichwohl verzichtet der Verfasser auf die Nennung Abu Musab al-Sarkawis, dem Qaida-Statthalter im Irak - unter dem Strich muss man annehmen, dass die Reise-Fibel den Anspruch universeller Gültigkeit erhebt.

Interessanterweise bestätigt das Papier zwei einander scheinbar widersprechende Thesen, was die Rolle des syrischen Staates betrifft: So heißt es zum einen, die dortigen Behörden verfolgten die Mudschahidin, zum anderen, dass sie auch mal wegschauten, wenn die Kämpfer die Grenze passierten. In den letzten Monaten ist der syrische Präsident Baschar al-Assad wegen der durch sein Land führenden Schleuser-Routen von Seiten der USA erheblich unter Druck geraten.

Welche Bedeutung dem Routenplaner zuzumessen ist, ist schwer einzuschätzen. Er ist vermutlich nicht der einzige seiner Art. Aber brisant ist er sicher - schon angesichts der in Internetdiskussionsforen häufig gestellten Frage, wie man denn auf das "Schlachtfeld des Dschihad" gelange - auf die jetzt eine einfach zu findende Antwort vorliegt.



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