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Irak: Soldaten sollen Häftling zu tödlichem Sprung gezwungen haben

Neue Vorwürfe gegen US-Militärs im Irak: Soldaten sollen irakische Gefangene gezwungen haben, von einer Brücke zu springen. Ein Iraker soll dabei gestorben sein. Auch Amnesty International übt schwere Kritik an den USA: Der Irak-Krieg sei der schlimmste Angriff auf die Menschenrechte seit 50 Jahren.

Bagdad: Brücke über den Tigris
REUTERS

Bagdad: Brücke über den Tigris

London/Berlin - Weil sie zwei Häftlinge gezwungen haben, von einer Brücke in den Tigris zu springen, müssen mehrere US-Soldaten mit Disziplinarmaßnahmen rechnen. Bei dem Sprung in den Fluss kam irakischen Angaben zufolge ein Soldat ums Leben, die US-Streitkräfte dementieren dies. Ob und wann die Soldaten bestraft werden würden, stehe noch nicht fest, teilte ein Militärsprecher in Fort Carson nahe Denver mit, wo die Soldaten herkommen.

Der neue Vorfall, sollte er sich bestätigen, ist ein weiterer Beleg für den rüden Umgang mit Menschenrechten unter der US-Administration im Irak. Auch die Menchenrechtsorganisation Amnesty International erhebt in ihrem heute Morgen vorgestellten Jahresbericht schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung. Der von Washington angeführte Krieg gegen den Terror ist nach Ansicht der Organisation der schlimmste Angriff auf Menschenrechte und internationale Vereinbarungen seit einem halben Jahrhundert.

Fehlende Weitsicht

"Der globalen Sicherheitspolitik der US-Regierung fehlt es an Weitsicht und Prinzipien", heißt es in dem heute veröffentlichten Jahresbericht 2004. Nach Ansicht von Amnesty wurde die Welt im vergangenen Jahr durch die amerikanische Politik gefährlicher. Außerdem seien Gerechtigkeit und Freiheit eingeschränkt worden.

Die US-Regierung verletze Menschenrechte im eigenen Land, verschließe die Augen vor Verstößen in anderen Ländern und führe Präventivkriege nach Wahl. Weiter kritisiert die Menschenrechtsorganisation, dass Hunderte Ausländer ohne Anklage oder Prozess auf dem US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba festgehalten werden.

Den amerikanischen und britischen Truppen im Irak wirft Amnesty vor, während des Irak-Krieges und danach massiv Menschenrechte verletzt zu haben. Auch nach dem Ende der Kampfhandlungen seien zahlreiche Menschen vermutlich nach exzessiver Gewaltanwendung durch die US-Truppen gestorben oder unter ungeklärten Umständen erschossen worden. Wiederholt seien die Folterungen und andere Misshandlungen der Koalitionsstreitkräfte angeprangert worden. Praktisch keiner der Vorwürfe sei hinreichend untersucht worden.

Plünderungen, Zerstörung, Folter

Amnesty International: Schlimmster Angriff auf die Menschenrecht seit 50 Jahren

Amnesty International: Schlimmster Angriff auf die Menschenrecht seit 50 Jahren

Nach Darstellung der Organisation kam es bei Hausdurchsuchungen zu Übergriffen durch US-Soldaten, "darunter Plünderungen und die mutwillige Zerstörung von Eigentum". In einem Fall sei ein saudischer Staatsangehöriger von US-Soldaten verschleppt und nach eigenen Angaben geschlagen, mit Elektroschocks gefoltert und an den Beinen aufgehängt worden. Außerdem habe man ihm seinen Penis abgebunden und ihn am Schlafen gehindert.

Die Organisation schreibt über die Zustände in den Gefängnissen: "Routinemäßig sahen sich die Häftlinge in den ersten 24 Stunden ihres Gewahrsams grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung ausgesetzt." Es werden ehemalige Häftlinge zitiert, denen Kapuzen über den Kopf gezogen oder die Augen verbunden worden seien. Ihnen sei weder Wasser noch Nahrung oder die Möglichkeit zum Toilettengang gegeben worden.

Alle Menschen, die in Gefängnissen der amerikanischen und britischen Streitkräfte festgehalten worden seien, erhielten dem Bericht zufolge unterschiedslos keine Möglichkeit zu einem Außenkontakt oder zu einer juristischen Überprüfung ihres Falles, berichtet die Menschenrechtsorganisation und verweist dabei unter anderem auf das berüchtigte Abu-Ghureib-Gefängnis. Der Berichtszeitraum reicht vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2003.

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