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Irak: Terroristen benutzen Zehnjährigen als Selbstmordattentäter

Von Yassin Musharbash

Ein Kind hat mit einem Sprengstoffgürtel im Irak ein Blutbad angerichtet. Der vermutlich jüngste Selbstmordattentäter aller Zeiten riss sechs Stammesälteste in den Tod - sie wollten gerade über eine Strategie gegen Terroristen beraten.

Berlin - Al-Qaida effektiver bekämpfen - das war das Thema der Clanchefs bei ihrem Treffen in der Provinz Diyala. Doch genau bei dieser Konferenz nahe Khalis schlugen am vergangenen Freitag Terroristen zu: Ein Selbstmordattentäter sprengte sich in die Luft, riss sechs Scheichs mit sich in den Tod.

Stammesführer auf dem Weg zu Aussöhnungskonferenz: Mit dem Sprengsstoffgürtel in den Empfangssaal
AP

Stammesführer auf dem Weg zu Aussöhnungskonferenz: Mit dem Sprengsstoffgürtel in den Empfangssaal

Jetzt haben die Behörden ihn identifiziert, berichtet die panarabische Zeitung "Al-Hayat" - ein erst zehn Jahre alter Junge habe die Bluttat begangen. Scheich Suhair Abd al-Jabbar al-Janabi sagte der Zeitung, die sich in der Irak-Berichterstattung generell als glaubwürdig erwiesen hat, dass der Junge seinen Sprengstoffgürtel im Empfangssaal von Gastgeber Scheich Fais Mudschrin al-Ubaidi zündete. Die Explosion habe sich inmitten der Versammlung der Scheichs ereignet.

Die beiden Stämme Tamim und Jabur hatten gerade erst Frieden miteinander geschlossen, um gemeinsam eine Strategie gegen al-Qaida und verwandte Organisationen anzugehen. Teilnehmer des Treffens wiesen die Verantwortung für den Anschlag klar dem Terrornetzwerk zu: "Jene, die von der Tragödie profitieren" und al-Qaida seien verantwortlich, sagte Janabi. Es sei schon das zweite Attentat in zwei Wochen gegen die Allianz der Stämme. Doch "trotz unserer großen Verluste sind wir entschlossen, al-Qaida zu vertreiben". Janabi rief laut "al-Hayat" auch alle anderen Stämme dazu auf, sich gegen die Terroristen zu stellen. 80 Stämme hätten schon Bündnisse gegen al-Qaida & Co. geschlossen, Sunniten wie Schiiten.

Solche lokalen Allianzen gibt es seit mehreren Monaten. In der Provinz Anbar, die für ihr Klima der Gewalt berüchtigt war, haben sie erheblich zu einem Rückgang der Anschläge beigetragen. Örtlich arbeitet man auch mit der US-Armee zusammen. David Petraeus, US-Oberbefehlshaber im Irak, zählt die Allianzen zu den wenigen Erfolgsgeschichten im Land und unterstützt sie ausdrücklich, auch materiell.

Kritiker wenden ein, dass die Terroristen oft nur in andere Gegenden vertrieben werden. So hätten die Stammesallianzen gegen al-Qaida in Anbar dazu geführt, dass das Terrornetzwerk sich in der Provinz Diyala reorganisiert habe.

Noch kein Bekennerschreiben

In den Kommuniqués der irakischen Qaida-Filiale werden die Stammesscheichs als Verräter an Islam und Dschihad beschimpft. Mehrmals wurden Repräsentanten der Bündnisse angegriffen. Qaida-Chef Osama Bin Laden hatte in einer Ansprache im Oktober allerdings die irakischen Mudschahidin dazu aufgerufen, alle militanten Gruppen und irakischen Stämme für den vereinten Kampf gegen die US-Armee zu versammeln.

Auf dschihadistischen Internet-Seiten, auf denen sich die irakische Qaida gemeinhin zu ihren Taten bekennt, gibt es zur Stunde kein Bekennerschreiben zum Anschlag vom Freitag. Auch andere militante Gruppen bekannten sich nicht dazu, den Zehnjährigen als Mörder losgeschickt zu haben.

Der Junge ist der vermutlich jüngste Selbstmordattentäter, seit libanesische Gruppen diese Taktik in den achtziger Jahren im Nahen Osten erstmals einsetzten. Im Juni wurde aus Afghanistan berichtet, Taliban hätten einem sechs Jahre alten Jungen einen Sprengstoffgürtel gegeben - und ihm versprochen, dieser würde Blumen versprühen, sobald er den Knopf betätige. Er solle dies tun, wenn er in der Nähe von US-Soldaten sei. Der Junge wandte sich den Berichten zufolge jedoch rechtzeitig an afghanische Sicherheitskräfte.

Im November 2005 hatte die irakische Qaida-Filiale zum ersten Mal eine westliche Konvertitin für ein Selbstmordattentat rekrutiert. Die Belgierin Muriel Degauque griff mit einem mit Sprengstoff gefüllten Fahrzeug eine US-Militärpatrouille an und kam dabei ums Leben.

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