Scheiternder Irak Bushs Krieg, Obamas Problem

Der Irak-Krieg war ein furchtbarer Fehler. Aber der Abzug der Amerikaner vielleicht auch? Der Vormarsch islamistischer Terroristen weckt Zweifel an der Strategie von US-Präsident Obama.

AP

Von , Washington


Es ist Zufall, dass die Anhörung ausgerechnet in dieser Woche stattfindet. Aber der Zufall macht klar, wie groß die Differenz ist zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und so sitzen Stuart Jones und Robert Beecroft an diesem Mittwochnachmittag vor dem Senatsausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, während in Washington die Nachrichten vom Vormarsch der Terroristen im Irak die Runde machen.

Jones soll Beecroft als US-Botschafter in Bagdad nachfolgen; Beecroft geht dafür nach Kairo. Das muss der Senat abnicken, deshalb sind die beiden hier.

Stuart Jones, der Neue für Bagdad, legt los. Von den "Opfern und Errungenschaften" des US-Militärs berichtet er; davon, dass man der Unterdrückung durch das Regime Saddam Husseins ein Ende gemacht habe; dass Amerika dabei helfe, einen neuen Irak zu schaffen: mit demokratischen Institutionen und sicheren Grenzen; auch vom wirtschaftlichen Fortschritt ist die Rede.

Das hört sich dieser Tage an wie ein Märchen aus fernen Zeiten: Als die USA aus dem Irak einen demokratischen Staat machen wollten, einen Leuchtturm im Meer arabischer Despoten. In der Wirklichkeit sind jetzt die Dschihadisten der Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) auf Eroberungszug, gerade haben sie die Großstädte Mossul und Tikrit eingenommen, die größte Ölraffinerie in Baidschi gekapert - und sie halten türkische Diplomaten in Geiselhaft. Möglicherweise haben sie schon Bagdad im Blick. Das ist die Lage.

Die irakische Armee scheint überfordert

Da kommt Botschafter Jones nach ein paar Minuten dann auch an. Isis sei eine der gefährlichsten Terrorgruppen weltweit, sagt er. Eine solche Gewaltwelle habe es im Irak seit dem Jahr 2007 nicht mehr gegeben, als die Amerikaner mit der "Surge" genannten massiven Truppenaufstockung samt Strategie der Aufstandsbekämpfung die Lage schließlich beruhigen konnten. Nur: Die Amerikaner sind im Dezember 2011 komplett abgezogen. Und die irakische Armee scheint überfordert. Ihre Soldaten türmen, statt den Aufstand zu bekämpfen.

Im Mai soll Regierungschef Maliki die USA gebeten haben, Luftangriffe gegen die Dschihadisten zu fliegen. So sollte nach Informationen von "New York Times" und "Wall Street Journal" verhindert werden, dass die sunnitischen Kämpfer von Syrien aus in den Irak gelangten. Eine US-Regierungssprecherin nahm zu den Einzelheiten nicht Stellung.

Beim Hearing in Washington werden auch die fortdauernden US-Rüstungslieferungen an die Regierung in Bagdad erwähnt, darunter schwere Waffen wie Hellfire-Raketen. Demnächst sollen Apache-Kampfhubschrauber geliefert werden, sogar F-16-Kampfjets haben die Iraker geordert. Gepanzerte Humvee-Geländewagen und kleinere Flugzeuge stehen im US-Kongress noch zur Debatte. Jen Psaki, die Sprecherin des US-Außenministeriums, kündigt am Mittwoch zudem weitere Unterstützung an, die sie nicht spezifizieren will. Möglicherweise handelt es sich um den Einsatz von Aufklärungsdrohnen. Doch was hilft all das, wenn eine Armee nicht kämpfen will? Am Mittwoch wurden per Twitter Bilder verbreitet, auf denen Islamisten unter anderem mit erbeutetem Militärgerät posieren.

Tikrit, Mossul, Falludscha - plötzlich sind da wieder all diese Namen, die man in Amerika endlich hinter sich gelassen zu haben glaubte. War der Komplettabzug vielleicht sogar ein Fehler? Die außenpolitischen Falken der Republikaner haben diese Theorie stets vertreten, vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse im Irak aber finden sie plötzlich Gehör.

"Der Präsident macht in Afghanistan den gleichen Fehler"

"Unsere schlimmsten Befürchtungen treten ein, die schwarze Fahne al-Qaidas weht über Mossul", erklärten die Republikaner-Senatoren John McCain, Lindsey Graham und Kelly Ayotte. Dass nun Terroristen ein Rückzugsgebiet finden würden im Irak und in Syrien, das sei die Folge von Obamas übereiltem Truppenabzug. "Unglücklicherweise macht der Präsident jetzt in Afghanistan den gleichen Fehler", so die drei Senatoren mit Blick auf den bevorstehenden Abzug der Nato-Kampftruppen.

