Von Carsten Volkery, London
Hundertprozentig loyal blieben nur die engsten Vertrauten aus der Downing Street, PR-Berater Alastair Campbell und Stabschef Jonathan Powell. Die meisten Vertreter des Außenministeriums hingegen versuchten, sich reinzuwaschen. Der frühere Botschafter in Washington, Christopher Meyer, warf Blair vor, bereits im April 2002 auf der Ranch in Crawford den "Blutschwur" an Bush geleistet zu haben. Der damalige Außenminister Jack Straw versuchte, sich als einer der Hauptskeptiker des Irak-Kriegs darzustellen, dabei war er im innersten Zirkel an allen Entscheidungen beteiligt.
"Jetzt plötzlich entdecken sie ihr Gewissen", höhnte der ehemalige Außenstaatssekretär Denis McShane voller Verachtung für seine früheren Kollegen im "Independent". Blair die Schuld in die Schuhe zu schieben, sei groß in Mode, dabei seien damals fast alle der Meinung gewesen, dass Saddam weg müsse.
Die Empörung über Blair wirkt wohlfeil, wenn man bedenkt, dass die Entscheidung für den Krieg im Unterhaus fiel - mit breiter Mehrheit von Labour und der konservativen Opposition. Darauf kann Blair sich stets zurückziehen. Bis auf wenige Überzeugungstäter, die damals zurücktraten, hat das Gros des politischen Establishments mitgemacht - und kann sich daher nun nicht aus der Verantwortung stehlen.
Eine Entschuldigung wird das Land wohl nicht bekommen
Doch bündeln sich die Vorwürfe unweigerlich in der Person an der Spitze. Den meisten Briten gilt Blair als schuldig - egal, was er vor dem Ausschuss sagt. Aus moralischen Gründen habe er den Machtwechsel im Irak gewollt, lautet die gängigste Version des Krieges, und die Begründung der Massenvernichtungswaffen wurde mehr oder weniger erfunden. Das Einzige, was aus dieser Sicht noch fehlt, sind ein Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung.
Eine Entschuldigung werde das Land von Blair jedoch nie bekommen, prognostiziert sein Biograf Anthony Seldon. Er müsse sich auch nicht entschuldigen, findet Seldon, aber zumindest damit aufhören, sich selbst zu rechtfertigen.
Im Dezember hatte Blair in einem BBC-Interview trotzig verkündet, eine Invasion wäre auch dann richtig gewesen, wenn der Westen gewusst hätte, dass Saddam keine Massenvernichtungswaffen besaß. Dann hätte man eben andere Gründe finden müssen, hatte er hinzugefügt - und so die Kritiker in ihrer Meinung bestätigt.
"Tief drinnen muss er wissen, dass er Fehler gemacht hat"
Solche Uneinsichtigkeit treibt selbst wohlgesonnene Beobachter zur Verzweiflung. "Tief drinnen muss er wissen, dass er Fehler im Irak gemacht hat, aber er weigert sich, sie anzuerkennen", schrieb Seldon in einem Gastbeitrag im "Observer". Sein Rat: Blair solle eingestehen, dass er die Öffentlichkeit mit Falschinformationen in die Irre geführt habe. Statt seiner Rechthaberei müsse er Demut zeigen. Nur so könne die "Narbe" des Irak-Kriegs heilen. Sonst werde der Krieg Blair weiter verfolgen und alles überschatten, was er erreicht habe.
Wenn der Auftritt von Blairs engstem Mitstreiter Alastair Campbell irgendein Indiz ist, dann hofft Seldon vergeblich: Der frühere Spin-Doctor gab vor dem Ausschuss zu Protokoll, er sei stolz auf den Irak-Krieg.
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