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Irak-Reporter im Chat: "Die Soldaten sind erstaunlich gut gelaunt"

Aussöhnung zwischen Schiiten und Sunniten? Frieden im Irak? SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner hat mehrere Wochen in dem Land voller Brüche recherchiert - und erzählt im SPIEGEL-ONLINE-Chat, warum er an eine friedliche Zukunft des Irak glaubt.

Wohin steuert der Irak – lässt sich das Land in absehbarer Zeit befrieden? Das wollten die SPIEGEL-ONLINE-Leser im Chat von Ullrich Fichtner wissen. "Es kommt darauf an, wie man absehbar definiert. Ich denke, dass momentan mit dem Truppenaufbau reale Chancen bestehen, Fortschritte zu bekommen, die einen Unterschied machen würden", sagte der SPIEGEL-Reporter im Chat zur aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte "Bagdad Babylon".

SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner: "Fortschritte, die einen Unterschied machen würden"
DER SPIEGEL / Agentur Focus

SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner: "Fortschritte, die einen Unterschied machen würden"

Fichtner hat bei seiner dreiwöchigen Recherche beide Seiten des Landes kennengelernt: Krieg und Hass, aber auch Ruhe und friedliches Zusammenleben - die Hauptstadt Bagdad, die "ein schlimmer Schauplatz" ist, wo den Amerikanern nur "Hass und Verachtung entgegengebracht" wird, aber auch Regionen des Landes, in denen US-Truppen es geschafft haben, Ordnung herzustellen: "Man kann sagen, der ganze Norden, die Kurdengebiete, aber auch die ländlichen Regionen um Bagdad sind keine Kriegsgebiete mehr."

Entsprechend diffus ist die Stimmung in der Bevölkerung: Enttäuschung über den langsamen Fortschritt der Befriedung, Freude über das Ende des Hussein-Regimes, Aufbruchstimmung oder Resignation?

"Alles zusammengenommen, gleichzeitig", sagte Fichtner und betonte eine positive Entwicklung: Die aufständischen Extremisten verlieren in weiten Teilen des Landes zunehmend "die Unterstützung durch die Bevölkerung". Fichtner sah bewegende Bilder - Iraker und Amerikaner, die sich auf der Straße umarmten.

Aber in vielen umkämpften Gebieten hat sich die Lage verschlechtert: "In Bagdad etwa sind ganze Stadtviertel verlassen und aufgegeben. Man geht dort teilweise durch geisterhafte Straßenzüge, und das hat es vorher auch nicht gegeben", sagte Fichtner. Er berichtete von Vierteln, in denen "ein Kampf jeder gegen jeden ausgebrochen ist".

Viele SPIEGEL-ONLINE-Nutzer interessierte auch die Frage, wie sich die im Irak stationierten US-Soldaten in dem Land fühlen. Fichtner begegnete vielen, die "erstaunlich gut gelaunt" waren. "Mein eigentlich größter Eindruck war der, dass fast jeder Dritte irgendwann in seiner Laufbahn einmal in Deutschland stationiert gewesen ist. Und ich musste viele Gespräche führen über Bratwürste, Bier, Oktoberfest und Schwarzwälder Kirschtorte."

Und seine eigenen Erfahrungen in dem Land – wie wurde Fichtner als westlicher Journalist von den Irakern aufgenommen? "Die meisten Begegnungen, die ich hatte, waren freundlich und ich wurde willkommen geheißen. Manche haben sich allerdings bei mir beschwert wie bei einem Repräsentanten des Westens allgemein, oder als wäre ich eine Hilfsorganisation in einer Person."

Auch eine Verständigung zwischen den sich bekämpfenden Schiiten und Sunniten hält Fichtner für möglich. "Nur ist auch das ein Rennen gegen die Uhr. Solange die Morde aus konfessionellen Gründen weitergehen, und es gibt immer noch 600 solcher Hinrichtungen pro Monat, solange ist auch kein Raum für Gespräche." Dennoch sei der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten überschätzt - weil er "eine spezifische Bagdader Situation darstellt. Im Rest des Landes leben die Gruppen im Grunde nebeneinander her".

Fichtners Hoffnung: Dass die Menschen weltweit, wenn sie neue Bilder von Bombenanschlägen sehen, sich nicht blind davon machen lassen, "sondern dass im Irak eine erfolgreiche Zukunft möglich ist".

hen

Hier geht es zum Chat-Protokoll.

Im Forum "Irak - auf dem Weg zum Frieden?"können Sie weiter diskutieren.

Die Reportage "Der höllische Frieden" von Ullrich Fichtner finden Sie im aktuellen SPIEGEL: "Bagdad Babylon - SPIEGEL-Reporter mit US-Soldaten im Irak-Krieg".

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