Todesurteil gegen deutsche IS-Anhängerin Ratlos in Bagdad

Tod durch Strang: So lautet das Urteil gegen eine mutmaßliche IS-Anhängerin und Deutsch-Marokkanerin im Irak. Es stellt die Bundesregierung vor eine schwierige Frage: Soll sich Berlin einmischen?

Gefängnis im Irak
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Gefängnis im Irak

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Als drei Ermittler und ein Islamwissenschaftler des Bundeskriminalamts (BKA) Ende August nach Bagdad reisten, um Lamia K. in einem Gefängnis der irakischen Armee zu vernehmen, trafen sie auf eine anscheinend gebrochene Frau. Eineinhalb Stunden lang erzählte die 50-Jährige von ihren drei Jahren beim "Islamischen Staat" (IS), zwischendurch musste sie weinen.

Sie habe zurück nach Deutschland gewollt, erzählte die Deutsch-Marokkanerin. Doch sie sei in eine Falle geraten. Am Ende, als der IS fast besiegt war, habe die irakische Armee sie und ihre Tochter ins Gefängnis gebracht, wo sie nun mit zwei anderen Frauen aus Deutschland sitzen.

Vergangene Woche verurteilte ein Gericht in Bagdad Lamia K. zum Tod am Strang, gegen ihre 21-jährige Tochter Nadja wird noch voraussichtlich bis Ende Januar verhandelt.

Das Urteil bringt die Bundesregierung in ein Dilemma. Einerseits will sie verhindern, dass eine deutsche Staatsbürgerin hingerichtet wird, andererseits hat sie immer betont, den Wiederaufbau des Iraks als eigenständigen Staat zu fördern. Da wäre eine zu deutliche Einmischung kontraproduktiv, heißt es aus Regierungskreisen. Der deutsche Botschafter habe in Gesprächen mit den Irakern zwar betont, dass seine Regierung die Todesstrafe massiv ablehne; viel mehr aber könne man für Lamia K. derzeit nicht tun.

Was womöglich auch daran liegt, dass nach Ansicht der Iraker Lamia K. den IS als Sanitäterin unterstützt und sich bislang nicht klar vom Islamismus distanziert haben soll.

Plötzliche Ausreise mit den Kindern

Den deutschen Behörden war Lamia K. schon im September 2010 aufgefallen. Damals entdeckte der Verfassungsschutz Äußerungen auf einer Internetplattform, in denen K. prahlte, sie habe schon zehn Leute ins Ausland vermittelt, die dort auf den "heiligen Krieg" vorbereitet würden.

Auf derselben Plattform spielte sie Ansprachen von Osama Bin Laden ab, auf YouTube war ihre Mobilnummer für einen Videokanal namens "antrax2014" als Kontakt angegeben. In abgehörten Telefonaten lobte Lamia K. den IS und erklärte, die Teilnahme am Dschihad sei für jeden Mann eine Pflicht. Sie sei ein seltenes Beispiel für eine "Radikalisierung im höheren Alter", sagt ein Beamter.

Zu diesem Zeitpunkt war sie von ihrem früheren Ehemann und Vater ihrer drei Kinder bereits seit zehn Jahren getrennt. Sie hatten sich in Trier kennengelernt, wo Lamia K. Germanistik studierte. Nach der Scheidung kehrte sie kurz nach Marokko zurück, kam dann aber wieder nach Deutschland, wo sie zuletzt im Mannheimer Stadtteil Jungbusch wohnte.

Im Sommer 2014 habe sie ihm gesagt, sie wolle mit beiden Töchtern Urlaub in der Türkei machen, erzählt der Ex-Mann dem SPIEGEL. Dass sie tatsächlich nach Syrien reiste, mache ihn noch immer fassungslos. Nadja sei damals noch eine Schülerin gewesen, "ein normales weltoffenes Mädchen".

Soumaya saß schwerbehindert im Rollstuhl, sie konnte nicht gehen, nicht selbstständig trinken, nicht sprechen. Unglaublich, sagt der Ex-Mann, aber doch passend. "Lamia hatte schon immer ein extremes Schwarz-Weiß-Denken."

Ernüchtert vom IS

Lamia K. selbst sagte in der Vernehmung mit dem BKA, sie habe sich in Deutschland nie wirklich akzeptiert gefühlt, wenn sie den Hijab trug. Im Internet habe ihr dann ein Mann aus Syrien geschrieben, wie schön es beim IS sei. Sie habe gedacht, dass sich in Syrien "Leute einem Tyrannen widersetzen und ein Territorium holen, um frei unter der Scharia zu leben".

Ihre Ausreise sei schließlich durch einen Kontakt mit dem Verfassungsschutz ausgelöst worden. Kurz zuvor seien Mitarbeiter der Behörde zu ihr nach Hause gekommen, um mit ihr über die Äußerungen im Internet zu reden. Nach dieser Gefährder-Ansprache habe sie erfahren, dass sie überwacht worden war. Da habe sie Angst bekommen und die Flugtickets gekauft.

Die Zeit beim IS aber habe sie schnell ernüchtert. Im syrischen Rakka, wo ihre Tochter Nadja einen Tunesier geheiratet und von ihm ein Kind bekommen habe, habe es keine Medikamente und Windeln gegeben. Deshalb seien sie nach Mossul in den Irak gezogen, wo aber bald die Armee einmarschierte.

Bei den Gefechten sei Soumaya, ihre behinderte Tochter, von einem Splitter im Rücken getroffen worden und gestorben. Sie habe die 17-Jährige auf einer Matratze auf dem Dach abgelegt und nicht auf die Straße geworfen, wie es die anderen wollten. Beamte, die Lamia K. besucht haben, sprechen von einer "hochgradig desillusionierten" Frau.

Berlin hofft auf milderes Urteil

Nach der Festnahme der deutschen IS-Frauen im Juli hatten die deutschen Behörden eigentlich damit gerechnet, dass es nicht lange dauern würde, bis die Gefangenen nach Deutschland überstellt würden. Am 12. Mai aber wird im Irak gewählt, die Chancen auf eine weitere Amtszeit von Ministerpräsident Haider al-Abadi hängen auch davon ab, wie der Staat mit den Gefangenen der besiegten Terrormiliz umgeht.

Große Teile der Bevölkerung sind von den Gräueltaten des IS traumatisiert, viele haben ihre Angehörigen bei Kämpfen oder Massakern verloren. Sie erwarten harte Strafen, vor allem gegen die ausländischen Kämpfer, die nach Meinung vieler das Unheil erst ins Land gebracht haben. Mit einer Hinrichtung könnte Abadi Stärke beweisen, gerade weil er im Ruf steht, zu weich und dem Westen zugeneigt zu sein.

Die Deutschen hoffen dennoch, dass das Urteil in der zweiten Instanz zu einer Gefängnisstrafe abgemildert wird. In Verhandlungen über künftige Aufbauhilfen könnte man nach der Wahl dann über eine Auslieferung der Frauen reden.

Lamia K.s Ex-Mann, der Vater von Nadja, will sich dafür einsetzen, dass seine Tochter und ihr kleines Kind bald nach Deutschland zurückkehren. Seine Enkelin wird in wenigen Wochen zwei Jahre alt.

SPIEGEL TV: Deutsche Aussteigerin: Maryam A. über ihr Leben beim IS

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