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15. Mai 2003, 13:00 Uhr

Irak-Streit

Frankreich wirft US-Regierung Rufmord vor

Die französische Regierung sieht sich im Streit über den Irak-Krieg als Opfer einer Rufmordkampagne in den USA. In einem Protestbrief werden anonyme Vertreter der US-Regierung beschuldigt, das Frankreich-feindliche Bild in die Öffentlichkleit lanciert zu haben.

Jean-David Levine, der französische Botschafter in Washington, stellte sich im Uno-Sicherheitsrat zum Ärger der Amerikaner gegen einen Irak-Krieg
AP

Jean-David Levine, der französische Botschafter in Washington, stellte sich im Uno-Sicherheitsrat zum Ärger der Amerikaner gegen einen Irak-Krieg

Washington - Der Brief, der vom französischen Botschafter in den USA, Jean-David Levitte, unterzeichnet worden sei, werde heute Mitgliedern der Bush-Regierung und Mitgliedern des Kongresses ausgehändigt, berichtet die "Washington Post". Frankreichs Regierung zählt in dem Schreiben genauestens auf, was in den letzten neun Monaten ihrer Ansicht nach an Unwahrheiten verbreitet worden ist. Die Geschichten seien Teil einer "hässlichen Kampagne, um das Image Frankreichs zu zerstören", heißt es laut "Washington Post" aus Regierungskreisen in Paris.

Dem Protestbrief ist ein Anhang von zwei Seiten beigefügt. Darin werden die angeblichen Verleumdungen aufgelistet, die in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurden:

Für die Franzosen besteht kein Zweifel, dass die Berichte von Interessengruppen in der Bush-Administration in die Öffentlichkeit lanciert wurden. Die Verantwortung dafür wird insbesondere Beamten des Verteidigungsministeriums von Donald Rumsfeld angelastet. Die französiche Seite beklagt, dass es keine sichtbaren Bemühungen des Weißen Hauses oder eines anderen Ministeriums gegeben habe, die Quellen dieser Gerüchte ausfindig zu machen und sie zum Schweigen zu bringen. Von Seiten der US-Regierung hieß es, die Vorwürfe seien "kompletter Unsinn".

Das Protestschreiben Frankreichs an die USA ist ein weiterer Beleg für die zerrütteten Beziehungen zwischen den beiden Nato-Partnern. Die US-Regierung ist nach wie vor verärgert darüber, dass die Franzosen in der Uno eine Führungsrolle übernommen hatten, um den Irak-Krieg zu verhindern.

Die bislang gravierendste Beschuldigung wurde am 6. Mai in einem Artikel der "Washington Times" erhoben: Einer anonymen Geheimdienstquelle zufolge sollen französische Offizielle in Syrien flüchtige Iraker mit französischen Pässen ausgestattet haben. Nachdem daraufhin der französische Botschafter beim Weißen Haus scharfen Protest einlegte, beruhigte man diesen, die Informationen der "Washington Times" entsprächen nicht der Wahrheit.

Aber zwei Tage nach dem Erscheinen des Berichts beauftragte laut "Washington Post" der Vorsitzende des Rechtsausschusses des US Repräsentantenhauses, F. James Sensenbrenner, die Heimatschutzbehörde, den Vorfall zu untersuchen. Die erneut stark protestierenden Franzosen wurden vom Sprecher des Außenministeriums Richard Boucher beschwichtigt: "Wir haben keine Informationen, die diese Vorwürfe untermauern könnten." Doch wiederum am nächsten Tag erklärte der Verteidigungsminister Rumsfeld: "Frankreich hat eine historisch eng gewachsene Beziehung zum Irak. Ich glaube, dass das bis zum Ausbruch des Krieges aufrechterhalten wurde. Was danach passiert ist, werden wir herausfinden."

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