Obama hatte bei Amtsantritt 2009 versprochen, die Kriege in Afghanistan und im Irak zu beenden. Weil es kurz vorm Abzug 2011 nicht gelang, mit Iraks Regierung ein Abkommen für den Verbleib einer US-Ausbildungstruppe zu verhandeln, holte Obama alle Soldaten nach Hause. Stets hatte er den Einsatz im Irak als "dummen" Krieg bezeichnet. Es war ein Krieg, den sein Vorgänger George W. Bush völkerrechtswidrig vom Zaun gebrochen hatte. Ein einziger, großer Fehler. Doch was, wenn Obamas Entscheidung zum Abzug ebenfalls ein Fehler war? Das ist die Frage, die sich das politische Washington jetzt stellt. McCain und Co. wissen diese Verunsicherung zu befördern. Bushs Krieg ist Obamas Problem.

Der Politologe Vali Nasr, einst Berater von Ex-Außenministerin Hillary Clinton, hat Obama in dem Buch "The Dispensable Nation" schwere Vorwürfe gemacht: "Wir zerbrachen den Irak; dann mühten wir uns eine Weile, ihn wieder zusammenzusetzen; und jetzt interessiert er uns nicht mehr." Erst der Krieg, dann ein übereilter Abzug - das ist aus Nasrs Sicht der doppelte Fehler: Es brauche ja schon viel, um das durch den Krieg verlorene Vertrauen wiederaufzubauen; "aber das Misstrauen, das wir mit unserem Abzug gesät haben, wird uns noch zusätzlich in Rechnung gestellt".

Die US-Regierung verkündete am späten Mittwochabend, man werde im Kongress für den geplanten Anti-Terror-Fonds werben, den Obama in einer außenpolitischen Grundsatzrede im Mai angekündigt hatte. Mit fünf Milliarden Dollar soll anderen Ländern beim Kampf gegen den Terror geholfen werden. So könne auch der Irak im Kampf gegen die Isis-Terroristen weiter unterstützt werden. Der britische Außenminister William Hague gab derweil zu Protokoll, die Entsendung von Truppen in den Irak komme "nicht in Frage".

Unruhen im Irak

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Seite 1
Markenbox 12.06.2014
1. Dominotaktik
Zitat von sysopAFP/ IsilDer Irak-Krieg war ein furchtbarer Fehler. Aber der Abzug der Amerikaner vielleicht auch? Der Vormarsch islamistischer Terroristen weckt Zweifel an der Strategie von US-Präsident Obama. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-terror-bushs-krieg-obamas-problem-a-974655.html
über die Türkei kommt die Bedrohung immer näher an Europa heran. Das ist gut so. Diese Verharmlosung der Islamisten und sogar die Unterstützung hat jetzt sicher bald ein Ende. Die Türkei rutscht mit rein und als Natopartner sitzen wir dann mit im Boot. An der syrischen Grenze stehen ja schon deutsche Soldaten. Der Westen unter Führung der USA hat es fertig gebracht aus einem Terroranschlag einen Weltkrieg zu machen. Unser Wertesystem wird von den Rändern her aufgefressen, weil keiner einen sinnvollen Gegenplan hat, sondern immer nur Verständnis und verquaste und heuchlerische Unterstützungstheorien aufgebracht werden. Dekadenz hat auf lange Sicht keine Chance gegen Fanatismus.
rechtschreibreformreform 12.06.2014
2. War es ein furchtbarer Fehler?
Zitat von sysopAFP/ IsilDer Irak-Krieg war ein furchtbarer Fehler. Aber der Abzug der Amerikaner vielleicht auch? Der Vormarsch islamistischer Terroristen weckt Zweifel an der Strategie von US-Präsident Obama. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-terror-bushs-krieg-obamas-problem-a-974655.html
War es ein furchtbarer Fehler? Dann aber schnell wieder rein da und die "Rechte" an Rohstoffvorkommen und Pipelines gesichert. ... bzw. die Demokratie und Menschenrechte, oder so ....
calvincaulfield 12.06.2014
3. 1. Phase
Leugnen
kladderadatsch 12.06.2014
4. Wunsch und Wirklichkeit
passt hier sehr gut. Es wird den USA nichts anderes übrig bleiben, als wieder militärisch einzugreifen.
opinio... 12.06.2014
5. kein Fehler, sondern
eine schreckliche Dummheit. Man hat ein System gestürzt, dessen kulturellen Hintergrund man nicht verstanden hat. Freiheit und Demokratie nach westlichem Muster passt nicht in die Kultur dieser Gegend. Und mit Panzern kann man keine Erziehung und Bildung ersetzen.
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