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Irak: Todesfallen aus dem Pentagon

Scharfschützen der US-Armee sollen Iraker mit Militärgerät geködert haben, um sie dann töten zu können. Die Vorgabe ist nach Aussagen eines Offiziers aus dem Pentagon gekommen - die Militärführung wollte die Vorwürfe nicht bestätigen.

Hamburg/Washington - "Im Grunde genommen haben wir einen Gegenstand ausgelegt und beobachtet. Wenn ihn jemand fand, aufhob und versuchte, mit dem Gegenstand zu verschwinden, behandelten wir die Person, als ob das ein Zeichen dafür war, ihn gegen die US-Streitkräfte zu verwenden." Mit dieser Aussage belastet Captain Matthew P. Didier die Armeeführung. Denn Didier sagte laut Dokumenten, die der "Washington Post" vorliegen, diese Taktik sei von Vertretern des Pentagon vorgegeben worden.

US-Scharfschütze im Irak: Schwere Vorwürfe an die Militärführung
AP

US-Scharfschütze im Irak: Schwere Vorwürfe an die Militärführung

Als "Köder" seien unter anderem Zünderkabel, Munition und Plastiksprengstoff eingesetzt worden, berichtete die "Washington Post". Das geheime Programm wird der Zeitung zufolge in Ermittlungsakten für einen Prozess gegen drei Scharfschützen beschrieben. Didier war Anführer einer dem ersten Bataillon des 501st Infanterie-Regiments angeschlossenen Elite-Scharfschützeneinheit.

Didier sagte demnach aus, Mitglieder einer Pentagon-Gruppe hätten seine Einheit im Januar besucht und ihnen später Kisten ausgehändigt, in denen die entsprechenden Gegenstände lagen. Laut "Washington Post" wussten mehr als ein Dutzend Mitglieder der Einheit von dem Programm. Viele weitere hätten die Köder gekannt, nicht aber deren Zweck.

Mitglieder von Didiers Einheit sagten, sie hätten stark unter Druck gestanden, mehr Treffer zu erzielen - angesichts der starken US-Verluste. "Es ist unser Job hier, Leute umzulegen, die Böses tun", sagte Specialist Joshua L. Michaud im Juli im Irak während einer Anhörung. "Ich würde es nicht Rache nennen, aber wir mussten einen Weg finden, um die Bösen zu kriegen und noch den ordentlichen militärischen Anstrich zu wahren."

Der Präsident des Nationalen Instituts für Militärgerechtigkeit, Eugene Fidell, sagte der Zeitung, ein solches Köderprogramm müsse "akribisch untersucht" werden. Denn es stelle sich automatisch die Frage, was passiere, wenn Zivilisten die Gegenstände aufheben würden.

Irak sei von Waffen und Kriegsmaterial überflutet. Wenn jeder, der irgendetwas aufhebe, das irgendwie als Waffe genutzt werden könne, zum Ziel von Scharfschützen werde, "dann könnte auch gleich jeder Iraker mit einer Zielscheibe auf dem Rücken rumlaufen".

Vertreter des US-Militärs wollten die Vorwürfe nicht bestätigen. "Wir sprechen nicht über die Methoden, wie wir Kampf-Gegner angreifen", sagte ein Sprecher der "Washington Post". Weiter sagte er: "Es gibt keine Geheim-Programme, die den Mord an Irakern rechtfertigen und die Benutzung von hingelegten Waffen, um solche Tötungen legal erscheinen zu lassen."

Der "Washington Post" zufolge haben Ermittler allerdings die von Didier erwähnten Kisten auf dem Stützpunkt der Scharfschützen im Irak entdeckt.

flo/AFP

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