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Irak-Politik der USA: Gegen diese Terroristen hilft nur Waffengewalt

Ein Kommentar von  

REUTERS

Minderheiten werden verfolgt, ganze Völker bedroht: Die Lage im Irak ist katastrophaler denn je. Die USA stehen in der Pflicht. Doch was Obama jetzt macht, ist zu zögerlich.

Der Irakkrieg holt die USA ein. Aber es soll nicht so klingen: US-Präsident Barack Obama will nur ein bisschen Krieg, Luftschläge zum Schutz von US-Bürgern vor Ort zum Beispiel und humanitäre Hilfe. Er hat recht, ein neuer, umfassender Feldzug wäre fatal. Aber was er anbietet, ist zu zögerlich. Nötig wären gezielte Angriffe gegen Extremisten, um einen Völkermord zu verhindern.

Die USA stehen in der Verantwortung, denn sie haben maßgeblich dazu beigetragen, den Irak in diese Misere zu steuern. Erinnern wir uns an dieses Bild von Präsident George W. Bush, das sich eingebrannt hat in das kollektive Gedächtnis: wie er im Mai 2003 auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" landete, im grauen Fliegeranzug vor die Soldaten trat und zu ihnen sprach. "Mission Accomplished", "Auftrag erfüllt", stand auf einem Banner, hoch oben auf der Brücke. Das Gröbste, behauptete Bush, sei geschafft.

Acht Jahre später sagte sein Nachfolger Obama, als er der Welt den Truppenabzug erklärte, der Irak sei zwar "kein perfekter Ort", aber doch "souverän, stabil und selbstständig".

Beide Präsidenten vermittelten der Öffentlichkeit ein falsches Bild von der Lage im Irak. Sie war schlecht unter Saddam Hussein. Seit seinem Sturz aber ist sie noch schlechter: Ständige Anschläge lähmen die Menschen. Das Land, die Gesellschaft, die Politik sind zerrissen.

Massenvernichtungswaffen, die der Irak angeblich besaß und die den Einmarsch rechtfertigen sollten, existierten nicht. Und das Terrornetzwerk al-Qaida und andere islamistische Milizen setzten sich dort erst in Folge des Krieges fest.

Politiker in Washington wissen das. Der damalige Verteidigungsminister Leon Panetta hätte deshalb gerne ein paar Tausend Soldaten im Land belassen, aber das war weder den US-Wählern, noch der irakischen Bevölkerung zu vermitteln. Also zog man die Truppen stattdessen ab und überließ den Irak sich selbst, in einer Situation, in der ein Frieden nicht absehbar und ein tyrannischer Regierungschef an der Macht war.

Jenseits der zivilisatorischen Grenzen

Anders als bei der Invasion 2003, als Deutschland sich wohlweislich heraushielt und sich dafür den Zorn der USA zuzog, erleben wir jetzt im Irak die furchtbare Situation, in der ein bewaffnetes Eingreifen die bessere Lösung ist als der Verzicht auf militärische Gewalt.

Denn die Terrororganisation "Islamischer Staat" tötet jeden, der sich ihr nicht unterordnet. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, alle Minderheiten sind betroffen, selbst Sunniten, die sich weigern, die rückständige Form des Islam ihrer Glaubensbrüder hinzunehmen.

Viele Tausend Menschen, Angehörige der Jesiden, harren seit dem Wochenende in den Bergen in der Umgebung ihrer Heimat Sindschar aus. Hunderte sind schon verdurstet. Die Flüchtlinge sind gefangen in der Höhe, bei 40 Grad Celsius, weil Extremisten die Region kontrollieren und jeden erschießen, der es wagt, von dort zurückzukehren. Der Abwurf von Trinkwasser und Lebensmitteln, wie Obama es plant, kann nur ein erster Schritt sein.

Wer ein ganzes Volk in die Berge jagt, es belagert und verhungern lässt, wer in Kauf nimmt, dass viele Tausend Menschen - Männer, Frauen, Kinder, Junge und Alte - ums Leben kommen, weil sie sich nicht mit Kalaschnikows zu einem anderen Glauben zwingen lassen wollen, und wer Menschen exekutiert und auch noch stolz darauf ist, der steht jenseits der zivilisatorischen Grenzen. Ein solcher Terror ist nur mit Waffengewalt zu stoppen.

Der Irak ist weder souverän noch stabil noch selbstständig. Mission not accomplished.

Zum Autor
Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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insgesamt 136 Beiträge
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1. Ach was war es vor dem Irakkrieg so schön und friedlich
analyse 08.08.2014
im Irak: Nur mal so eben 30000 Kurden mit Giftgas gemordet,das Volk brutal unterduckt,viele gefoltert und erschossen,man muß nur mal die Berichte lesen, v o r den Irakkriegen ! z.B. in "Die ZEIT".Nun aber,ist natürlich Amerika an allem schuld,und wenn sie jetzt helfen,sind sie wieder schuld und wenn sie nicht helfen,natürlich auch. So einfach ist das !
2. Eine Gesellschaft funktioniert nur
brüderlich 08.08.2014
Zitat von sysopREUTERSMinderheiten werden verfolgt, ganze Völker bedroht: Die Lage im Irak ist katastrophaler denn je. Die USA stehen in der Pflicht. Doch was Obama jetzt macht, ist zu zögerlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-und-is-ein-militaerisches-eingreifen-ist-noetiger-denn-je-a-985067.html
wenn die Regeln und der Schaden, der einem aus einem Verstoß dagegen widerfährt, ernst genommen werden. Wer bereit ist zu sterben, kann prinzipiell jedes Verbrechen begehen. Nichts wird ihn davon abhalten. Weil es keine härtere Strafe als den Tod gibt. Ich glaube nicht, dass gutes Zureden reichen wird. Manchmal hilft leider nur Gewalt. - Leider.
3. .
frubi 08.08.2014
Zitat von sysopREUTERSMinderheiten werden verfolgt, ganze Völker bedroht: Die Lage im Irak ist katastrophaler denn je. Die USA stehen in der Pflicht. Doch was Obama jetzt macht, ist zu zögerlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-und-is-ein-militaerisches-eingreifen-ist-noetiger-denn-je-a-985067.html
Selbst als überzeugter Pazifist kann ich dem nur zustimmen: die ISIS gehört aufgehalten, mit allen verfügbaren Mitteln.
4. Das Dilemma der Friedensfreunde
mps58 08.08.2014
Das Dilemma der Friedensfreunde besteht stets darin, dass sie keine Antwort auf die Taten gewalttätiger Verbrecher haben, und ihnen damit direkt in die Hände spielen, ja Mitschuld haben am Tod unschuldiger Menschen.
5. Die Quellen trocken legen
sag-geschwind 08.08.2014
Man sollte die Quellen des Terrors trocken legen, anstatt ein paar über's Ziel hinausschießende Symptome zu bekämpfen. Derzeit liefert Deutschland Panzer an die Finanz-Quellen dieses Terrors.
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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.


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